Ein Interview mit der Kunst- und Tiertheoretikerin Jessica Ullrich

 

Kunstnürnberg: Die Bronzeskulptur Der Hase von Jürgen Goertz am Tiergärtnertor, Christian Rösners hybride Tierskulpturen oder der Nürnberger Tiergarten selbst, der als ästhetische Schauanordnung ironischerweise genau neben der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg situiert ist. Kunstbegegnungen sind im Sujet oftmals auch Tierbegegnungen. 

Phänomene der Gegenwartskunst, die unter ‚interspecies art‘ firmieren, gehen aber noch viel weiter in ihrer Forderung, tierliche Handlungsmacht in künstlerischen Schaffensprozessen wahrnehmbar zu machen. Was können wir uns unter Interspezieskunst vorstellen, was zeichnet sie aus?

Jessica Ullrich: Wörtlich übersetzt handelt es sich bei Interspezies-Kunst einfach um Kunst, in der Angehörige unterschiedlicher Spezies miteinander umgehen. Wie viele Entitäten im Spiel sind und um welche Spezies es sich handelt, bleibt offen, ebenso welcher Art oder Qualität der Umgang ist.

Ich persönlich betrachte als Interspezieskunst – und das ist mein vorläufiger Versuch einer Definition – relational gemeinte Kunstwerke, bei denen erstens ein/e menschliche/r Künstler*in mit einem nichtmenschlichen Tier interagiert, so dass beide eine werkkonstituierende Rolle innehaben und bei denen zweitens eine grundsätzliche Anthropozentrismuskritik zumindest mitschwingt. Interspezieskunst gewährt dabei den involvierten Tieren zumindest rudimentären Akteur Status.

In vielen sogenannten Interspezieskunstwerken bleiben die Tiere jedoch leider weiter vorrangig Muse, Motiv, Material, Modell oder Medium – und damit in ihren angestammten Rollen. In ihrer Idealausprägung aber ist Interspezieskunst dialogisch und nicht nur respektvoll im Umgang mit dem beteiligten Tier, sondern gesteht auch der Kreativität des nicht-menschlichen Mitwirkenden einen eigenen Wert zu.

Tiere werden hier als Mitgestalter*innen von Kunst wahrgenommen oder reflektiert. Interspezieskunst leistet damit einen Beitrag zum weiteren Brüchigwerden der Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren: sie stellt im geschützten Experimentierraum der Kunst auf spielerische Weise Phänomene wie ästhetischen Ausdruck, ästhetisches Empfinden oder Agency als genuin menschliche Fähigkeiten in Frage.

Kunstnürnberg: Vor kurzem erschien ein kunstwissenschaftlicher Aufsatz von Ihnen mit dem provokanten Titel Jedes Tier ist eine Künstlerin – eine Beuys-Anspielung, die von der Künstlerin Rosemarie Trockel übernommen wurde. Was hat es mit dieser Variation, die die Kategorien Spezies und Geschlecht herausfordert, auf sich und welche Folgen hat sie für einen traditionellen anthropo- und androzentrischen Kunstbegriff?

Jessica Ullrich: Rosemarie Trockel hat diesen Satz 1990 im Zusammenhang mit der Repräsentation einer webenden Spinne geprägt. Er bezieht sich, wie Sie sagen, auf Beuys’ berühmten und oft missverstandenen Ausspruch „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

Trockel hat schon früh Tiere wie Spinnen, Insekten oder Vögel als Akteur*innen verstanden, die, wie sie sagt, „alte Strukturen zerstören, um daraus etwas Neues zu schaffen.“ Allerdings war für sie als durchaus feministische Künstlerin der Geschlechterwechsel in diesem adaptierten Beuys-Zitat wohl wichtiger als der Wechsel von Mensch zu Tier.

Ich verstehe Trockels Äußerung vor allem als Angriff auf eine überholte Vorstellung von Kunst, die davon ausgeht, dass echte Kunst männlichen Genius und eine ‚idea‘ voraussetzt, während Frauen höchsten reproduzierend, aber nicht wirklich schöpferisch tätig sein können. Wenn man aber Tiere als Künstler*innen versteht, wird außerdem der Mythos des autonomen, intentionalen, alles kontrollierenden Autors als alleinigem geistigen Urheber von Kunst ironisiert.

Aber Tiere als Künstler*innen ernst zu nehmen, bedeutet nicht nur eine Kritik tradierter Autorschaftsvorstellungen, die uns in der Diskussion um den Kunst- oder Werkbegriff auf einer abstrakten Ebene weiterhelfen. Tiere auch als ästhetische Wesen zu begreifen – und dass sie das sind, zeigen unzählige Studien – kann dazu führen, dass wir nicht nur Kunst, sondern auch Tiere neu denken und ihnen eine neue Wertschätzung entgegenbringen.

Dass zumindest manche Tiere kreativ und innovativ sind und dass sie Ausdrucksvermögen, Kognition, Selbstbewusstsein und Kultur haben, daran zweifelt heute kaum noch ein Naturwissenschaftler. Oft sind sie auch brillante Gestalter*innen, deren Bauten, Gesänge, Tänze oder Objekte wir ja auch als Menschen durchaus attraktiv und interessant finden.

Die evolutionäre Ästhetik geht ohnehin davon aus, dass die gesamte menschliche Kunst auf tierliche Vorbilder zurückgeht, wir sie also quasi ererbt und auf unsere Weise weiterentwickelt haben. Warum sollte man also ästhetische Gestaltungen von Tieren nicht probehalber als eine neue Form der Kunst bezeichnen?

Kunstnürnberg: Als Abgebildete unterlagen Frauen und Tiere oftmals ähnlichen Bild- und Blickökonomien. Der Kunstkritiker John Berger hat kritisch vermerkt, dass Tiere „immer die Beobachteten“, Frauen ein „Objekt zum Anschauen“ wären. Ließe sich aus dieser Assoziation ein besonderes Potential für feministische Perspektiven in der Interspezies-Kunst herleiten, etwa im Motiv der überartlichen Fürsorge?

Jessica Ullrich: Tatsächlich weist die feministische Ökokritik schon lange auf die Parallelen von Sexismus und Speziesismus hin und erforscht die verwandten Mechanismen struktureller Gewalt gegen Frauen und nichtmenschliche Tiere.

Auch in einer herrschaftskritischen Tierethik bzw. im Tierrecht werden diese Zusammenhänge unter den Stichworten Intersektionalität oder ‚Unity of Oppression‘ seit einigen Jahren diskutiert. Aber Sie spielen mit Ihrer Frage vermutlich vor allem auf meine Artikel zur Interspezies-Fürsorge und zum ‚Interspezies-Mothering‘ an.

Mir ist aufgefallen, dass einige Künstlerinnen sich in performativen Langzeitprojekten an den mächtigen tradierten Muttermythen abarbeiten, indem sie nichtmenschliche Tiere quasi im Rahmen eines Kunstwerkes ‚bemuttern‘.

Ein besonders radikales Beispiel wäre hier etwa die slowenische Künstlerin Maja Smrekar, die gerade mit dem Preis der Ars Electronica ausgezeichnet wurde. Für ihr Projekt Hybrid Family hat sie ihre Brüste mehrere Monate mit Milchpumpen traktiert, bis sie ihren Hundewelpen Lady Laelaps Lovelock stillen konnte.

Andere Künstlerinnen appropiieren andere Klischees idealer Weiblichkeit, indem sie beispielsweise die Figur der Krankenschwester oder der Gastgeberin affirmativ verkörpern. Hier wäre etwa die Amerikanerin Kathy High zu nennen, die mit alternativen Heilmethoden in der Arbeit Embracing Animals für Laborratten sorgt, die an der gleichen Stoffwechselkrankheit wie sie selbst leiden.

Was mich an solchen Arbeiten interessiert, ist, dass die künstlerische Repräsentation von Achtsamkeit und einer emotionalen Bindung zu nichtmenschlichen Tieren den Wert des individuellen Lebens, für das modellhaft gesorgt wird, veranschaulicht.

In solchen Arbeiten entstehen starke neue Bilder, die die geteilte Körperlichkeit von Menschen und anderen Tieren ausstellen und die dabei durchaus polarisieren. Sie tragen aber auch dazu bei, auf der visuellen und affektiven Seite die Fragwürdigkeit von Mensch-Tier-Grenzen aufzuzeigen.

Kunstnürnberg: Seit 2015 befinden sie auf dem Dach des Neuen Museums Nürnberg drei Holzstöcke mit ‚Museumsbienen‘. Sie selbst haben sich im Rahmen Ihrer Forschungen ausführlich mit zeitgenössischer Wachsplastik und der ‚Apiskulptur‘ befasst, die aus der künstlerischen Kollaboration mit Bienen hervorgeht.

Ich denke hierbei etwa an die beeindruckenden Werke der kanadischen Künstlerin Aganetha Dyck. Wie ist die Haltung der Interspezies-Kunst zum Artensterben, in diesem Fall dem Bienensterben?

Jessica Ullrich: Das Dach des Neuen Museums ist nicht der einzige Kunstort, an dem sich Bienen tummeln, auch das MMK in Frankfurt, das Museum Wiesbaden, der Kunstpalast Düsseldorf, das Victoria and Albert Museum in London oder das Whitney Museum of American Art in New York beherbergen auf ihren Dächern Bienen, um nur einige zu nennen. Momentan erleben nicht nur das Urban Beekeeping, sondern auch Formen künstlerischer Kollaborationen mit Bienen einen wahren Boom. Vermutlich machen schon allein formal-ästhetisch die hexagonalen Wabenstrukturen Bienen so attraktiv für gemeinsames plastisches Arbeiten.

Aber auch die vielfältige Bienensymbolik und -mystik, das Phänomen der Schwarmintelligenz, sowie in letzter Zeit vor allem die ökologisch herausragende Rolle von Bienen scheinen dafür verantwortlich zu sein, dass sich heute so viele Künstler*innen mit Bienen beschäftigen.

Ich denke da neben Aganetha Dyck, die Sie ansprechen, an Mark Thompson, Bärbel Rothhaar, Hilary Berseth, Ren Ri oder auf der vorletzten Documenta ja auch Pierre Huyghe.

In vielen Arbeiten, in denen Künstler*innen mit Bienen interagieren, werden nicht einfach nur Kunstobjekte geschaffen oder transformiert, sondern auch die beteiligten Menschen und ihre Rolle im Schaffensprozess dezentriert: gerade in den Arbeiten von Pierre Huyghe, bei denen Bienenschwärme menschliche Köpfe ersetzen oder besetzen, wird der Mensch selbst zum Bestandteil der Welt der anderen Tiere.

Und das kann Diskussionen um die grundsätzliche Verortung des Menschen innerhalb einer geteilten Umwelt anstoßen – und das ist in Zeiten der ökologischen Krise oder im Anthropozän, wenn Sie so wollen, bitter nötig.

Bienen hatten nie ein Imageproblem, so dass die Kunst nicht wirklich dazu beitragen muss, ihr Ansehen zu stärken. Genutzt hat ihnen das aber nichts, sie sind massiv bedroht. Weil das auch uns angeht – ohne Bienen werden wir möglicherweise verhungern -, steigt das Interesse an Imkerei und an Bienen generell.

Meist ist dieses Interesse aber recht anthropozentrisch und von Nützlichkeitsdenken getrieben. Kunstwerke, bei denen es nicht nur um die Herstellung interessanter Strukturen – oder gar um Honigernte – geht, finde ich deshalb besonders spannend (obwohl Künstler*innen die Bienen natürlich auch instrumentalisieren, wenn sie sie für eigene Kunstwerk einspannen).

Festhalten kann man wohl, dass heutige Künstler*innen vermehrt daran arbeiten, das Verständnis für ökologische Zusammenhänge zu schärfen. Sämtliche Umweltprobleme unserer Zeit werden in Kunstwerken verarbeitet, wie etwa Luft- und Wasser- und Bodenverschmutzung oder Klimawandel.

Oft entstehen dabei Kunstwerke, die dem Gefühl des Verlusts und der Trauer angesichts von Artensterben und Naturzerstörung Ausdruck geben.

Manche Künstler*innen schauen aber lieber in die Zukunft und imaginieren gegenwärtige Umweltkrisen nicht länger nur als tragischen Endpunkt einer menschengemachten Apokalypse, sondern durchaus auch als Wendepunkt, an dem der menschliche Umgang mit Natur nicht zwangsläufig zerstörerisch sein muss, sondern auch kreativ sein kann.

Hier möchte ich das Projekt The Intelligent Guerilla Beehive der Belgierin AnneMarie Maes erwähnen, das einen direkten Bezug zum Artensterben hat und einen künstlerischen Vorschlag zur Lösung des Problems anbietet.

Biomimetic shelter for my pets. #Guerilla Beehive #art/science #contemporary art #start17

Ein Beitrag geteilt von AnneMarie Maes (@annemarie_maes) am

Nachdem sich Maes intensiv mit dem Verschwinden der Bienen aufgrund von Luftverschmutzung und Habitatverlusten auseinander gesetzt hat, hat sie einen Schutzraum für urbane schwärmende Bienenkolonien gestaltet.

Dieser künstliche biomimetische Bienenstock hat unter anderem eine Membran mit Biosensoren, die Verschmutzungen wahrnehmen und farbig anzeigen, und eine weitere Schicht, die mit Hilfe von Bakterien die Varroa-Milbe bekämpft, die Bienen bedroht.

Damit übernimmt eine Künstlerin mit ihren Mitteln Verantwortung für menschengemachte Krisen.

Kunstnürnberg: Als Kuratorin und Dozentin im Raum Erlangen waren und sind Sie beständig im Bereich Bildung und Vermittlung tätig. Wie bewerten Sie die Aufgeschlossenheit des fränkischen Publikums für die mitunter radikalen Fragestellungen, die der animal turn an die Bildkünste stellt?

Jessica Ullrich: Die Studierenden an der FAU, die ich unterrichtet habe, sind meist sehr interessiert und geradezu hungrig danach, etwas über neuere Ansätze in der Kunst zu erfahren.

In meiner Zeit im Kunstpalais musste ich allerdings die Erfahrung machen, dass es in der Region große Vorbehalte gegen ungewohnte künstlerische Positionen gibt. Das schlug sich dort unter anderem in den Einträgen im Gästebuch des Hauses wieder und betraf im Grunde jede Form der politisch engagierten oder ästhetisch sperrigen Kunst.

Im Bezug zu tierinvolvierenden Kunst erinnere ich mich, einen Leserbrief in den Erlanger Nachrichten gesehen zu haben, in dem jemand die Performances for Pets des estländisch-britischen Künstlerduos Kroot Juurak und Alex Bailey, die zum Figurentheaterfestival eingeladen waren, als „obszön“ bezeichnete, was für mich eine völlig unverständliche und zutiefst humorlose Reaktion war. Und das ist leider kein Einzelfall. Hier besteht noch viel Vermittlungsbedarf.

Kunstnürnberg: Und zu guter Letzt: welche Ausstellung oder welche_n Künstler*in legen Sie uns zum Jahresende ans Herz?

Jessica Ullrich: Sollten Sie in den nächsten Wochen noch nach Berlin kommen, schauen Sie sich die Ausstellungen Jaguars and Electric Eels in der Sammlung Julia Stotschek (noch bis 26. November) und Ecologies of Drama im Salon Dahlmann (noch bis 16. Dezember) an.

Hier in der Region möchte ich selbst unbedingt noch Thomas Wredes Einzelausstellung im Kunsthaus sehen, bin aber bisher noch nicht dazu gekommen (noch bis 19. November).

Dr. Jessica Ullrich ist Kunsthistorikerin mit dem Schwerpunkt ‚Tiere und Ästhetik‘, ist derzeit Gastprofessorin an der Kunstakademie Münster und unterrichtete von 2014-2017 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Sie (ko-)kuratierte diverse Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, unter anderem Tier-Werden, Mensch-Werden (NGBK, Berlin 2009) sowie Tierperspektiven (Georg-Kolbe-Museum, Berlin 2009) und war von 2013-2014 Kuratorin für Bildung und Vermittlung am Kunstpalais Erlangen.

Sie veranstaltete die Konferenzen Animals and Aesthetics (Universität der Künste Berlin, 2011) und Animal Encounters (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, 2016) und ist Mitherausgeberin von Ich, das Tier. Tiere als Persönlichkeiten in der Kulturgeschichte (Reimer 2008) und Herausgeberin des Journals Tierstudien (Neofelis Verlag).

Sie ist in Forschungsinitiativen zur Tier-Mensch-Beziehung aktiv und Repräsentantin von Minding Animals Germany.

Hier können Sie einen Kommentar hinterlassen:

Please enter your comment!
Please enter your name here