Mit der Ausstellung Hidden Beauty (12.10.2019–19.01.2020) eröffnet die Kunsthalle Nürnberg nach 16 monatiger Sanierung.

Karin Sander Identities on Display, 2013, 18 Vitrinen je 200 x 80 x 60 cm, mit Kleiderhaken, Kleiderbügel und Münzschloss, Holz, Glas, Metall, Dimension variabel; in Zusammenarbeit mit Holzer Kobler Architekturen © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch
Karin Sander Identities on Display, 2013, 18 Vitrinen je 200 x 80 x 60 cm, mit Kleiderhaken, Kleiderbügel und Münzschloss, Holz, Glas, Metall, Dimension variabel; in Zusammenarbeit mit Holzer Kobler Architekturen © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch

Die acht Ausstellungsräume der Kunsthalle Nürnberg strahlen nach einer umfassenden energetischen Sanierung der Dächer in neuem Licht.

Mit ihren klaren Blickachsen und wechselnden Proportionen bietet die Architektur den Ausgangspunkt und Bezugsrahmen für die raumgreifenden Skulpturen und orts- spezifischen Installationen von Nevin Aladag, Monica Bonvicini, Olafur Eliasson, Ann Veronica Janssens, Michail Pirgelis, Laure Prouvost, Thomas Rentmeister, Karin Sander und Haegue Yang.

Ihre Raumkonzepte sind inspiriert von den Strategien des Environments, der Partizipation, der Konzeptkunst und der Minimal Art der 1960er-Jahre, spannen jedoch leichthändig, spielerisch und mit Humor den Bogen in die Gegenwart.

Der Ausstellungstitel Hidden Beauty spielt ebenso auf die in der mittelalterlichen Stadtmauer verborgene Architektur der Kunsthalle Nürnberg an wie auf die Kunst, die in diesen Räumen Situationen schafft für physisch erlebbare Erfahrungen und überraschende Wahrnehmungen.

Monica Bonvicinis Videoinstallation Slamshut (2016) konfrontiert gleich im ersten Raum die Besucher*innen mit ihren eigenen Erwartungen und lässt die im Film aufgebaute Spannung abrupt und mit trockenem Humor in einer körperlichen Erfahrung enden.

Olafur Eliasson Mono scanner, 2004 Linse, Spiegel, Motor, HMI Lampe, Stativ, Größe variabel, Unikat Courtesy Olafur Eliasson, neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York | Los Angeles; Foto: Annette Kradisch
Olafur Eliasson Mono scanner, 2004 Linse, Spiegel, Motor, HMI Lampe, Stativ, Größe variabel, Unikat Courtesy Olafur Eliasson, neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York | Los Angeles; Foto: Annette Kradisch

Auch in der Installation von Olafur Eliasson und im Werk von Ann Veronica Janssens geht es um die aktive Einbeziehung von MenschenundihresinnlicheWahrnehmung.

Janssens großformatige Glastafel aus der Serie der Magic Mirrors (2012–14) erzeugt bei Tageslicht eine verwirrende Vielfalt von schillernden Lichtreflexen und Spiegelungen, die die Grenzen zwischen Werk und Betrachtenden auflösen und die Erfahrung des realen Raums verändern.

Den Gegenpart dazu bildet Olafur Eliassons kinetische Skulptur Mono Scanner (2004), die in einem verdunkelten Raum die Wände mit einem Lichtstrahl durch die Linse eines Leuchtturm-Scheinwerfers abtastet und so die Aufmerksamkeit auf Details lenkt.

Die teils ausgewählten, teils eigens für die Ausstellung entwickelten Werke lassen die Räume auf ganz unterschiedliche Weise neu erleben.

Michail Pirgelis, High Authorities, 2019 Aluminium, Fiberglas, Titan/Aluminium, fibreglass, titanium, Größe variabel/dimension variable The Modernist, 2019 Aluminium, Fiberglas, Titan, Lack/Aluminium, fibreglass, titanium, lacquer, 215 x 277 x 25 cm Ausstellung "Hidden Beauty" Kunsthalle Nürnberg 2019; Courtesy Sprüth Magers, © Michail Pirgelis, Foto Michail Pirgelis
Michail Pirgelis, High Authorities, 2019 Aluminium, Fiberglas, Titan/Aluminium, fibreglass, titanium, Größe variabel/dimension variable The Modernist, 2019 Aluminium, Fiberglas, Titan, Lack/Aluminium, fibreglass, titanium, lacquer, 215 x 277 x 25 cm Ausstellung „Hidden Beauty“ Kunsthalle Nürnberg 2019; Courtesy Sprüth Magers, © Michail Pirgelis, Foto Michail Pirgelis

So verändert etwa Michail Pirgelis mit seiner Installation High Authorities (2019) den Übergang zwischen dem vierten und fünften Ausstellungsraum und setzt diese Richtungsänderung fort in neuen Wegen durch den Saal, die sich aus der Positionierung seiner großformatigen Objekte ergeben.

Sein Material – ausrangierte Flugzeuge – findet der Künstler auf Flugzeugfriedhöfen, wo die Symbole der globalen Mobilität am Ende „gelandet“ sind.

Die ursprüngliche Funktion eines Werkstoffes zu entfremden, verborgene Strukturen sichtbar zu machen und in eine andere Realität zu überführen, ist auch bei den Skulpturen von Nevin Aladagˇ und Thomas Rentmeister die Intention. Aus verzinkten, miteinander verbundenen Lüftungskanälen besteht die monumentale Skulptur Square Tubes (Looping) von Thomas Rentmeister, die sich in einer weit ausholenden Drehbewegung durch den Raum schwingt.

Thomas Rentmeister Square Tubes (Looping), 2019 verzinkte Vierkantrohre, ca. 420 x 240 x 670 cm Courtesy Thomas Rentmeister © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch
Thomas Rentmeister Square Tubes (Looping), 2019 verzinkte Vierkantrohre, ca. 420 x 240 x 670 cm Courtesy Thomas Rentmeister © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch

Den seriellen Modulen der Vierkantrohre gibt Thomas Rentmeister in einem per- formativen Akt eine individuelle bildhauerische Form. Aus Drahtseilen und Kommunikationskabeln bestehen die Makramés von Nevin Aladag.

Die aus dem Orient stammende Knüpftechnik für Blumenampeln, Raumteiler oder Wandbehänge bildet mit den widerspenstigen

Materialien eine ungewöhnliche Einheit und verweist zugleich auf die globale Kommunikation und Vernetzung, die unsere Arbeitswelt und Lebenswirklichkeit heute prägen.

Nevin Alada? Makramé, current flow 1, 2017 Stromkabel, Lautsprecherkabel, LAN-Kabel, Telefonkabel, Kupfer, Zinkblech, PVC, 185 x 170 cm Courtesy Nevin Alada? & Wentrup, Berlin © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch
Nevin Alada? Makramé, current flow 1, 2017 Stromkabel, Lautsprecherkabel, LAN-Kabel, Telefonkabel, Kupfer, Zinkblech, PVC, 185 x 170 cm Courtesy Nevin Alada? & Wentrup, Berlin © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch

Nevin Aladag verknüpft in ihren Makramés traditionelle kulturelle Techniken mit aus- geprägten sozialen Strukturen, die die Frage nach der Abgrenzung zwischen individueller Freiheit und sozialer Kontrolle, privatem und öffentlichem Raum aufwerfen.

Diese Fragen stellen sich auch bei den Installationen von Haegue Yang und Karin Sander.

Auf das Verhältnis zwischen Betrachter*in und Betrachtetem zielt Haegue Yangs Installation Jahnstraße 5 (2017), die aus fünf hinterleuchteten Aluminium-Jalousien besteht, deren Maße und Positionen an den Wänden genau den Heizkörpern und einem Boiler in ihrer früheren Wohnung entsprechen.

Haegue Yang Jahnstraße 5, 2017 Kitchen Boiler Aluminiumjalousien, pulverbeschichtetes Aluminiumgestell, pulverbeschichtete perforierte Aluminiumplatten, Glühbirnen, Kabel, Kabelbinder, Lüsterklemmen, 80 x 44 x 32 cm Kitchen Radiator 91 x 51 x 12 cm Living Room Radiators, Right and Left 2-teilig je 60 x 81 x 12 cm Bathroom Radiator 60 x 81 x 12 cm Aluminiumjalousien, pulverbeschichtetes Aluminiumgestell, Glühbirnen, Kabel, Kabelbinder, Lüsterklemmen; Edition 2/5 Courtesy Barbara Wien, Berlin © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch
Haegue Yang Jahnstraße 5, 2017 Kitchen Boiler Aluminiumjalousien, pulverbeschichtetes Aluminiumgestell, pulverbeschichtete perforierte Aluminiumplatten, Glühbirnen, Kabel, Kabelbinder, Lüsterklemmen, 80 x 44 x 32 cm Kitchen Radiator 91 x 51 x 12 cm Living Room Radiators, Right and Left 2-teilig je 60 x 81 x 12 cm Bathroom Radiator 60 x 81 x 12 cm Aluminiumjalousien, pulverbeschichtetes Aluminiumgestell, Glühbirnen, Kabel, Kabelbinder, Lüsterklemmen; Edition 2/5 Courtesy Barbara Wien, Berlin © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: Annette Kradisch

Die Lichtobjekte gleichen Fenstern, die mit dem individuell einstellbaren Sicht- und Sonnenschutz der Jalousien die Einsicht in die Privatsphäre gewähren oder diese verweigern können.

Karin Sanders als Schließfächer benutzbare Vitrinen Identities on Display (2013) im Foyer der Kunsthalle Nürnberg lassen private Gegenstände unmittelbar zu Ausstellungsstücken werden, die Rückschlüsse auf die individuellen Eigenschaften und Vorlieben der Nutzer*innen bei Accessoires und Kleidung geben.

Karin Sander macht das Verhältnis zwischen Besucher*innen und öffentlicher Institution zum Thema und enthüllt den Antagonismus zwischen dem institutionellen Anspruch, Freiräume zu schaffen und dem Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit – für die Besucher*innen wie für die Exponate.

Die Verbesserung der Energiebilanz und der Klimakontrolle in der Kunsthalle Nürnberg waren Ziele der Sanierung.

Laure Prouvost ren-essence (corner) I, 2018 Kühlschrank, Keramik, Zeichen, Zeichnungen, Magazine, Früchte, Käse, Milchkartons, Dimension variabel ren-essence (corner) II, 2018 Kühlschrank, Keramikobjekte, kleines Porzellankännchen, Holzkiste mit Glasscherben, Früchte, Eier, Saft, 175 x 60 x 50 cm Metal Yoga Man – cat pause while cleaning, 2018 Metall, Spiegel, Farbe, 115 x 75 x 205 cm Hybrid Octopus Branch, 2018 Holz, Holzfüllmaterial, Farbe, elektronische Bauteile © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto:Annette Kradisch
Laure Prouvost ren-essence (corner) I, 2018 Kühlschrank, Keramik, Zeichen, Zeichnungen, Magazine, Früchte, Käse, Milchkartons, Dimension variabel ren-essence (corner) II, 2018 Kühlschrank, Keramikobjekte, kleines Porzellankännchen, Holzkiste mit Glasscherben, Früchte, Eier, Saft, 175 x 60 x 50 cm Metal Yoga Man – cat pause while cleaning, 2018 Metall, Spiegel, Farbe, 115 x 75 x 205 cm Hybrid Octopus Branch, 2018 Holz, Holzfüllmaterial, Farbe, elektronische Bauteile © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto:Annette Kradisch

Laure Prouvost dienen sie als Ausgangspunkt für die Einrichtung eines

„Showrooms“, der an einen verwilderten Wintergarten erinnert. Gemeinsam ist der Sammlung von Pflanzen und Gegenständen, dass sie auch biologische oder technische Kühlsysteme sind oder diese enthalten.

Mit dem Titel ren-essence (corner) I spielt Laure Prouvost auf die Epoche der Renaissance an, doch lässt dieser sich auch auf die „Wiedergeburt“ eines neuen Ausstellungsraums in der Kunsthalle Nürnberg beziehen.


Kunsthalle Nürnberg
Lorenzer Straße 32
90402 Nürnberg

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag und an Feiertagen 10 – 18 Uhr | Mittwoch 10 – 20 Uhr | Montag geschlossen

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