Kalvarienberg im GNM – Ein bislang nur aus schwarz-weiß Aufnahmen bekanntes spätmittelalterliches Tafelbild, das entweder in Bamberg oder Nürnberg um 1490 entstanden ist, tauchte bei einer Londoner Auktion auf, und konnte im April 2014 spontan für das Germanische Nationalmuseum Nürnberg angekauft werden.

Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg kauft ein spätmittelalterliches Tafelbild bei einer Auktion in London an

Es wird die Sammlung Alte Meister des GNM nach einer eingehenden wissenschaftlichen Untersuchung im Rahmen des Forschungsprojekts „Die deutsche Tafelmalerei des Spätmittelalters“ bereichern.

Finanzielle Unterstützung für den Ankauf leisteten die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Rudolf-August Oetker Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmalpflege.

Kalvarienberg, Nürnberg oder Bamberg, um 1490, © GNM Nürnberg
Kalvarienberg, Nürnberg oder Bamberg, um 1490, © GNM Nürnberg
  • Entstehungsort: Bamberg oder Nürnberg
  • Entstehungszeit: um 1490
  • Künstler: Schüler des Bamberger Malers Wolfgang Katzheimer
  • Maße: 144 x 142 cm
  • Prozenienz: Friedrich Campe (1777-1846); bis 1972 private englische Sammlung; ab 1972 Privatsammlung Dr. Gustav Rau

Der figurenreiche Kalvarienberg

Das Tafelbild zeigt das Motiv des sogenannten Kalvarienbergs. Das Zentrum definiert der tote Christus am Kreuz auf dem Hügel Golgotha. Sein Kopf ist gesunken und seine Augen sind geschlossen. Aus seinen Nagelwunden und der Seitenwunde strömt Blut.

Die Dramatik des Moments spiegelt sich im wild gefalteten Lendentuch Christi wieder. Im Hintergrund sieht man eine Ansicht Jerusalems. Das Kreuz ist umringt von Personen in zeitgenössischer Tracht und Rüstung. Der Maler versetzte die Kreuzigung Christi also aus der Antike in seine Zeit, das Spätmittelalter.

Auf der linken Seite von Christus betrachten Juden mit orientalischen Kopfbedeckungen, römische Soldaten und Stephaton mit dem Essigschwamm auf der Lanze den Gekreuzigten.

Zur rechten Christi sinkt die ohnmächtige Maria, von Johannes und einer weiteren Maria gestützt, während hinter dieser Dreiergruppe eine Vierergruppe um Longinus mit der Lanze vom Geschehen gebannt auf den Kruzifixus starrt. Zu Füßen Christi kniet Maria Magdalena und betet.

Das Tafelbild steht an der Schwelle des Übergangs von dem niederländisch beeinflussten Stils des Malers Hans Pleydenwurffs hin in die Zeit des jungen Albrecht Dürers. Es fügt sich damit perfekt in das Zeitfenster der Sonderausstellung „Der frühe Dürer„, die 2012 im GNM gezeigt wurde, ein.

Ein Frühwerk Dürers? 

Bis in das Jahr 1912 galt der Kalvarienberg als ein Frühwerk Albrecht Dürers und trug dessen Monogramm. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse strafen diese Vermutung jedoch als falsch ab.

Der renommierte Kunsthistoriker Robert Suckale würdigte in seinem zweibändigen Werk „Die Erneuerung der Malkunst vor Albrecht Dürer“ im Jahr 2009 zuletzt den Kalvarienberg eingehend. Suckale schrieb die Tafel aus stilistischen Gründen einem Schüler des Bamberger Malers Wolfgang Katzheimer zu.

Jedoch konnte Suckale nur auf schwarz-weiß Abbildungen zurückgreifen und sah das in Privatbesitz befindliche Tafelbild nicht im Original. Suckales Datierung in die Zeit um 1490 wurde jedoch von der Forschung anerkannt. Die Tafel knüpft in zahlreichen Motiven an Hauptwerke des Nürnberger Malers Hans Pleydenwurff (1420 bis 1472) an.

Sie unterscheidet sich jedoch in der Darstellung der Hintergrundlandschaft und der naturnähe der Pflanzenwelt. Hier begründet sich bereits eine entwickeltere Wahrnehmung der führen Dürerzeit, die ihre Vollendung im 16. Jahrhundert erfahren soll.

Forschungsprojekt „Die deutsche Tafelmalerei des Spätmittelalters“

Das Institut für Kunsttechnologie und Konservierung des Germanischen Nationalmuseum Nürnberg untersucht momentan den neu erworbenen Kalvarienberg mit wissenschaftlichen Methoden. Im Anschluss soll die Tafel im Zuge des aktuellen ForschungsprojektDie deutsche Tafelmalerei des Spätmittelalters (2013-2016) kunsthistorisch untersucht und eingeordnet werden.

Immer wieder tauchen bemerkenswerte im Kunsthandel auf. Leider haben staatliche Institutionen oft das nachsehen, weil private Personen mit viel Vermögen vorher zuschlagen.

(Pressetext und Pressefoto des GNM Nürnberg).

Hier können Sie einen Kommentar hinterlassen:

Please enter your comment!
Please enter your name here