Kasia Prusik-Lutz kuratiert anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Krakauer Hauses in Nürnberg das Kunstprojekt 20. 

Zwanzig Kunstwerke polnischer und deutscher Künstlerinnen und Künstler werden im Öffentlichen Raum Nürnbergs gezeigt.

Im Interview spricht Kasia Prusik-Lutz über das Projekt, die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler sowie deren Kunst.

Das Kunstprojekt 20 in Nürnberg und Krakau

Kunstnürnberg: Du kuratierst das Kunstprojekt 20 im Öffentlichen Raum in Nürnberg anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Krakauer Hauses in Nürnberg. Um was geht es in der Ausstellung genau?

Kasia Prusik-Lutz: Ich habe zwanzig Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Zehn aus Krakau und zehn aus Nürnberg – um eine Ausstellung im Öffentlichen Raum zu zeigen. Ich wollte die Ausstellung nicht nur in der Galerie des Krakauer Hauses machen, sondern gerne auch raus gehen.

Die Ausstellung haben wir bereits in Kooperation mit Renata Kopyto, der Leiterin des Nürnberger Hauses in Krakau, gezeigt. Das heißt, die zwanzig Künstler haben ihre Werke zuerst in Krakau gezeigt und „verschönern“ jetzt Nürnberg. Für die Krakauer waren die meisten Nürnberger Künstlerinnen und Künstler vorher unbekannt und genauso ging es den Nürnbergern mit den polnischen Künstlerinnen und Künstlern.

Da ihre Werke im Öffentlichen Raum gezeigt werden, erhalten auch viele Leute, die vielleicht nicht in eine Galerie gehen, einen Zugang zu unserer Ausstellung und der gezeigten Kunst.

Kunstnürnberg:  Die Ausstellung beteiligt sich am „aktuellen gesellschaftlichen Identitätsdiskurs“ mit verschiedenen künstlerischen Positionen. Wie genau und mit welchen Kunstwerken geschieht das?

Kasia Prusik-Lutz: Als ich mir das Konzept der Ausstellung überlegt habe kam mir bereits am Anfang die Idee, etwas im Öffentlichen Raum zu machen. Im Anschluss überlegte ich mir welche Künstlerinnen und Künstler ich dafür einladen sollte. Ich habe versucht Künstlerinnen und Künstler zu gewinnen, die mit klaren Formen arbeiten, die im Öffentlichen Raum gut funktionieren.

Von den zwanzig Künstlerinnen und Künstlern haben nicht alle vorher bereits draußen ausgestellt. Ich habe den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern ein paar Stichworte genannt, wie „Haus“, „Obdachlosigkeit“, „Fremde“, „Grenze“ oder „über Grenzen springen“, usw. und sie gebeten, etwas in diesem Kontext zu schaffen.

Alena Trafimava: Grenze, Foto: Krakauer Haus
Alena Trafimava: Grenze, Foto: Krakauer Haus

Es gibt z.B. die Installation mit den Titel „Grenze“ von Alena Trafimava. Es handelt sich dabei um eine Grenzsäule mit einem Sprungseil. Wie bei einem Spiel soll man über das Seil springen, und so „Grenzen überspringen“. Alena wohnt in Krakau seit etwa 15 Jahren, kommt aber ursprünglich aus Weißrussland.
Es soll eigentlich eine „unbeschwerte“, spielerische Installation sein. Jedoch konnte keine Genehmigung für die Installation bewilligt werden. Das Werk ist in Nürnberg deshalb in einer „begrenzten Form“ zu sehen.

Monika Drozynska: Polnische Flaggen, Foto: Krakauer Haus
Monika Drozynska: Polnische Flaggen, Foto: Krakauer Haus

Das Werk „Polnische Flaggen“ von Monika Drozynska, wo der weiße Stoff mit dem Text des Gedichtes „Lily Marleen“ des deutschen Schriftstellers Hans Leip rot bestickt wurde, befasst sich mit dem Thema Grenze, jedoch aus einer anderen Perspektive.
Sehr konsequent zähmt Pirko Julia Schröder mit ihren Arbeiten „Himmel über Gostenhof“ und „Himmel über Kazimierz“ die neuen Orte.

Dorota Hadrian: Nashorn, Foto: Krakauer Haus
Dorota Hadrian: Nashorn, Foto: Krakauer Haus

Das „Nashorn“ von Dorota Hadrian am Hans Sachs Platz, erweckt die unterschiedlichsten Reaktionen von Passanten. Wir fragen uns immer noch, mit welchen Emotionen das Nashorn selber aufwachen wird.

Kunstnürnberg: Werden die Arbeiten im Öffentlichen Raum in Nürnberg anders gezeigt als in Krakau?

Kasia Prusik-Lutz: Es sind grundsätzlich die gleiche Werke, die aber natürlich in der neuen Umgebung oft eine ganz andere Wirkung haben.

Ein Kunstwerk von Thomas May wurde für die Nürnberger Ausstellung neu gemacht. Er hat in der Pegnitz eine Insel mit einem Periskop gebaut, durch das die Nürnberger scheinbar von jemand „Anderen/Fremden“ beobachtet werden.

Thomas May: Tarnen und Täuschen, Foto: Krakauer Haus
Thomas May: Tarnen und Täuschen, Foto: Krakauer Haus

Mikolaj Rejs hat für beide Städte Graffiti entworfen – das sind dann auch zwei getrennte Werke. Auf der Wand des Hübnerstunnel spielt er mit Krakauer Geistern und Mythen. In Krakau hat sich Mikolaj mit Dürers „Melancholie“ an der Wand auseinander gesetzt.

Mikolaj Rejs: Graffiti, Foto: Krakauer Haus
Mikolaj Rejs: Graffiti, Foto: Krakauer Haus

Kunstnürnberg: Die Künstlerin Barbara Engelhard zeigt eine Installation mit bunten Bändeln. Wie genau werden die Bändel inszeniert und was gibt es noch zu sehen?

Kasia Prusik-Lutz: Die Arbeit ist sehr dekorativ. Bändel gehören zur festlichen Krakauer Tracht, was auch gut zum Festcharakter der Ausstellung anlässlich des Geburtstages des Krakauer Hauses passt. Barbara Engelhards Bändel hängen wir an die Ufermauer des Krakauer Hauses in Richtung Altstadt.

Barbara Engelhard: Bändel an der Pegnitzmauer, Foto: Krakauer Haus
Barbara Engelhard: Urban Draperies, Pegnitzufermauer, Foto: Krakauer Haus
Justyna Gryglewicz: Gebilde, Foto: Krakauer Haus
Justyna Gryglewicz: Gebilde, Foto: Krakauer Haus

Die Krakauer Künstlerin Justyna Gryglewicz zeigt eine auf Plexiglas gedruckte Fotografie, die in die Erde eingebaut ist und wie ein archäologisches Fundstück wirkt. Die Fotografie zeigt etwas aus Krakau, während in Krakau ein Nürnberger Motiv abgebildet war.

Es geht dabei um typische Souvenirs, die es in Touristenläden zu kaufen gibt. Sie hat die Souvernirs auseinander gebaut, um sie zu abstrahieren und dann in die Erde gesetzt. Hier geht es um die Frage „Was bleibt von uns übrig in tausenden von Jahren?“.

Caspar Hüter: Hallo Krakau, Foto: Krakauer Haus
Caspar Hüter: Hallo Krakau, Foto: Krakauer Haus

Der Künstler Caspar Hüter hat in Krakau einen schwer zerstörten Altbau gesehen, dessen Renovierung schon seit langem geplant ist, jedoch nie stattgefunden hat. Caspar Hüter arbeitet mit Lamellen. Jedoch hat er die Lamellen noch nie wirklich in einem Fenster installiert, sondern aus dem Material immer neue Sachen geschaffen.

In Krakau hat er also aus den Lamellen eine Jalousie für die Fenster des Hauses gebaut. In ihrer abstrakten Weise wirkt die Arbeit wie ein Bild im Fenster.

Das Material bekommt hier einen neuen Platz. Ursprünglich stammen die Lamellen aus dem AEG Gebäude und wurden nach Krakau transloziert. Die entstandenen Fenster hat Caspar Hüter nun in Nürnberg in einem prominenten Gebäude am Hauptmarkt neu installiert.

Kunstnürnberg: Wie verlief die Zusammenarbeit zwischen den polnischen und deutschen Künstlerinnen und Künstlern?

Kasia Prusik-Lutz: Viele haben sich zum ersten Mal in Krakau kennengelernt. Da jedoch die einzelnen Standorte der Arbeiten voneinander getrennt sind, haben doch alle Künstlerinnen und Künstler wie bei einer Einzelausstellung gearbeitet. Es hat aber Spaß gemacht und war ein schönes Zusammentreffen. Es sind durchaus einige Freundschaften entstanden.

Kunstnürnberg: Wie wird das Krakauer Haus, mit seiner imposanten mittelalterlichen Architektur, als Ausstellungsraum einbezogen?

Kasia Prusik-Lutz: Das Krakauer Haus hat eine kleine Galerie im Dachgeschoss, wo die Künstlerin Olesia Vitiuk ihre Arbeit „Theme of Roots“ zeigt. Sie stellt sich dabei die Frage, woher sie eigentlich kommt. Sie kommt ursprünglich aus dem russischen Sotschi, wohnt aber in Nürnberg seit bereits 4 Jahren.

Außerdem hat sie rausgefunden, dass sie auch polnische Wurzeln hat. Sie hat bereits einige Arbeiten mit Süßigkeiten, genauer Bonbons gemacht, und verwendet in unserer Ausstellung ebenfalls dieses Material.

Am Krakauer Haus selber befindet sich noch eine Installation. In der Krakauer Tracht gibt es die sogenannten Krakauer Kränze. Diese Kränze werden von Jungfrauen getragen…und es gibt Millionen Jungfrauen in Krakau, klar (lacht). Beim sogenannten Kränzefest in Krakau werfen dann alle ihre Kränze in die Weichsel.

Die Künstlerin Monika Smyła hat einen Kranz aus künstlichen Blumen gebaut, die mit fluoreszierender Farbe bemalt sind. Die Farbe nimmt das Licht auf und gibt es einige Stunden später im Dunkeln wieder ab, so dass der Kranz das Krakauer Haus zu einer Art Leuchtturm umfunktioniert.

Kunstnürnberg: Du bist selber Künstlerin, agierst aber hier als Kuratorin. Wie war die Umstellung für dich?

Kasia Prusik-Lutz: Es war das erste Mal, dass ich eine Ausstellung in dieser Form kuratiert habe. Ich musste mich oft zurückhalten, um nicht zu stark in die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler einzugreifen. Vor allem der Aspekt, dass die Ausstellung in großen Teilen im Öffentlichen Raum gezeigt wird, war mit einem großen organisatorischen Aufwand verbunden, den man so in einer Galerie nicht hat.

Die vielen Genehmigungen in den letzten sieben Monaten einzuholen war teilweise sehr aufwendig. Deshalb konnte ich in letzter Zeit leider keine eigene Kunst produzieren. Aber jetzt habe ich einiges gelernt, wie man mit der ganzen Verwaltung und Administration umgeht.

Kunstnürnberg: Hast du einen Ausstellungstipp für meine Leser?

Kasia Prusik-Lutz: Ich empfehle gerne die Ausstellung „Medicine in Art“ im MOCAK – Museum of Contemporary Art (natürlich 🙂 in Krakow, die sich mit dem menschlichen Körper auseinandersetzt. Mit vielen jungen aber auch einigen älteren Künstlerinnen und Künstlern. Sie läuft noch bis zum 2. Oktober 2016.

Kunstnürnberg: Vielen Dank für das Interview!

Kasia Prusik-Lutz: Vielen Dank für die Möglichkeit über die Ausstellung „20“ berichten zu können.

Besucherinformationen zum Kunstprojekt 20

  • Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler: Bogusław Bachorczyk, Monika Drożynska, Barbara Engelhard, Justyna Gryglewicz, Dorota Hadrian, Hubertus Hess, Caspar Hüter, Martina Kändler, Magdalena Lazar, Olaf Lutz, Thomas May, Alicja Panasiewicz, Regina Pemsl, Mikolaj Rejs, Pirko Schröder, Monika Smyła, Dominik Stanislawski, Alena Trafimava, Olesia Vitiuk, Annette Voigt.
  • Stadtplan mit allen Kunstwerken als Download >>> Stadtplan der Kunstwerke im Öffentlichen Raum, Kunstprojekt 20, PDF Download
  • Webseite

Hier können Sie einen Kommentar hinterlassen: