Anne Kammermeier im Exklusiv-Interview mit KUNSTNÜRNBERG aus dem Jahr 2012. Inzwischen wohnt Anne Kammermeier in Berlin.

Anne Kammermeier im Gespräch – Ihr Weg vom Akademiestudium zur Freien Künstlerin und Galeristin

Anne Kammermeier vor ihren Werken - Kunstnürnberg
Anne Kammermeier vor ihren Werken

Kunstnürnberg: Frau Kammermeier, im letzten Jahr hat sich bei Ihnen viel getan. Nach Abschluss Ihres Kunsterziehungsstudiums an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg waren Sie auf Ausstellungen wie GOHO oder SupermArt mit Ihren Werken vertreten.

Zudem betreiben Sie mit dem Künstler Francesco Ferrante die Atelier Galerie dellaLuce im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. 

Sie bezeichnen sich selbst als freie Künstlerin. Warum haben sie Kunsterziehung studiert und nicht beispielsweise freie Malerei?

Anne Kammermeier: Für mich war die Malerei immer das was ich bin und machen MUSS. Davon waren meine Eltern jedoch nicht sehr begeistert. Die Aufnahme an der AdBK, war ein entscheidender Schritt in Richtung Künstlerdasein für mich. Dennoch beeinflussten mich meine Eltern soweit, dass ich das Studium der Kunsterziehung, und somit den Lehrerberuf, der Freien Malerei vorzog.

Kunstnürnberg: Wie beurteilen Sie rückblickend Ihr Studium an der AdBK Nürnberg?

Anne Kammermeier: Der Freude über die Aufnahme an der AdBK folgte bald die Ernüchterung. Gerade unter Künstlern gibt es viele verschiedenen „Gesinnungen“ und somit Herangehensweisen an den künstlerischen Schaffensprozess. Die Kunstauffassung an der AdBK war für mich zu planvoll und verkopft. Dort fühlte ich mich eingesperrt und gebremst in dem Drang meine Gefühle und damit mein Unterbewusstsein frei walten zu lassen. Erst nach dem Studienabschluss konnte ich den Mut finden, mich meinen Gefühlen und meiner Intuition ganz hinzugeben.

Kunstnürnberg: Wie hat sich der Entstehungsprozess Ihrer künstlerischen Arbeiten von den Anfängen im Studium bis heute gewandelt?

Anne Kammermeier: Ausgangspunkt ist wahrscheinlich schon immer die „Stimmung“ gewesen. Bilder haben mich selbst stark bewegt und ich wollte die Menschen auch „bewegen“, meine Gefühle mit meinen eigenen Bildern vermitteln. So beeinflussten mich Anfangs die Impressionisten und ihre Nachfolger, gerade Paul Cézanne [*1839 – +1906, Anm. A. R..], den ich auch wegen seines individuellen typischen Duktus bewunderte.

Der Umweg Gefühle und Stimmung über farbige „Landschaften“ zu vermitteln war mir bald zu wenig. Der Mensch, das Individuum mit seiner Persönlichkeit zogen mich weitaus mehr in seinen Bann. Als wichtiges Motiv für meine Malerei entdeckte ich zunächst meine kleine Schwester, die ich in unzähligen Portraits und Szenischen Bildern festhielt.

Anne Kammermeier: Flaggezeigen 1, Acryl auf Malkarton, 30 x 40 cm, 2006, © Anne Kammermeier
Anne Kammermeier: Flaggezeigen 1, Acryl auf Malkarton, 30 x 40 cm, 2006, © Anne Kammermeier

In einem weiteren Schritt entwickelte ich ein Interesse für das Verhalten von Menschen bei Massenphänomenen. Die verkleideten Fans mit Fahnen bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland oder der Besuch des Papstes in meiner Heimatstadt Regensburg 2006 boten eine Vielzahl an Motiven für meine Malereien. Aber auch alltägliche „Massenphänomene“, wie Passanten in der Nürnberger Innenstadt, die genüsslich Eis schleckten, zog mein Interesse an.

Kunstnürnberg: Wie ist Ihnen die Umsetzung der Motive in die Malerei gelungen? Wie gingen Sie vor?

Anne Kammermeier: Ich bin recht planvoll, auch durch den Einfluss der Akademie, vorgegangen. Zuerst habe ich mir überlegt was mich inspiriert. Anschließend bin ich mit meiner Kamera losgegangen und habe bewusst nach Motiven gesucht, um diese zu fotografieren. Die Umsetzung in die Malerei gestaltete sich oft schwierig, weil ich keine richtigen Gefühle für das Objekt entwickeln konnte.

Heute male ich was mich spontan inspiriert und berührt. Die Bilder entstehen dann fast von selbst, wie im Rausch. Eine „Botschaft“ ist nicht bewusst intendiert. Seit ich so vorgehe bin ich deutlich produktiver und freier. Ich kann mich selbst von meinem Bild überraschen lassen und das ist toll!!!

Kunstnürnberg: Im letzten Jahr haben Sie viele „Kinderbilder“ gemalt. Wie muss man sich die Genese dieser Arbeiten vorstellen und warum gerade Kinder?

Anne Kammermeier: Fotos bzw. die Gefühle und Emotionen, die bestimmte Bilder bei mir auslösen sind meine Inspirationsquelle und impulsgebender Reiz, der am Anfang einer langen Assoziationskette steht, in der ein Gefühl ein Weiteres hervorruft. Dafür, dass heute meist Kinder auf meinen Bildern zu sehen sind gibt es wahrscheinlich verschiedene Gründe.

Anne Kammermeier: Ikarus, 2012, Acryl, Glas und Federn auf Leinwand, 100 x 100 cm, © Anne Kammermeier 2012
Anne Kammermeier: Ikarus, 2012, Acryl, Glas und Federn auf Leinwand, 100 x 100 cm, © Anne Kammermeier 2012

Zunächst plane ich nicht ausdrücklich Kinder zu malen. Ich male auch andere Motive, wie z.B. letztlich ein Schwein. Beim Betrachten von Familienalben oder anderen privaten Fotos sprechen mich meist jedoch Kinderfotos an.

Kinder ignorieren auf bestimmte Weise die Kamera und zeigen viel offener und natürlicher ihre Mimik und Gestik. Sie wirken auch auf Fotos lebendig. So repräsentieren sie für mich sozusagen die ursprüngliche, noch unbeeinflusste Persönlichkeit. Durch ihre Kindlichkeit sind sie anhänglich und verletzlich – so wie unsere Seele, wenn wir sie offen legen.

Kunstnürnberg: Kinder stehen also in Ihrer Malerei für die menschliche Seele?

Anne Kammermeier: Ja, ich denke, dass sie Symbole für die Seele sind. Auch meine persönliche Geschichte, meine eigene Kindheit, meine Psyche spielen sicherlich eine Rolle bei der Motivwahl und somit am Ende bei der Malerei.

Anne Kammermeier: Wassermann, 2012, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm, © Anne Kammermeier
Anne Kammermeier: Wassermann, 2012, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm, © Anne Kammermeier

Kunstnürnberg: Wie gehen Sie technisch beim Malen vor?

Anne Kammermeier: Nachdem ich ein Motiv gefunden haben, das mich inspiriert, fange ich einfach an zu malen, und das möglichst schnell, spontan und unüberlegt. Sobald ich zu viel nachdenke, muss ich aufhören.

Kunstnürnberg: Sie verlieren also ihren Flow. Fallen aus dem bereits beschrieben „Produktionsrausch“ heraus.

Anne Kammermeier: Exakt. Manchmal fange ich mit dem Hintergrund an. Ich nehme instinktiv eine Farbe, die meiner Stimmung entspricht, und mische diese mit viel Wasser. Die Farbe läuft dann in irgendwelche Richtungen und zeigt mir so wie es weitergeht.

Das Bild malt sich quasi teilweise von selbst. Dort wo sich beispielsweise ein Mund oder ein Auge andeutet male ich weiter und fange an einen kleinen Menschen zu malen. Da ich von Anfang an viel Wasser und Farbe verwende und zusätzlich die Leinwand drehe und wende erzeuge ich zufällige Effekte, die ich dann weiter entwickle und ausbaue.

Anne Kammermeier: Jeder fuer sich, 2012, Acryl auf Leinwand, 150 x 160 cm, © Anne Kammermeier
Anne Kammermeier: Jeder fuer sich, 2012, Acryl auf Leinwand, 150 x 160 cm, © Anne Kammermeier

Kunstnürnberg: Mit der Atelier Galerie dellaLuce vereinen Sie Künstlerdasein und Galeristentätigkeit in einer Person. Was steckt hinter Ihrem Konzept?

Anne Kammermeier: Die gemeinsame Nutzung eines Ateliers mit dem Künstler Francesco Ferrante brachte uns auf die Idee, die Räumlichkeiten in Gostenhof ganzheitlicher zu nutzen.

Unser Ziel war es, uns selbst und andere Künstler der Öffentlichkeit zu präsentieren und mit verschiedenen Menschen aus allen möglichen Bereichen, vom Laien bis zum Kunstkenner, in Kontakt zu treten und so ein gemeinsames Netzwerk zu schaffen, in dem man sich gegenseitig inspiriert und austauscht.

Kunstnürnberg: Seit Oktober 2011 läuft die Atelier-Galerie. Erfolgreich?

Anne Kammermeier: Die Eröffnung auf GOHO war ein Riesenerfolg für uns. Die Besucherzahlen sprengten alle Erwartungen und wir konnten uns neue Ausstellungsmöglichkeiten und einen festen „Kundenstamm“ erschließen.

Da wir der Meinung waren, dass es schade wäre die Räume nur zu besonderen Events zu öffnen und weil wir eine Möglichkeit bieten wollten unsere Arbeiten regelmäßig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben wir die Veranstaltung „KUNST, Kaffee und Kuchen“ ins Leben gerufen.

Wir öffnen unsere Galerie für Gäste und bieten Kaffee und Kuchen auf Spendenbasis an. Die Veranstaltung wird durch Live-Musik, Lesungen, Comedy-Auftritte, auch ein erotisches Kabarett, etc. bereichert.

Kunstnürnberg: Das Führen einer Galerie und das Planen von Veranstaltungen erfordern einen großen Zeit- und Arbeitsaufwand. Wo bleibt da Zeit für Ihre Kunst?

Anne Kammermeier: Sie haben recht! Da wir nun an sehr viel mehr Ausstellungen teilnehmen, als noch vor einem Jahr, haben wir die Veranstaltungen nun auf jeden 2. Sonntag im Monat (15:00 bis 18:00 Uhr) einschränken müssen.

Für die Galerie mache ich die ganze Organisation, wie Pressearbeit, den Blog und Facebook. Ich spreche Künstler für die Live-Acts und plane den gesamten Ablauf. So konnte ich als nächsten Künstler, der in der Galerie ausstellen wird, Oliver Essigmann gewinnen. Er wird seine Videokunst bei uns präsentieren.

Kunstnürnberg: Sie gestalten so auch den Kunstbetrieb der Stadt Nürnberg mit und sind Teil der regen Kunstszene. Wie schätzen Sie diese Szene ein? Was beeindruckt Sie, was bereitet Ihnen Kopfschütteln?

Anne Kammermeier: Im Vergleich zu anderen Städten hat Nürnberg künstlerisch einiges zu bieten und die Künstler – gerade in Gostenhof – sind gut organisiert.

Trotzdem habe ich oft den Eindruck, dass immer dieselben Leute aufeinander treffen und wenig neues Publikum aus kunstferneren Bereichen akquiriert und angesprochen wird.

Kunstnürnberg: Woran kann das liegen?

Anne Kammermeier: Meiner Meinung nach liegt das möglicherweise daran, dass sich viele Künstler bewusst unzugänglich geben. Das erfahre ich auch oft in den Gesprächen mit unseren Gästen in unserer Atelier-Galerie.

Viele Menschen fühlen sich auf den Arm genommen von Künstlern. Das sollte vermieden werden. Die Künstler müssen sich dem „normalen Volk“ öffnen!

Kunstnürnberg: Sehen Sie auch Nachholbedarf bei der Nürnberger Bevölkerung? Es gibt ja immer auch eine zweite Seite der Medaille.

Anne Kammermeier: Feenwald, 2013, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm, ©Anne Kammermeier 2013
Anne Kammermeier: Feenwald, 2013, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm, © Anne Kammermeier 2013

Anne Kammermeier: Sicherlich! Ich würde mir ein bisschen mehr Investitionsfreude bei den wohlhabenderen Nürnbergern wünschen. Das Interesse Bilder zu sehen ist erfreulicherweise zwar groß aber die Bereitschaft einen angemessenen Preis für ein Kunstwerk zu bezahlen umso weniger. Umso mehr freue mich, wenn weniger betuchte Menschen aus Wertschätzung einen für sie hohen Betrag für meine Bilder aufbringen.

Die etablierte Malerei in Nürnberg, wie man sie teilweise beim Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten oder BBK sieht, erscheint mir auch oft zu brav. Zudem stört mich ein bisschen die „Macht“ der Akademie: Künstler, die nicht dort ihre Connections haben oder nicht dort studiert haben scheinen bei einige Dingen benachteiligt zu sein.

Kunstnürnberg: Beispielweise?

Anne Kammermeier: Zum Beispiel bei der Aufnahme im BBK [Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Nürnberg Mittelfranken e. V., Anm. d. Red.]

Kunstnürnberg: Wie lauten Ihre Pläne für die nahe Zukunft?

Anne Kammermeier: Ausstellen, ausstellen, ausstellen!!! Vom 12.10. bis 14.10.2012 stelle ich bei Donum Vitae in der Königstraße 70, 90402 Nürnberg aus. Außerdem steht am 13.-14.10.2012 GOGATA auf dem Programm. Vom 19.10.-19.11.2011 stelle ich zusammen mit Francesco im ARTelier einen Monat lang aus. Auf der 1. Internationalen Biennale in Hamburg (15.11.2012 – 11.02.2013) werde ich bei der Galerie Kamm vertreten sein, und leite vom Kunstjahr 2012 mit einer Ausstellung bei Baumüller (03.12.2012 – 01.03.2013) ins Jahr 2013 über.

Kunstnürnberg wünscht Ihnen viel Erfolg bei Ihren Plänen und bedankt sich für das ausführliche Interview.

Anne Kammermeier: Ich habe zu danken!

Das Interview führte Alexander Racz am 03.09.2012.

Besuchen Sie die Homepage von Anne Kammermeier. Hier finden Sie weitere Informationen zur Künstlerin und viele Abbildungen.

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