Die Bayerisch-Tschechische Landesausstellung über Karl IV. im Germanischen Nationalmuseum (20.10.2016 – 05.03.2017) vereint über 180 hochrangige Kunstwerke, Urkunden, kulturhistorische und alltagsgegenständliche Zeugnissen und mediale Inszenierungen und bietet so einen neuen Blick auf den facettenreichen Herrscher und seine Zeit.

Karl IV. – Kaiser mit Schwert und Feder

Votivtafel mit Darstellung von Kaiser Karl IV., um 1370 Tempera auf Holz © Nationalgalerie Prag
Votivtafel mit Darstellung von Kaiser Karl IV., um 1370, Tempera auf Holz © Nationalgalerie Prag: Die Votivtafel gab der Prager Erzbischof Johann Očko von Vlašim um 1370 in Auftrag. Im oberen Bildteil kniet links Kaiser Karl IV., mit prächtigem Ornat und Krone, vor Maria und dem Christuskind. Rechts kniet sein Sohn, der junge König Wenzel. Hinter Karl steht der Hl. Sigismund, hinter Wenzel dessen Schutzpatron, der Hl. Wenzel. In der unteren Bildhälfte kniet der Stifter, Erzbischof Johann Očko von Vlašim. Links und rechts von ihm stehen böhmische Landespatrone, von links der Hl. Prokop und der Hl. Albert, der Hl. Veit und die Hl. Ludmilla. Das Porträt zeigt Kaiser Karl IV. als weisen und gerechten Herrscher. Es nimmt aber auch zeitgenössische Quellen auf, in den Karl IV. von mittelgroßer Gestalt, leicht gebeugt, mit breitem Gesicht, hoher Stirn und schwarzem Bart beschrieben wird.

Das 14. Jahrhundert war eine Krisen- und Umbruchzeit: Die Pest wütete in weiten Teilen Mitteleuropas, Naturkatastrophen und Hungersnöte forderten viele Opfer. Zeitgleich erlebten Architektur, Technik, Kunst und Kultur einen Aufschwung, besonders in den mit Karl verbundenen Reichs- und Bischofsstädten.

Prag erhielt die erste Universität Mitteleuropas und entwickelte sich zur Metropole. Die Prager Hofkunst wirkte stilbildend.

Auch die freie Reichsstadt Nürnberg, seinem zweithäufigsten Aufenthaltsort nach Prag, hat Karl IV. erheblich durch Stiftungen gefördert. Seine hohe Bildung machte ihn zu einem Kaiser des Schwertes und der Feder: Als erster Herrscher verfasste er eine Autobiographie.

Madonna aus der Kirche Unserer Lieben Frau in Michle, Prag, um 1330 Birnbaumholz Prag, Nationalgalerie © Nationalgalerie in Prag
Madonna aus der Kirche Unserer Lieben Frau in Michle, Prag, um 1330, Birnbaumholz, Prag, Nationalgalerie, © Nationalgalerie in Prag: Das Vorbild der von einem unbekannten Meister geschaffenen Madonna von Michle ist in der französischen Hochgotik zu suchen. Die neue Hofkunst unter Karl IV. greift diese Vorbilder auf.

Karl war als Sohn von Johann von Luxemburg und Elisabeth von Böhmen eine wichtige Figur im politischen Spiel. Als Gegenkönig des Wittelsbachers Ludwig der Bayer konnte Karl die Unterstützung des Papstes gewinnen und damit den Kampf um die römisch-deutsche Krone.

Seine Krönung 1355 in Rom bedeutete die Erneuerung des Kaisertums im Heiligen Römischen Reich. Und er schaffte ein epochales Werk: Die Goldene Bulle von 1356 wurde zu einer Art Reichsgrundgesetz und regelte für viereinhalb Jahrhunderte die Wahl des Römischen Königs durch die Kurfürsten.

Als Kaiser stützte er sich weniger auf militärische Gewalt als auf Diplomatie – und auf erhebliche Geldsummen, mit denen er die Zustimmung der Kurfürsten erkaufte. Die reichen Silbervorkommen Böhmens, die Förderung des Handels sowie die effiziente Verwaltung und Nutzung seiner Territorien ermöglichten den Erfolg des ebenso frommen wie berechnenden Kaisers.

Daneben betrieb er geschickte Heiratspolitik: Bei seinen vier Ehen wie bei der Verheiratung seiner Kinder spielte die Mehrung seiner Hausmacht stets die wichtigste Rolle. So bildete die Mitgift der Wittelsbacherin Anna von der Pfalz die Grundlage für Karls „Neuböhmen“ in der Oberpfalz.

Karl IV. – Umstrittener Herrscher oder Ikone?

Kasel mit Dorsalkreuz, Böhmen, um 1365/70 Seidensamt, Stickerei mit Gold-, Seiden- und Wollfäden London, Victoria & Albert Museum © Victoria & Albert Museum
Kasel mit Dorsalkreuz, Böhmen, um 1365/70, Seidensamt, Stickerei mit Gold-, Seiden- und Wollfäden London, Victoria & Albert Museum, © Victoria & Albert Museum: Die Kasel mit der Kreuzigung Christi weist vor allem in der Darstellung des Lendentuches Christi enge Bezüge zur Hofkunst unter Karl IV. auf und ist wahrscheinlich für einen hohen geistlichen Würdenträger einer der Prager Kirchen angefertigt worden.

Weil er für seine Hausmachtpolitik in großem Umfang Reichsgut verpfändete, sahen deutsche Historiker Karl IV. lange als „Vater Böhmens, aber Erzstiefvater des Reiches“, während er in Böhmen bzw. Tschechien bis heute als „Vater des Vaterlandes“ gilt.

Das Konzept wurde von der Nationalgalerie Prag und dem Haus der Bayerischen Geschichte Augsburg in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) Leipzig, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, des Deutschen Historischen Instituts Rom, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde St. Martha Nürnberg erarbeitet.

Besucherinformationen

  • Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg
  • Ausstellungsdauer: 20.10.2016 – 05.03.2017
  • Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr | Mittwoch 10 – 21 Uhr | Montag geschlossen

Pressemitteilung

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