Buntes Gewerbe – Die Ausstellung Buntes Gewerbe – Glanz und Elend hinter der bürgerlichen Fassade in der Kunstvilla kann bis zum 4.10.2015 besucht werden.

Buntes Gewerbe – Glanz und Elend hinter der bürgerlichen Fassade in der Kunstvilla im KunstKulturQuartier

Andreas Bach: Affentheater, 1920  © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Andreas Bach: Affentheater, 1920, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg

Angeblich ging es in der Kunstvilla nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ganz so bürgerlich zu, wie dies ihre stattliche und seit 2014 in neuem Glanz erstrahlende Fassade in der Blumenstraße vermuten lässt.

Erbaut 1895 als repräsentativer Wohnsitz einer jüdischen Hopfenhändlerfamilie, wurde das Gebäude seit der Enteignung in den 1930er Jahren ganz unterschiedlich genutzt, u.a. als Verwaltungsgebäude, Amtssitz und mehrfach als Pension, der mündlichen Überlieferung nach auch als Rotlichtetablissement, bzw. als Stundenhotel.

Die Kunstvilla nimmt diese Gerüchte zum Anlass ihrer nächsten Sonderausstellung „Buntes Gewerbe – Glanz und Elend hinter der bürgerlichen Fassade“, die ab 26. März 2015 rund 50 Werke, vorrangig aus den Beständen der Sammlung, vereint.

Ausgehend von dem titelgebenden, 1949 entstandenen Gemälde von Leo Birkmann (1911–1983), das drei Animierdamen in aufreizender Pose darstellt, widmet sich die Ausstellung den Facetten des Lebens innerhalb und außerhalb bürgerlicher Moralvorstellungen.

Leo Birkmann: Buntes Gewerbe, 1949 ©Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Leo Birkmann: Buntes Gewerbe, 1949
©Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Foto: Annette Kradisch, Nürnberg

Das Themenspektrum reicht dabei von den sozial legitimierten sonntäglichen Vergnügungen Volksfest und Zirkus bis zu den Themen Musik, Tanz, Boudoir und Bordell, in welchen der sich parallel vollziehende Normenabbau sichtbar wird. Ihre Wurzeln haben diese Motive in der Kunst des späten 19. Jahrhunderts.

Vor dem Hintergrund der Industrialisierung, der wachsenden Großstädte und einer Gesellschaft, deren Sitten und Moralvorstellungen äußerst rigide waren, entdeckten zunächst die Impressionisten die Welt hinter der bürgerlichen Fassade und wurden mit ihren Darstellungen zu Interpreten des modernen Lebens.

Den Themenkreis eröffnen die Darstellungen der „Jahrmärkte“ der drei in München ausgebildeten Künstler Andreas Bach, Johann Carl (Karl) Rohmer und Friedrich (Fritz) Bosch. In ihren beschaulich-heiteren Bildern des beginnenden 20. Jahrhunderts hielten die Künstler die Entdeckung der Freizeit in der Stadt fest.

Bachmeier, Thomas: Marionettentheater, 1930 ©Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Bachmeier, Thomas: Marionettentheater, 1930
©Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Foto: Annette Kradisch, Nürnberg

Die Faszination an der Schaulust und die Sehnsucht nach Abenteuer und Exotik prägen die Werke aus dem Themenkreis „Tierschau und Zirkus“, vertreten durch Rudolf von Hoesslin, Theodor Reichart und Franz Vornberger. Eine Scharnierfunktion nimmt das Thema „Gaukler und Harlekine“ ein.

In den Werken der Nürnberger Künstler Christian Klaiber, Georg Weidenbacher und Sven Bjerregaard wird die Doppelgesichtigkeit des menschlichen Seins thematisiert. Prostituierte als gesellschaftliche Randfiguren werden im „Bunten Gewerbe“ explizit als Repräsentanten der Modernität gefeiert.

Das zwischen 1860 und 1930 weit verbreitete Bildsujet findet in der Ausstellung die größte inhaltliche Bandbreite. Auf Fritz Burkhardts neusachliche Impressionen von „öffentlichen“ Frauen, die die Stadt bevölkern, antwortet Chris Bruders großformatiges Diptychon „Die Haut zu Markte tragen“ aus dem Jahr 1997.

Georg Weidenbacher: Zirkusszene, vor 1984  © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch
Georg Weidenbacher: Zirkusszene, vor 1984, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch
Franz Vornberger: Fahrendes Volk, 1976 © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Franz Vornberger: Fahrendes Volk, 1976, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg

Die Existenz von Frauen wird in dem Spannungsfeld zwischen selbstbewusster Zurschaustellung und Käuflichkeit angesiedelt. Das Thema des Voyeurismus tritt in dem Motivkreis des „Boudoirs“ am deutlichsten zutage.

Während der bei Adolf Hölzel ausgebildete Adolf Kertz bei der nach 1900 entstandenen Darstellung einer „Dame mit Puppe“ noch an die erzählfreudige Salonmalerei anknüpft, begegnen Dan Reeder und Peter Angermann dem Thema mit einem ironischen Augenzwinkern.

Auf die Geschichte der Kunstvilla und ihren Zustand vor dem Umbau in ein Kunstmuseum bezieht sich indes die Rauminstallation „Nasszelle“ der Künstlerin Pirko Julia Schröder aus dem Jahr 2008/09.  Sie stellt eine Rekonstruktion eines während der Restaurierung der Villa vorgefundenen Einbaus in originaler Größe da.

Pirko Julia Schröder: Nasszelle, 2008/09 © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Pirko Julia Schröder: Nasszelle, 2008/09
© Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg

 

Dem Volksmund nach sprechen Wände nicht – sicher ist, dass die Präsentation der Sonderausstellung in der großbürgerlichen Villa die Vorstellungskraft in hohem Maße beflügeln wird.

Zur Ausstellung erschien im Bartlmüllner Verlag ein Begleitheft als Bd. 6 der Schriftenreihe der Kunstvilla im KunstKulturQuartier (68 S., mit Texten von Andrea Dippel und Susann Scholl, 4 Euro).

Ausgestellte Künstlerinnen und Künstler in alphabetischer Reihenfolge

Peter Angermann: Spanner, 1983 © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Peter Angermann: Spanner, 1983, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
  • Peter Angermann (geb. Rehau 1945)
  • Andreas Bach (Nürnberg 1886 – 1963 Nürnberg)
  • Thomas Bachmeier (Nürnberg 1895 – 1960 Nürnberg)
  • Leo Birkmann (Nürnberg 1911 – 1983 Ainring)
  • Sven Bjerregaard (Nürnberg 1913 – 1984 Nürnberg)
  • Friedrich (Fritz) Bosch (Nürnberg 1893 – 1950 Nürnberg)
  • Chris (Christa) Bruder (geb. Fürth 1946)
  • Fritz Burkhardt (Arnstein 1900 – 1983 München)
  • Rudolf von Hoesslin (Augsburg 1902 – 1945 Könnern)
  • Georg (Geo) Holweg (1901 – ?)
  • Adolf Kertz (Nürnberg 1880 – 1918 Soissons/FR)
  • Heinrich Kertz (Nürnberg 1904 – 1950 Nürnberg)
  • Christian Klaiber (Rothenbuch/Ufr. 1892 – 1963 Nürnberg)
  • Hans Krieg (Nürnberg 1893 – 1962 Nürnberg)
  • Gudrun Kunstmann (Erlangen 1917 – 1994 Fürth)
  • Georg Maul (Nürnberg 1905 – 1988 Loderbach/Opf.)
  • August Mayr-Lenoir (Nürnberg 1887 – 1968 Nürnberg)
  • Erwin Oehl (Thalmässing 1907 – 1988 München)
  • Reinhold Pallas (Nürnberg 1901 – 1970 München)
  • Dan Reeder (geb. Lafayette/USA 1954)
  • Theodor Reichart (Ulm 1919 – 2003 Nürnberg)
  • Johann Carl Rohmer (Nürnberg 1891 – 1943 Zell)
  • Hermann Thomas Schmidt (Nürnberg 1902 – 1989 Nürnberg)
  • Pirko Julia Schröder (geb. Fürstenfeldbruck 1970)
  • Franz Vornberger (Werneck/Ufr. 1919 – 2008 Nürnberg)
  • Georg Weidenbacher (Nördlingen 1905 – 1984 Fürth)

Gespräche

Porträtwand Kunstvilla, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Porträtwand Kunstvilla, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg

Architekturgespräch mit Sebastian Gulden M.A., Architekturhistoriker und Pirko Julia Schröder, KPZ

  • Mi., 9. September 2015, 18.30 Uhr

Ein Vortrag von Dr. Helmut Beer, Historiker

  • Mi., 16. September 2015, 18.30 Uhr

Öffentliche Führungen

  • Jeden Sonntag, 15 Uhr

Kinderkunstwerkstatt

  • Jeden Sonntag, 14.30–16.30 Uhr (nicht am Ostersonntag und in den Sommerferien)
    Für Kinder ab 5 Jahren

Kunstvilla im KunstKulturQuartier – Besucherinformationen

Blick in den Ausstellungsraum 9, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
Blick in den Ausstellungsraum 9, © Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Nürnberg; Foto: Annette Kradisch, Nürnberg
  • Kunstvilla, Blumenstraße 17, 90402 Nürnberg
  • Öffnungszeiten: Di, Do – So und an Feiertagen 10 –18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
  • Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren frei, Abendöffnung Mi 18-20 Uhr frei, Gruppen ab 15 Personen 3 Euro pro Person
  • Webseite der Kunstvilla

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