Zur Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg 2017 begeben sich die Studentinnen und Studenten der Klasse für Freie Kunst mit Schwerpunkt Malerei unter der Leitung von Prof. Michael Hakimi in die Vergangenheit der Akademie und schlagen mit ihrer Kunst eine Brücke in das Jahr 2017.

Klasse Prof. Michael Hakim, Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg
Klasse Prof. Michael Hakim, Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg

Wer auf seinem Rundgang durch die diesjährige Jahresausstellung der Akademie den Pavillon der Klasse Hakimi betritt, der findet dort – nichts.

Zumindest auf den ersten Blick. Die Klassenzimmer sind komplett ausgeräumt, gänzlich unberührt erscheint hier alles. Keine Werkzeuge, keine Farbreste, keine Werke, der Pavillon empfängt seine Besucher in reinem Weiß. Hier wurde sozusagen eine white cube par excellence geschaffen, nur scheint die ausgestellte Kunst zu fehlen.

Doch gerade die völlige Leere der Räume evoziert eine Betonung des Raumes selbst – die Architektur stellt sich selbst aus. Sie wurde in ihren Urzustand zurückversetzt und führt, bis auf nachträglich in die Fensterfronten eingebaute Türen und veränderten Bodenbelag, vor Augen, wie der Pavillon zur Zeit der Akademieeröffnung Anfang der 1950er Jahre aussah.

Als Inventar sind lediglich sanduhrförmige Aschenbecher vorzufinden, die in der Mitte jedes der sonst leeren Zimmer positioniert wurden und vor einem der Fenster hängt ein einzelner Vorhang.

Klasse Prof. Michael Hakim, leerer Klassenraum, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg
Klasse Prof. Michael Hakim, leerer Klassenraum, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg

Die Aschenbecher verweisen dabei auf das Rauchen, auch in den Innenräumen, als elementare Begleiterscheinung des Kunstschaffens in den Anfangsjahren der Akademie.

Der schwarz-weiße, von grafischen Formen überzogene Vorhang fungiert ebenfalls als Bezug zum damaligen künstlerischen Arbeiten: Das Motiv entstammt dem Werk eines Studenten, das auf historischen Fotoaufnahmen aus einer Festschrift der 50er Jahre in seinem Entstehungsprozess zu sehen ist.

Zudem soll der Vorhang als solcher selbst auch noch einmal Verweis auf die hier betonte Architektur sein, da in der Anfangszeit der Akademie in der Bingstraße Vorhänge mehr noch als heute als festes architektonisches Element betrachtet wurden.

Der in mühevoller Arbeit von verkrusteten Farbresten und all den anderen Spuren des künstlerischen Arbeitens befreite Pavillon, der auch aller Materialien und Werkzeuge entledigt wurde, ist jedoch mitnichten alles, was die Klasse von Prof. Hakimi zu zeigen hat.

Das dreiteilige Ausstellungskonzept besteht neben den leeren Atelierräumen außerdem aus den tatsächlichen Werken der Studierenden, die in der Aula der AdBK gezeigt werden, und einer Plattform im Außenbereich, die zwischen Arbeits- und Ausstellungsflächen angesiedelt ist.

In der Aula setzt sich das Konzept der Klasse fort, an die Zeit der Akademieeröffnung anzuknüpfen. Besonders eindrucksvoll wird dem Besucher diese Rückbesinnung vor Augen geführt durch die Neuinterpretation einer Arbeit von Günter Walter, eines ehemaligen Studenten.

Klasse Prof. Michael Hakimi, Schaukasten mit der Dokumentation der Arbeit von Günter Walter 1966, Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg
Klasse Prof. Michael Hakimi, Schaukasten mit der Dokumentation der Arbeit von Günter Walter 1966, Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg

Er hatte für das Akademie-Sommerfest 1966 mit einer Installation aus bunten, mit Mustern und Formen bemalten Wandpaneelen die Aula ganz neu gegliedert. Diese farbigen Formen tauchen heute als hölzerne Bodenpaneele wieder auf und schaffen eine generationenübergreifende Verbindung durch die Kunst.

Eine weitere, ganz persönliche Ebene erhält diese Verzahnung dadurch, dass Walters Tochter Mirjam heute selbst Studentin an der Akademie ist und hier im Kontext ihres Vaters drei Gemälde ausstellt.

Die große Herausforderung, der sich die Hakimi-Klasse gegenüber sah, thematisiert beispielsweise Fabian Bertelshofer in seinem Werk ohne Titel (anotherbreath).

Klasse Prof. Michael Hakimi, o. T. (anotherbreath), Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg
Klasse Prof. Michael Hakimi, o. T. (anotherbreath), Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg

Eine riesige, als Sitzsack aus Stoff umgesetzte Chipstüte auf dem Fragment einer Skateboard-Rampe soll vor Augen führen, wie sehr die Auseinandersetzung mit Günter Walters Werk das eigene Arbeiten gefordert hat, welch eine Herausforderung es darstellt, mit der heute geschaffenen Kunst gegen ein so präsentes, herausragendes Werk anzukommen.

Der weiche Sitzsack symbolisiert das erschöpfte Einsinken, das entspannende oder auch resignierte Ausatmen nach getaner Arbeit und steht im Materialkontrast zum harten Holz seiner Unterlage.

Bertelshofer will damit auch eine Brücke schlagen zum gesellschaftlich geprägten Anforderungsprinzip an den modernen Menschen des 21. Jahrhunderts, der seine Chance zum Aus- und Aufatmen und Sich-Fallen-Lassen in Yogakursen und Atemübungen sucht.

So verzahnen sich hier neben der geschichtlichen auch auf einer inhaltlichen Ebene Historie und aktuelle Zeitphänomene. Bertelshofer lässt auch einen gewissen Wehmut durchscheinen – dass von der Arbeit Walters heute nichts als einige Polaroids und Pläne mehr erhalten sind, stimmt nachdenklich, wenn man nach Relevanz und Fortbestehen des eigenen Werkes fragt.

Die Verehrung von Günter Walters Arbeit, präsentiert in Vitrinen mit Fotografien und Planzeichnungen, kommt in der Aulagestaltung in jedem Fall deutlich zum Ausdruck.

Es ist sicher kein Zufall, dass einer der Schaukästen mit Relikten aus den 60er Jahren vor dem Triptychon der Walter-Tochter durch seine Platzierung wie ein Altar erscheint.

Klasse Prof. Michael Hakimi, Triptychon von Mirjam Walter, Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg
Klasse Prof. Michael Hakimi, Triptychon von Mirjam Walter, Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg

Die individuellen Arbeiten der heutigen Studierenden treten in einen spannenden Dialog mit den Schablonen auf dem Boden und es entsteht ein vielschichtiges Wechselspiel. Dabei fungieren die bunten Bodenpaneele als Plattform, ja regelrecht als Bühne für das Aktuelle, das Neue. Die Studierenden sind sich der Wurzeln, auf denen sie mit ihren Werken stehen, sehr bewusst.

Im Außenbereich schließlich, zwischen den Hakimi-Klassenräumen und der Aula, befindet sich der dritte Teil des komplexen Ausstellungskonzeptes auf einer Plattform, die in kleinerem Maßstab dem Grundriss des Pavillons nachempfunden ist.

Klasse Hakimi, verpackte Klassenmaterialien, Außenbereich zwischen den Klassenräumen und der Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg
Klasse Hakimi, verpackte Klassenmaterialien, Außenbereich zwischen den Klassenräumen und der Aula, Jahresausstellung 2017, AdBK Nürnberg, Foto: Kunstnürnberg

Hier erfährt die Trias des Gesamtkonzeptes gewissermaßen eine Dopplung, denn auch diese Plattform ist konsequent in drei Bereiche gegliedert: Das eine Ende, mit Farbresten und Flecken auf weißem Grund, diente in der Vorbereitungszeit als Arbeitsfläche und empfängt nun die Besucher der Bar, die den Mittelteil bildet.

Der dritte Bereich wird von einem großen, in schwarze Folie gehüllten Monument dominiert. Hier sind, vor den Blicken der Betrachter verborgen, alle Materialien, Werkzeuge und Utensilien kompakt und wasserdicht verwahrt, die aus den Klassenräumen weichen mussten, um den Pavillon in seiner ursprünglichen Form zu präsentieren.

Die Arbeitsmittel, die in einer Ausstellung in der Regel in den Hintergrund treten, werden hier, wenn auch auf ihr Volumen reduziert und abstrahiert, mit gezeigt. So werden die entstandenen Kunstwerke nicht nur in einen historischen Kontext gestellt, sondern setzen sich auch mit dem Zusammenhang von Erzeugung und Präsentation auseinander.

Die Klasse von Prof. Michael Hakimi hat in ihrem äußerst gelungenen Konzept nicht nur künstlerisch, sondern auch wissenschaftlich enorme Arbeit geleistet. Mit ihrer akribischen Recherchearbeit zu den Anfängen der Akademie und den damaligen Rahmenbedingungen zollen sie hier nicht nur der Kunst selbst, sondern auch der Akademie-Geschichte und dem untrennbar damit verbundenen Architekten Sep Ruf Tribut. Dieser ist mit der Planung der Pavillon-Struktur bis heute für das Umfeld des hiesigen Kunstschaffens verantwortlich.

So kann sich das Interesse der Studierenden an den Themen Raum und Räumlichkeit und der Beziehung von Kunst und Raum hier an einem Ort entfalten, der geprägt ist von architektonischer Offenheit und dem Dialog von Bauwerk und Natur.

Das von Ruf in den 1950er Jahren erdachte Konzept eines Ineinandergreifens von Innen und Außen, von Arbeits- und Ausstellungsorten und von Konzentration und Kommunikation ist damals wie heute als eindeutiges Statement zu verstehen gegen die NS-Architektur.

Deutlich nimmt der Akademiebau Bezug auf die durch die Nationalsozialisten verbotene Dessauer Bauhaus-Schule und knüpft an deren Konzept an, Raum für völlig freie künstlerische Entfaltung zu schaffen.

Werke wie die von Hakimis Studenten, die sich auf diese Wurzeln besinnen und mit einem Bewusstsein entstehen für die Tradition, in der das Kunstschaffen steht, werden immer relevant sein.

Und auch wenn in einer der Installationen zu lesen ist „All the gear and no idea“ – Ideenlosigkeit trifft für dieses Konzept sicher nicht zu. Wer hier nichts von Belang findet, der hat nicht richtig hingeschaut.

Ebenfalls sind zur Jahresausstellung der AdBK Nürnberg 2017 erschienen:

every.body is Going Headless

JA 17 zur Kunst

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