Vom 27. Oktober bis 11. November findet zum 12. Mal das internationale Theater- und Performance Festival SPIELART in München statt. Kunstnürnberg ist dieses Mal auch dabei und gibt Einblicke aus der ersten Woche.

Seit 1995 bietet das SPIELART Festival seinen Besucher*innen alle zwei Jahre ein breites Programm an Theater, Tanz, Performances und Lectures. Dieses Jahr liegt der thematische Schwerpunkt auf den Regionen Süd- und Südostasien und Südafrika. Die Folgen von Kolonialisierung und dem Einfluss und Aufdrängen westlicher Werte und Vorstellungen sind bis heute in vielen Teilen der Welt präsent, für Europäer*innen aber meist nicht mehr eindeutig sichtbar.

Durch die theatrale und performative Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des eigenen Landes und ihrer heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation geben Künstler*innen unter anderem aus Kapstadt, Johannesburg, Kuala Lumpur, Singapur und Beijing Einblick in ihre Alltagsrealitäten. Geschichte und Tradition werden hinterfragt, aufgedeckt und zurückverlangt.

MINEFIELD +++ VERSION 2020 – THE COMPLETE FUTURE OF MALAYSIA CHAPTER 3 +++ DIE 120 TAGE VON SODOM

Neben den Schwerpunktländern sind außerdem Beiträge aus den USA, Argentinien, der Schweiz und Deutschland dabei, die sich ebenfalls mit Identitätspolitik und der Frage nach einem europäischen Selbst- und Weltverständnis beschäftigen.

Im Dokumentartheaterstück MINEFIELD stellt die argentinische Regisseurin und Performerin Lola Arias Veteranen des Krieges um die Falklandinseln (oder Malwinen, wie sie für die Argentinier bis heute heißen) gegenüber und lässt sie von einem Konflikt erzählen, dessen Versionen kaum unterschiedlicher sein könnten. 35 Jahre nachdem die Briten und Argentinier unter Einfluss von Feindbildern, Kriegspropaganda, nationalem Stolz und der festen Überzeugung im Recht zu sein, gegeneinander kämpften, stehen die jetzt Mittfünfziger nun gemeinsam auf der Bühne, erinnern sich, erzählen eindringlich und bildhaft von damals und heute.

Auch VERSION 2020 – THE COMPLETE FUTURE OF MALAYSIA CHAPTER 3 des malaiischen Theatermachers und Aktivisten Mark Teh nutzt seine eigene und Biografien der Performer*innen, sowie dokumentarische Erzählformen über den von der malaiischen Regierung 1991 verfassten Zukunftsplan für das Land. Im Jahre 2020 soll Malaysia nicht mehr zu den Entwicklungsländern zählen. Das Land soll eine starke eigenständige Wirtschaft haben und von reichen, glücklichen und staatstreuen Menschen bewohnt werden.

Die Performer*innen erzählen vor einer aus Plastikflaschen und Milchkartons zusammengebastelten Skyline der Zukunftsvision von Kuala Lumpur davon, wie sie mit einer Idee von einem staatlich verordneten Traum aufwachsen. Sie berichten in Monologen, mit Filmen, Fotos und Tänzen wie ihre Eltern vom Auswandern in die USA träumen und wie sie selbst dort zum Studieren hingeschickt werden, um zurück in Malaysia mit ihrer Ausbildung dem Land zum Fortschritt zu verhelfen.

Als im Oktober 2016 die Vision auf das Jahr 2050 aufgeschoben wird, kommt es zu Protesten und Kritik, der Traum, der sich im kollektiven Denken der Malaien verankert hat und so kurz vor seiner Erfüllung stand, wird vertagt. Das Stück beginnt laut, aufgeregt und bunt und endet im kahlen Dunkeln mit Fragen und Überlegungen, wie die Zukunft Kuala Lumpurs aussehen könnte. Es reflektiert damit die Stimmung einer Generation, in deren Köpfen eine kollektive Vision verankert wurde, die sooft kritiklos hingenommen wurde. Zurück bleiben Fragen und Wut an eine Regierung, die viel verspricht und deren Handeln aber zweifelhaft bleibt.

Auch der Schweizer Regisseur und Gründer des International Institute of Political Murder Milo Rau ist zu Gast mit dem Schauspielhaus Zürich und dem Theater HORA. Gemeinsam spielen Schauspieler*innen mit und ohne geistiger Beeinträchtigung Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM nach.

Verstümmelungen, Sex, Fäkalien: Bei der Buchvorlage von de Sade kann darauf wohl nicht verzichtet werden. Raus Bühnenversion verlangt starke Gemüter, schafft es aber, dass es neben der Geschichte um einen vorhöllenartigen Traum von Vergewaltigung, Folter und Völlerei auch die Situation und Stellung von beeinträchtigten Menschen gezeigt und hinterfragt wird.

Es geht nicht um reine Ekstase und Schock, sondern um die Frage, warum diese nicht allen Menschen zugestanden wird. Warum verschwinden Menschen mit Beeinträchtigung im öffentlichen Alltag? Warum werden ihnen so viele Dinge versagt und mit welchen Vorurteilen und Klischees werden sie konfrontiert – vor allem wenn sie etwas tun, was nur Nicht-Beeinträchtigten vorbehalten zu sein scheint, wie das Schauspielen?

Die Kombination provoziert, ist manchmal vielleicht etwas sehr plakativ, hat aber neben dem enormen Unterhaltungswert einiges zu sagen und lässt die Zuschauer*innen mit vielen Gedanken zurück.

Noch eine Woche lang sind nationale und internationale Theaterstücke und Performances auf dem SPIELART in München zu sehen.

Das bisherige Programm des SPIELART verspricht auch für die letzte Woche sehenswerte Theaterstücke und Performances in Spielstätten in ganz München. Dabei bleibt es politisch: Es wird um Körper gehen, Frauenkörper, schwarze Körper, Körper mit Krücken und Körper, die sich keinem politischen Geschlecht zuordnen lassen wollen. Die vielerorts noch präsenten Folgen der Kolonialisierung und der weiß-westlichen Vorherrschaft werden weiterhin auf dem Festival szenisch betrachtet, be- und verarbeitet werden.

Neben Theaterstücken wird es Tanz, Installationen, Ausstellungen, Performances und Mischformen zu sehen geben. Auch an öffentlichen Plätzen wie dem Hauptbahnhof oder dem Olympia Einkaufszentrum kann man Künstler*innen des Festivals in Aktion erleben.

Ein ausführliches Programm gibt es auf der Homepage des SPIELART. Wir sind nächste Woche auch wieder dabei und empfehlen allen einen Ausflug nach München!

INFOBOX

  • Das SPIELART Festival findet vom 27.10. bis zum 11.11.2017 an verschiedenen Spielstätten in München statt: spielart.org
  • Das komplette Programm des Festivals findet ihr hier!
  • Interviews, Ankündigungen und Rezensionen gibt es auf dem SPIELART-Blog.

 

 

Hier können Sie einen Kommentar hinterlassen:

Please enter your comment!
Please enter your name here