Die Studioausstellung „Die schönsten Städte Europas. Die Edition des Georg Braun und Franz Hogenberg (1572 bis 1640)“ kann vom 16. März – 24. September 2017 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg besucht werden.

Die schönsten Städte Europas. Die Edition des Georg Braun und Franz Hogenberg (1572 bis 1640)

Ansicht von Paris aus der Edition Braun-Hogenberg: Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Band 1, 1572 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Ansicht von Paris, aus der Edition Braun-Hogenberg: Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Band 1, 1572, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

In sechs monumentalen Bänden stellten der Theologe Georg Braun (1541–1622) und der Künstler Franz Hogenberg (1535–1590) zwischen 1572 und 1640 eine Übersicht von fast 600 Städten zusammen, die vier Kontinente von Mexiko bis nach Indien umfasst. Neben großformatigen Stadtansichten enthalten die insgesamt 1.600 Seiten der sechs Bücher kurze Beschreibungen der jeweiligen Orte.

In einer Studioausstellung zeigt das Germanische Nationalmuseum ab Donnerstag, 16. März 2017 eine Auswahl der schönsten Darstellungen bedeutender europäischer Städte. Der Schwerpunkt auf Europa resultiert aus dem 60. Geburtstag der Europäischen Union, der in Nürnberg in diesem Jahr mit zahlreichen Aktivitäten gefeiert wird. Die aufgeschlagenen Bücher werden um rund 20 Einzelblätter aus den Bänden ergänzt.

„Es war damals ein bahnbrechendes Unternehmen, eine Buchreihe bedeutender Weltstädte anzufertigen“, erläutert Prof. Dr. G. Ulrich Großmann seine Faszination für das Thema, „denn was wusste man im 16. Jahrhundert überhaupt über die Welt?“

Neuigkeiten verbreiteten sich langsam, hauptsächlich durchs Hörensagen oder mittels Flugblätter, eventuell durch Erzählungen von reisenden Pilgern oder Kaufleuten. Eine andere wichtige Quelle war die Bibel, deren Schilderungen man für Tatsachen hielt. Wie also Neues erfahren und Fakten von Legenden scheiden?

Markante Bauten und Legenden

Ansicht von London aus der Edition Braun-Hogenberg: Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Einzelblatt aus Band 1, 1572 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Ansicht von London, aus der Edition Braun-Hogenberg: Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Einzelblatt aus Band 1, 1572, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Ein Netzwerk aus Künstlern und Informanten half Braun und Hogenberg, ihr Projekt umzusetzen. Das macht auch den Reiz der Zusammenstellung aus.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erfassten verschiedene Künstler weltweit die Stadtanlagen mit ihren markanten Bauwerken, Straßenzügen und landschaftlichen Besonderheiten. Manche erscheinen in der Draufsicht aus der Vogelperspektive mit klar erkennbaren Straßenzügen und –verläufen, andere dagegen zeigen charakteristische Stadtsilhouetten, wie sie sich einem Reisenden von weitem boten.

Auf der Illustration von Paris ist die Seine-Insel mit der Kathedrale Notre Dame und dem Königspalast (heute Justizpalast) mit der Sainte-Chapelle zu erkennen. Die Darstellung Londons zeigt noch den Stadtplan vor dem verheerenden Brand von 1666. Herausgehoben sind die Kathedrale St. Pauls – noch mit dem 1561 durch Blitzschlag abgebrannten Vierungsturm – sowie der Tower mit seiner doppelten Befestigung, und über die Themse führt bislang nur eine einzige Brücke. Der Vogelschau-Plan von Basel macht die Gliederung der Stadt in die jeweils ummauerten Gebiete Kleinbasel im Vordergrund und Großbasel im Hintergrund jenseits des Rheins deutlich.

Ihre Vorlagen schickten die Künstler dem Radierer und Kupferstecher Hogenberg, der sie als Buchillustration für den Druck umsetzte. Georg Braun verantwortete das Gesamtkonzept und versah die Darstellungen mit Texten.

Spannend und aufschlussreich ist es in der Edition Braun-Hogenberg nachzulesen, was damals über einzelne Städte bekannt war. Die Texte liefern kurze Beschreibungen, nennen Alter, Bedeutung oder die Gründungsgeschichte, zählen bedeutende Bauten auf und geben vereinzelt Legenden wieder – eine Zusammenstellung von allem, was man für erwähnenswert hielt.

Nicht immer gelang es, sich auf Tatsachen zu konzentrieren. Die Darstellung der Stadt Kilwain in Tansania beispielsweise ist reine Fiktion. Zwei, drei Mal wurden Texte auch vergessen, dann steht die Stadtansicht für sich.

Aufbau und Konzept

Blicke in die Ausstellung Foto: Dirk Messberger
Blicke in die Ausstellung Foto: Dirk Messberger

Der erste Band der Städtetopographie erschien 1572 unter dem Titel „Civitates orbis terrarum“ mit 60 großformatigen Ansichten von Städten aus allen Teilen der Welt. Der große Erfolg führte 1575 zur Veröffentlichung des zweiten und zugleich einer Neuauflage des ersten Bandes. Bis zum Tode Brauns erschienen sechs Bände in bis zu 18 Auflagen und drei Sprachen – latein, deutsch und französisch – die letzte Auflage um 1640.

Insgesamt zeigen sie 363 Bildtafeln mit 569 Städtebildern. Die kurzen erläuternden Texte wurden für jede Auflage neu gesetzt, die Bildtafeln nur gelegentlich überarbeitet, manchmal aber auch ausgetauscht.

Der Aufbau der Bände ist immer gleich: Auf eine Widmung folgen die radierten, häufig nachträglich handkolorierten Tafeln mit zumeist einer Ansicht, auf der Rückseite steht der Text.

Beginn ist England, es folgen Spanien, Frankreich, die Niederlande, eventuell Dänemark und dann das übrige römisch-deutsche Reich. Hieran schließen sich Ungarn, Polen und Russland sowie Italien an. Gelegentlich geht am Schluss der Blick über das Mittelmeer, im ersten Band bis Mexiko, Tansania und Indien.

Sammlergegenstand bis ins 18. Jahrhundert

Ansicht von Segeberg aus der Edition Braun-Hogenberg: Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Einzelblatt aus Band 4, 1588/90 Leihgabe aus Privatbesitz
Ansicht von Segeberg, aus der Edition Braun-Hogenberg: Beschreibung und Contrafactur der vornembster Stät der Welt, Einzelblatt aus Band 4, 1588/90, Leihgabe aus Privatbesitz

Die Edition Braun-Hogenberg avancierte zum beliebten Sammelgegenstand in den Bibliotheken des Adels und reicher Bürger. Einzeltafeln wurden auch als Wandschmuck herausgegeben. In solchen Fällen fehlt der erklärende Text auf der Rückseite. Manche Radierplatten wurden bis ins 18. Jahrhundert nachgedruckt.

Die ständigen Neuauflagen und Überarbeitungen haben Spuren hinterlassen, besondern deutlich bei der Ansicht der Stadt Basel. Bereits in der ersten Ausgabe ist in der Darstellung ein Riss zu erkennen, der sich von Auflage zu Auflage vergrößert. Mit den Druckplatten wurde offenbar nicht zimperlich umgegangen.

Zum Schluss bricht ein Stück aus der Druckplatte heraus, sie muss neu angefertigt werden. Den Auftrag übernimmt Matthäus Merian (1593–1650), der Vater von Maria Sibylla Merian. Die letzte Auflage der „Civitates orbis terrarum“ ist deshalb die erste mit einem Stich Merians, der anschließend eine eigene Topographie mit Stadtansichten begründen wird.

Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen zum Preis von € 5,- (im Buchhandel € 6,80).

Im Herbst 2017 erscheint außerdem bei der wissenschaftlichen Buchgesellschaft ein hochwertiger Band samt Textteil zur Edition Braun-Hogenberg, bearbeitet von G. Ulrich Großmann.

Infobox

  • Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg
  • Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr | Mittwoch 10 – 21 Uhr | Montag geschlossen

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