Karol Augustynowicz: Grafik. Illustrationen

5. Juni - 5. Juli 2015 in Schwabach

Karol Augustynowicz, Städtische Galerie Schwabach, Grafiken und Illustrationen
Karol Augustynowicz, Städtische Galerie Schwabach, Grafiken und Illustrationen

Die Einführungsrede der Ausstellungseröffnung zu „Karol Augustynowicz, Grafik. Illustration“ am 5.6.15 in der Städtischen Galerie Schwabach von Dr. Christine Demele gibt es nun online zum lesen.

Die Eröffnungsrede zur Ausstellung „Karol Augustynowicz: Grafik. Illustrationen“ von Dr. Christine Demele

Karol Augustynowicz: Ausstellung Städtische Galerie Schwabach, Foto: Reinhard Klix
Karol Augustynowicz: Ausstellung Städtische Galerie Schwabach, Foto: Reinhard Klix

Ich habe heute die Ehre und das Vergnügen Ihnen einen jungen polnischen Künstler vorzustellen, dessen grafische Arbeiten nicht nur für Kenner dieses anspruchsvollen Genres ein absoluter Genuss sind und deren technische Perfektion und künstlerische Ausdruckskraft ebenso viel Staunen erzeugen wie Hochachtung abverlangen.

Karol Augustynowicz wurde 1983 in Breslau geboren und studierte von 2002-2007 an der dortigen Kunstakademie die Fachrichtung Grafik. Seit seinem Abschluss schuf er Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälde und organisiert Grafikworkshops.

Karol Augustynowicz hat seine Werke bereits in verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, zum Beispiel 2011 anlässlich des Europäischen Kulturkongresses in Breslau, außerdem in Warschau und Danzig. Er nahm an internationalen Wettbewerben zur Zeichnung und Druckgrafik teil, zum Beispiel in Serbien, Italien und Polen. Die aktuelle Ausstellung in Schwabach ist seine erste Einzelausstellung im Ausland.

Die hier präsentierten Werke entstammen verschiedenen Schaffensperioden von 2006 bis 2014, wobei zuerst die Kaltnadelradierungen und später die Zeichnungen entstanden. Gemeinsam ist ihnen allen das Figürliche und der erzählerische Stil.
Er arbeitet oft in Serien und doch vermag jedes Werk für sich selbst zu bestehen.

Man kann Karol Augustynowicz ohne Übertreibung als Meister der Zeichenkunst einstufen. Seine grafischen Arbeiten zeichnen sich durch traumwandlerische Sicherheit in der Strichführung aus, sind ungemein akribisch und technisch perfektioniert. Doch dabei kommt auch der künstlerische Ausdruck nicht zu kurz.
Augustynowicz verleiht seinen Grafiken mittels kleinsten Strichelchen eine Oberfläche, die an das unruhig flackernde, flirrende Erscheinungsbild alter Filme erinnert, wo die Körnung sichtbar ist und Staub, Kratzer und Haare einen ähnlich krisseligen Effekt erzeugen.

Karol Augustynowicz: Geheimnis, Ausstellung Grafik. Illustration, Städtische Galerie Schwabach
Karol Augustynowicz: Geheimnis, Ausstellung Grafik. Illustration, Städtische Galerie Schwabach

Seine Charaktere sind exaltiert, grotesk, manchmal hässlich und gruselig, aber auch spielerisch und träumend phantasievoll. Sie haben einfältige Gesichter und machen absurde Gesten. Es sind merkwürdige Geschöpfe, welche die Bildwelten Augustynowiczs bevölkern. Sie sind zwar äußerlich oft abschreckend degeneriert und erscheinen manchmal grobschlächtig, aber sie wirken beseelt und man glaubt eine humorvolle Zuwendung zu spüren, aus der heraus sie in die Welt gesetzt wurden.

Ich möchte Ihnen zunächst kurz die Techniken erläutern und kunsthistorisch einordnen.
Es handelt sich bei den hier ausgestellten Arbeiten um Kaltnadelradierungen und Bleistiftzeichnungen, die zum Teil mit Gouache laviert wurden.

Die Technik der Kaltnadelradierung ist ein grafisches Tiefdruckverfahren und eine alte und aufwendige Drucktechnik. Bei der Kaltnadelradierung wird die Zeichnung unter Kraftaufwand mit einer Radiernadel in die Metallplatte geritzt. Je stärker die Druckausübung, desto kräftiger die Linie. Anders als beim Kupferstich wird das Material nicht herausgeschnitten, sondern nur verdrängt, sodass sich zu den Seiten Grate aufwölben, an denen später ebenfalls Farbe haften bleibt. Es entsteht dadurch eine malerische Wirkung. Nur wenige hervorragende Abzüge sind möglich. Charakteristisch ist auch, dass die Radiernadel anders als der Grabstichel beim Kupferstich ähnlich flexibel wie ein Zeichenstift geführt werden kann.

Während die Geschichte der Druckgrafik im Spätmittelalter ihren Ausgang nahm und mit der Verbreitung der Papierherstellung in Verbindung steht, kann die Handzeichnung als älteste künstlerische Technik überhaupt gelten. Die Geschichte der Kunst beginnt mit der Zeichnung. Plinius führte die Entstehung von Malerei und Plastik auf eine Umrisszeichnung zurück und die ältesten Kunsterzeugnisse der Menschheit, die steinzeitlichen Höhlenmalereien haben linearen Charakter. Innerhalb eines traditionellen Werkprozesses markiert die Zeichnung im Allgemeinen den Beginn und wird als Skizze, Studie, Kompositionsentwurf etc. zur Vorbereitung eines beliebigen Bildwerkes gebraucht. Unter den Kunstgattungen nimmt sie daher eine grundlegende Position ein. Die Kunsttheorie der Renaissance brachte den Disegno-Begriff hervor, der die Zeichnung als Vater aller Künstler propagierte und ihren geistigen Ursprung betonte. Damit verbunden war eine Aufwertung der Handzeichnung und des Künstlers als ihr Hervorbringer. Als Ausdruck künstlerischer Handfertigkeit und innovativer Ideen gewinnt die Handzeichnung dann schnell über die Künstlerwerkstätten hinaus an Bedeutung. Bereits seit der Frührenaissance war sie nicht mehr nur Nebenprodukt, sondern verselbständigte sich zunehmend. In der Renaissance entstanden dann die ersten autonomen Handzeichnungen, die also keine dienende Funktion mehr hatten, sondern als eigenständige Kunstwerke auch schon Sammlerwert.

Nicht von ungefähr nennt Karol Augustynowicz als Vorbilder in der bildenden Kunst die altdeutschen und niederländischen Künstler des 15. und 16. Jahrhunderts wie Schongauer, Dürer, Cranach, Grünewald, Bosch und Bruegel.

In den figurenbeladenen, detailreichen Kompositionen mancher Kaltnadelradierung wird der Einfluss der Altniederländer besonders deutlich. Die fantastischen Gestalten und Mischwesen, Mutanten und Fratzen gemahnen an die Bildwelten von Hieronymus Bosch, das Genre und die einfältigen Typen erinnern an die bäuerlichen Gestalten Pieter Bruegels.

Karol Augustynowicz: Ausstellung Städtische Galerie Schwabach, Foto: Reinhard Klix
Karol Augustynowicz: Ausstellung Städtische Galerie Schwabach, Foto: Reinhard Klix

Schaut man sich die Grafiken Augustynowiczs genauer an, werden zudem insbesondere literarische Einflüsse deutlich. Inspirationen holt sich der  Künstler nach eigener Aussage von der Barockliteratur sowie von biblischen und  mythologischen Motiven.

Nicht wenige Zeichnungen sind als Buchillustrationen für polnische Schriftsteller entstanden. Die „Illustrationen ohne Titel“ etwa wurden für einem Gedichtband des zeitgenössischen polnischen Dichters Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki’s geschaffen. Die Serie „Mother departs“ illustriert den gleichnamigen Gedichtband des polnischen Dichters Tadeusz Różewicz’s. Die „Noodles over faith“ entstanden ebenfalls für einen Gedichtband. Und die Zeichnungen „Stadt“, „Stadt II“, „Wein und Pfeife“ und andere sind Illustrationen zu einem Essay über Architektur des polnischen Architekten Stefan Muller.

Wie der Künstler selbst schrieb, geht es ihm nicht zuletzt darum, althergebrachte Themen, Symbole und Archetypen der europäischen Kultur aufzugreifen und in den zeitgenössischen Kontext zu stellen. So scheinen die Helden der Werke von Karol Augustynowicz “Gestalten früherer Epochen oder anderer Welten” zu sein. “Wenn man sie jedoch näher betrachtet, entdeckt man in ihren Gesichtszügen und Silhouetten Echos der Szenen und Vorkommnisse, die man beobachten kann während eines Spaziergangs durch die Straßen und alten Hinterhöfe außerhalb des Zentrums von Breslau.” Der junge Künstler beobachtet diese Alltagsszenen genau. Mit seiner außergewöhnlichen Vorstellungskraft überträgt er die tradierten Symbole, Mythen und Archetypen auf gegenwärtige Ereignisse und Figuren. Dies bewirkt, dass seine grafischen Kompositionen sowohl Distanz als auch Nähe zu Lebenserfahrung und Sehgewohnheit des zeitgenössischen Betrachters ausstrahlen. Die Verknüpfung dieser beiden Welten, der vergangenen, tradierten, mythologischen, symbolischen Welt mit dem menschlichen alltäglichen Leben, speziell der Schwachen, Mitleiderregenden mit ihren Sehnsüchten, ist ihm eine Herzensangelegenheit.

Zum Schluss möchte ich auf die Serie mit Zeichnungen unter dem Titel „Leichentuch“ (Shroud) verweisen. Ausgangspunkt waren Zeichnungen, die eine Mutter zeigen, die um ihr totes Kind trauert, ihnen folgten die Darstellungen der Abschied nehmenden Mutter bzw. die Interieurszenen. Diese Werke sind dem Thema Verlust, Dahinscheiden und Erinnerung gewidmet und unterscheiden sich von den anderen Werken nicht nur thematisch, sondern auch durch ihre schlichte und reduzierte Formensprache, die zwar ebenfalls voller Symbolik, vordergründig doch ganz sachlich daherkommt. Die Einsamkeit und Verlorenheit der Frau wird durch die Stilisierung umso gesteigerter zum Ausdruck gebracht. Die Serie kommt somit stiller und introvertierter daher, ohne die typische Expressivität Augustynowiczs, mit ihrer gesteigerten Dynamik.
Damit wäre ich am Ende meiner kurzen Einführung und hoffe, dass Sie sich gleich die Zeit nehmen, in diese fabelhafte Welt einzutauchen, die hier für uns erschaffen wurde.

(Text: Dr. Christine Demele)

Alle Informationen zur Dauer der Ausstellung, der Adresse der Städtischen Galerie und die Öffnungszeiten finden Sie im Artikel –> Karol Augustynowicz: Grafik. Illustrationen in Schwabach

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