Martin Rehm im Exklusiv-Interview mit KUNSTNÜRNBERG zu seiner preisgekrönten Bachelorarbeit Verschwunden.

Martin Rehm über seine Abschlussarbeit „Verschwunden“

Martin Rehm aus Altenkunstadt (Lk. Lichtenfels) studierte vier Jahre (2009-2013) Design an der Technischen Hochschule Nürnberg – Georg Simon Ohm Hochschule und setzte seinen Schwerpunkt auf die Fotografie und digitale Medien. 

2013 beendete er sein Studium mit der Abschlussarbeit Verschwunden, die die Geschichte der Mitarbeiter von insolventen Unternehmen in Franken mit künstlerischen Mitteln beschreibt.

Kunstnürnberg: Du hast an der Technischen Hochschule Nürnberg Design studiert. Wo lag Dein Schwerpunkt und wie bewertest Du das Studium in Nürnberg?

Martin Rehm: Unter dem Designstudium können sich viele Menschen nichts vorstellen. Es kam immer wieder die Frage auf: Hat das etwas mit Mode zu tun? Nein, es hat nichts mit Mode zu tun.

Es gibt zehn Hauptfächer, in denen man sich spezialisieren kann. Mir war von vorneherein klar, dass es in Richtung Fotografie und digitale Medien gehen wird. Wir hatten auch viele Kommilitonen, die zeichneten und relativ analog arbeiteten und illustrierten. Ich war aber immer auf der digitalen Schiene.

Bachelor-Thesis Martin Rehm WS 2012/13 GSO-Hochschule Nürnberg, © Martin Rehm
Bachelor-Thesis Martin Rehm WS 2012/13 GSO-Hochschule Nürnberg, © Martin Rehm

Das Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich kann es nur jedem empfehlen. Tolle Professoren, tolle Ausrüstung. Auf die Studenten wird äußerst individuell eingegangen.

Man kann sich sehr frei und selbständig entfalten. Besonders wichtig empfand ich auch die Unterstützung und Zusammenarbeit mit Unternehmen. Es existiert ein sehr enges Netzwerk zwischen Professoren und Studenten und eine enge Bindung an Unternehmen.

Kunstnürnberg: Die Ohm ist sehr praktisch orientiert. Neben der Vermittlung von Techniken wird den Studenten auch die Möglichkeit gegeben Erfahrungen auf dem wirtschaftlichen Markt zu sammeln. Welche Arbeiten hast Du im Studium geschaffen und wie arbeitest Du jetzt?

Martin Rehm, © Martin Rehm
Der Fotograf Martin Rehm, © Martin Rehm

Martin Rehm: Im Studium war es so, dass wir jedes Semester spezielle Aufgaben bekommen haben, die wir anschließend relativ frei bearbeiten und umsetzten konnten. Wir wurden angeregt uns selbstständig mit Themen zu beschäftigen.

Jetzt nach dem Studium arbeite ich fotografisch hauptsächlich im Bereich Reportage. Ich versuche gesellschaftlich wichtige Themen oder Brennpunkt-themen aufzugreifen. Beispielsweise Toleranz im Bereich Integration, Menschenrechte und Religionsfreiheit.

Außerdem erstelle ich viele Berufsreportagen. Ich begleite Menschen bei der Arbeit und halte den Berufsalltag fest. Ab und zu kommen auch einfache B2B- Kampagnen rein, wie Image-Kampagnen, „schöne-heile-Welt-Lächelbilder“, wie man sie sonst aus der Werbung kennt. Es hat alles seinen Reiz. Ich weiß zum Beispiel auch, was ich nicht gerne mache, bzw. wofür ich keine Geduld aufbringen kann: Landschafts- und Naturaufnahmen.

Bachelor-Thesis Martin Rehm WS 2012/13 GSO-Hochschule Nürnberg, © Martin Rehm
Bachelor-Thesis Martin Rehm WS 2012/13 GSO-Hochschule Nürnberg, © Martin Rehm

Kunstnürnberg: Und fotografierst du Architektur?

Martin Rehm: Ja, denn ohne Architektur keine Unternehmen. Wir sind alle von Architektur umgeben.

Kunstnürnberg: Deine Abschlussarbeit war das Fotoprojekt Verschwunden. Das Projekt hat eine hohe Resonanz in den Medien erfahren. Es gab zum Beispiel einen Bericht in der Sendung Heimatrauschen im BR über Dich. Welches Konzept steht hinter Verschwunden?

Martin Rehm: Genau! Verschwunden war meine Abschlussarbeit an der Georg-Simon-Ohm Hochschule. Ich bin wegen des Studiums nach Nürnberg gekommen und interessiere mich seitdem für die Menschen der Stadt. Seit 2009 bis heute ist die Insolvenz der QUELLE ein Riesenthema. Der Zusammenbruch des Konzerns stellt einen gewaltigen Schlag für die Stadt Nürnberg und ihre Einwohner dar.

Das Thema hat mich interessiert und ich habe dann in den Recherchen und Gesprächen gemerkt, dass das Thema Insolvenz ein hohes Potenzial in sich birgt. QUELLE und später SCHLECKER sind bekannte und oft zitierte Beispiele aus den Medien. Aber es gibt auch unbekannte Fälle von Einzelunternehmern und kleinen Geschäften, die es nicht geschafft haben am Markt zu bestehen.

Aus dieser Problematik entwickelte ich die Idee zu meinem Projekt Verschwunden. Ich begab mich auf die Suche nach ehemaligen Unternehmen. Die Menschen, die hinter den Unternehmen standen, interessierten mich besonders.

Bei der QUELLE gab es Arbeiter, die seit Jahrzehnten täglich an die Fürther Straße gekommen waren und nun vor dem Aus standen. Die QUELLE war ihr Lebensmittelpunkt. Diese Menschen stehen symbolisch für all diejenigen, die in den Unternehmen gearbeitet und einen Großteil ihres Lebens dort verbracht haben. Meine Bilder sollen Aufarbeitung, Erinnerung und Mahnung sein.

Bachelor-Thesis Martin Rehm WS 2012/13 GSO-Hochschule Nürnberg, © Martin Rehm
Bachelor-Thesis Martin Rehm WS 2012/13 GSO-Hochschule Nürnberg, © Martin Rehm

Kunstnürnberg: Welches Zeil verfolgst Du mit Deinen Fotografien?

Ich versuche grundsätzlich in meinen Fotoarbeiten in die Tiefe zu gehen und nicht nur oberflächlich zu fotografieren. Im Bild soll auch eine Geschichte erzählt werden. Um die Betroffenen zu verstehen habe ich viel mit ihnen vor Ort geredet, ging in ihre ehemaligen Arbeitsstätten und habe sie dort mit der Vergangenheit konfrontiert.

Ich hätte sie einfach porträtieren können, doch schien mir dies zu einfach. Also habe ich die Menschen so bemalen lassen, dass sie mit der Umgebung verschmolzen und man die Menschen in den Bildern auf den ersten Blick nicht mehr sah. Die Protagonisten sollten wie die insolventen Unternehmen verschwinden. Auf den zweiten Blick erkennt man die Menschen jedoch.

Ein schöner Nebeneffekt der Fotografien ist, dass die Betrachter auf eine Suche nach den Fotografierten geschickt werden. Aber in erste Linie sollen die Bilder zum Nachdenken anregen. Hinter den Unternehmen stehen immer Individuen.

Kunstnürnberg: Das Thema wird wirklich hervorragend in den Fotografien umgesetzt. Wie Geister verweilen die ehemaligen Angestellten in den leeren Unternehmensräumen. Die gesamte Tragweite und Schwere der Thematik wird so mit künstlerischen Mitteln klar und deutlich umgesetzt. Die Fotografien schaffen einen sehr direkten Zugang zur deprimierenden Situation in insolventen Unternehmen. Bei den Aufnahmen Deiner Fotos hattest Du Unterstützung von einem Bodypainter. Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Martin Rehm: Es war jedoch nicht das klassische Bodypainten, da die Protagonisten ihre typische Arbeitskleidung von früher an hatten. Der Bodypainter sprühte die Menschen dann mit den Farben des Hintergrunds an. Aus technischen Gründen musste die Kleidung jedoch weiß sein, da weiß relativ einfach übermalt werden kann.

Fotoaufnahmen zu "Verschwunden" in der Quelle © Martin Rehm
Fotoaufnahmen zu „Verschwunden“ in der Quelle © Martin Rehm

Ich habe die Kamera immer ausgerichtet, nachdem der Protagonist seine Position eingenommen hatte. Danach durfte die Kamera nicht mehr bewegt werden. Auch die Person vor der Linse musste ab nun ca. 2 bis 3 Stunden still verharren. Das Problem war, dass der Bodypainter eine andere Perspektive hatte, als die Kamera. Er hätte also ständig hin und her laufen müssen, um den Protagonisten aus der Perspektive der Kamera sehen zu können. Wir lösten das Problem, indem ich vorne beim Bodypainter ein LCD-Bildschirm aufgestellt habe und diesen mit der Kamera über ein HDMI-Kabel verbunden habe. So konnte der Painter sehen was die Kamera sieht.

Kunstnürnberg: Die ehemaligen Arbeiter habe die Prozedur über sich ergehen lassen?

Martin Rehm: Ein ganz großes Lob an alle Beteiligten. Jeder hat durchgehalten, obwohl die Bilder teilweise auch im tiefsten Winter draußen geschossen wurden.

Kunstnürnberg: Welche Orte hast Du außer der QUELLE ausgewählt?

Martin Rehm: Neben der QUELLE habe ich die AEG ausgewählt. Ich bin über einen Artikel auf die ehemalige Max-Hütte, einem Stahlwerk mit einer sehr spannenden Geschichte, in Sulzbach-Rosenberg, gestoßen. Dort durfte ich auch fotografieren.

Des Weiteren hab ich einen Schuhmacher fotografiert, der sich selbständig gemacht hatte und leider Insolvenz anmelden musste. Das Spektrum ging also vom Ein-Mann-Betrieb bis zum Unternehmen mit 4000 Angestellten.

Verschwunden © Martin Rehm
Verschwunden © Martin Rehm

Kunstnürnberg: Wie hast Du Deine Protagonisten gefunden. Wer hat sich bereit erklärt?

Martin Rehm: Dieser Punkt war tatsächlich schwierig. Bei der QUELLE ging es noch relativ einfach, da ich mehrere Personen zur Auswahl hatte. Am Ende fotografierte ich einen ehemaligen Azubi, der wegen der Insolvenz seine Ausbildung abbrechen musste.

Im Grunde habe ich einfach jedem von meinem Projekt erzählt, und das hat sich dann per Mundpropaganda verbreitet.  Auch die regionalen Medien wie z.B. die Nürnberger Nachrichten haben mir dabei geholfen.

Kunstnürnberg: Die Fotografien wurden im Schaufenster des ehemaligen Kaufhauses am Aufseßplatz ausgestellt. Eine sehr passende Kulisse.

Martin Rehm: Die Schaufensterfassade eines ehemaligen großen Kaufhauses war für mich neu. Ich fand den Ort spannend, da das Gebäude des Kaufhofs geschlossen wurde und ähnliche Schicksale hervorbrachte, wie sie meine Fotografien zeigen.

Fotografien werden eher selten in Schaufenstern gezeigt. Ausstellungen kann man ja nur zu festen Öffnungszeiten besuchen, während man meine Arbeiten am Aufseßplatz auch nachts betrachten konnte.

Ich habe Schaufenstergucker beobachtet. Da man die Protagonisten auf meinen Bildern nicht sofort sieht, muss man kurz innehalten. Sobald die Betrachter die Menschen auf den Fotografien erkannten, kam es zu einem Aha-Effekt.

Verschwunden © Martin Rehm
Verschwunden © Martin Rehm

Kunstnürnberg: Wenn dieser Aha-Effekt auftritt, wird die Thematik schlagartig deutlich und bewusst. Wie bei einem Suchbild wird der Betrachter integriert und Deine Idee kann sehr gut auf die Menschen wirken. Das ist sehr gut gelungen.

Welche Ausstellungen und Projekte stehen in nächster Zukunft an?

Martin Rehm: Zum einen erstelle ich gerade eine Serie zum Thema Toleranz und Integration der Muslime in Deutschland. Es ist bei uns beispielsweise eher selten, dass jemand komplett verschleiert mit einer Burka durch die Fußgängerzone läuft.

Diese Situation und die Reaktionen der Fußgänger möchte ich fotografisch herausarbeiten. Ich experimentiere hier noch. Wichtig sind für mich nicht nur die Fotos selber, sondern auch deren Entstehung sowie die Reaktionen während der Entstehung.

Ansonsten habe ich Ende des Jahres eine Ausstellung in Kulmbach, wo eine kleine Werkschau meiner Arbeit gezeigt werden wird.

Kunstnürnberg: Vielen Dank für das Interview und die Zeit, die Du Dir für die Leser von Kunstnürnberg genommen hast.

Martin Rehm: Vielen Dank für die Anfrage und das nette Gespräch.

Das Interview wurde am 14.08.2014 in Nürnberg geführt. Die Fragen stellte Alexander Racz.

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