Die Studioausstellung Kriegszeit im Nationalmuseum 1914–1918 findet vom 24.11.2016 – 26.11.2017 im Germanischen Nationalmuseum statt.

Foto: Germanisches Nationalmuseum, Felix Röser
Foto: Germanisches Nationalmuseum, Felix Röser

In Erinnerung an den Ersten Weltkrieg begibt sich das Germanische Nationalmuseum auf Spurensuche – sowohl nach seiner eigenen Vergangenheit als auch nach kulturgeschichtlichen Zeugnissen der Weltkriegszeit im eigenen Bestand. Eine Studioausstellung präsentiert, teilweise zum ersten Mal, rund 100 zeittypische, politisch aufgeladene, aber auch überraschende Objekte der Jahre zwischen 1914 und 1918.

Hintergrund der Ausstellung ist die Frage, wie ein Museum in dieser äußerst schwierigen Zeit agierte. Nahm es in seiner Arbeit Bezug auf die politische Situation? Sammelte es vorausschauend aktuelle kulturgeschichtliche Zeugnisse? Spiegelt sich diese Epoche also heute in der Sammlung wider?

Die Sichtung der Unterlagen und Bestände im Depot offenbarte einen bald nach Beginn des Krieges entwickelten Plan – ähnlich dem zahlreicher kommunaler Museen in Deutschland und Österreich: Das Germanische Nationalmuseum versuchte von Anfang an, authentische Objekte zusammen zu tragen, die eine vielschichtige Darstellung jener „großen Zeit“ auch über ihre militärischen Facetten hinaus zu geben helfen sollten.

Im Jahr 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, begannen die Arbeiten an der repräsentativen, von German Bestelmayer konzipierten Eingangshalle am Kornmarkt. 1920 wurde der sogenannte Galeriebau mit neuen modernen Ausstellungsräumen eingeweiht.
Fotografie von der Grundsteinlegung zum Erweiterungsbau des Germanischen National- museums am 20. Juni 1916, Germanisches Nationalmuseum

So wurden beispielsweise für das Kupferstichkabinett Mappenwerke mit Originalgrafik deutscher Künstler erworben, wie der „Kriegsbilderbogen Münchner Künstler“, die „Kriegszeit“ oder „Der Krieg“, zugleich aber auch entsprechende Äußerungen von feindlicher Seite, wie „Het Toppunt der Beschaving“ oder Sonderdrucke der im Amsterdamer „Telegraaf“ edierten Kriegskarikaturen.

Anhand exemplarisch ausgewählter Akteure beleuchtet die Studioausstellung in der Sammlung zum 20. Jahrhundert die unterschiedlichen Perspektiven auf die Kriegszeit und gibt Einblick in verschiedene Lebenswelten.

1. Offizier

Außergewöhnlich ist ein dreibändiges Kriegsalbum. Es enthält Aufnahmen und Postkarten, zusammengestellt vom Kriegsoffizier Bernhard Christof Wilhelm Friedrich von Oelhafen (1868–1937). Die Motive zeigen seine Einsatzorte – vom Baltikum bis nach Nordfrankreich –, teilweise tagesgenau mit Orts- und Zeitangaben versehen sowie mit den Namen der abgebildeten Personen. Neben Bildern von ungewöhnlichen Waffen oder Schlachtfeld- Situationen wird auch Interessantes über die jeweilige Gegend und ihre Bewohner festgehalten. Aus heutiger Sicht erstaunt, wie intensiv die mit Freizeit, Familie und privatem Vergnügen verbundene Amateurfotografie auch im Schützengraben gepflegt wurde.

2. Soldat

Die Kommunikation mit den Soldaten an der Front verlief vielfach über Postkarten. Im Schützengraben wurden sie direkt verkauft, um den Kontakt zu den Daheim-Gebliebenen zu erleichtern. Beliebt waren Karten mit ganzseitigen Bildern, die in der Regel mit Bleistift geschrieben wurden, was schneller als mit Tinte ging.

Von zu Hause erreichten die Soldaten Päckchen mit kleinen Geschenken. Handlich mussten diese sein, wie beispielsweise der eigens entwickelte „Kerzenhalter für den Schützengraben“ von WMF, feldgrau lackiert, der praktisch-funktional zusammengeklappt werden konnte.

Postkarten waren das häufigste Kommunikationsmittel zwischen den Soldaten an der Front und den Daheim-Gebliebenen. Sie konnten direkt im Schützengraben erworben werden. Das Beispiel zeigt ein deutsches U-Boot mit Reichskriegsflagge und einem Teil der Besatzung an Bord bei der Beschießung der Stadt Alexandrowsk.
Postkarte „Deutsches U-Boot im Eismeer“, 1917, nach einer Zeichnung von Willy Stöwer Germanisches Nationalmuseum

3. Patriot

Fernab der Front versuchten Zivilisten, ihrer patriotischen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Ungewöhnlich ist eine Anrichte aus dunkel gebeiztem Eichenholz aus dem Jahr 1915. Das Möbel im traditionellen Stil ist an seinem oberen Gesims mit einer von Eisernen Kreuzen eingefassten Inschrift versehen: 1914 / IN SCHWERER KRIEGSZEIT / 1915. Aufgestellt im heimischen Wohnzimmer, und für Gäste daher jederzeit sichtbar, zeugte es deutlich von der politischen Einstellung seines Besitzers. Die Anrichte mit einer Breite von nicht einmal 2 Metern passte in jede durchschnittlich große Wohnung.

4. Künstler

Die "Betende" entstand, als Heckel als Sanitäter des Roten Kreuzes in Ostende diente. Das als Andachtsbild für die Soldaten bestimmte Gemälde beschwor inmitten der Zerstörungen des Kriegs mit seinen leuchtenden Farben und der blühendes Natur die Hoffnung auf Leben – dem Kriegsgeschehen zum Trotz.
Erich Heckel: Betende, 1916, Tempera auf Leinwand, 176 cm hoch x 95 cm breit, Germanisches Nationalmuseum, Dauerleihgabe aus Privatbesitz

Auch wenn zahlreiche Künstler an der Front ihr Leben ließen und der Krieg die Arbeit erschwerte, kam das Kunstschaffen 1914 keineswegs zum Erliegen. Hochproduktiv waren zum einen die Regimentszeichner und -fotografen. Skizzenbücher und stativlose Kameras begleiteten sie an die Front, und die Monotonie des Stellungskriegs machte selbst das Staffeleimalen mitunter möglich.

Der Expressionist Erich Heckel hatte sich zu Beginn des Krieges freiwillig zum Sanitäter ausbilden lassen. Im Jahr 1916 schuf er für ein Lazarett in Ostende ein Andachtsbild, von dem heute nur noch einer der Flügel erhalten ist.

Er zeigt inmitten einer hellen, grünen Küstenlandschaft eine hagere Frau, ins Gebet versunken. Ihr Körper wirkt eckig und hölzern, doch sie ist von einer strahlenden Gloriole umgeben. Die Landschaft blüht und verspricht Leben – dem damaligen Kriegsgeschehen zum Trotz.

5. Zivilist

Für den Krieg mussten erhebliche finanzielle Mittel aufgebracht werden. Die Reichsbank warb zunächst mit rein typografisch gestalteten Anschlägen bei der Bevölkerung, Kriegsanleihen zu zeichnen.

Die nüchterne Aufmachung verlieh dem Aufruf einen amtlich-seriösen Anstrich. Das Plakat des Münchner Künstlers Fritz Erler aus dem Jahr 1917 war die erste offizielle Aufforderung zur Kriegsanleihen-Zeichnung, die mit einem Bild warb – in Anlehnung an die Reklame an Litfaßsäulen. Der Erfolg war enorm, künftig wurden alle solchen Aufforderungen mit werbewirksamen Motiven versehen.

6. Sammler

German Bestelmayer: Entwurf zur Eingangshalle im Vorhof des Germanischen National- museums, Dresden 1914 Verbleib unbekannt
German Bestelmayer: Entwurf zur Eingangshalle im Vorhof des Germanischen National- museums, Dresden 1914, Verbleib unbekannt

Neben Kriegsanleihen konnten Zivilisten auch kleine „Kriegsandenken“ erwerben. Der Erlös kam zum Teil wohltätigen Organisationen zu Gute. Damit die Einnahmen kontinuierlich weiterflossen, waren manche der Objekte von vornherein als Serie angelegt. Vivatbänder in unterschiedlicher Ausprägung luden zum Sammeln ein, vorgefertigte Alben warteten darauf, mit Postkarten gefüllt zu werden. Die Beschäftigung mit den Kriegsereignissen sollte kein einmaliges Ereignis bleiben.

In dieser Sammeltätigkeit findet sich auch das Germanische Nationalmuseum wieder. Schon während des Krieges erwarb es Andenken und zeithistorische Zeugnisse, wie beispielsweise die Sammlung von Kriegsanleihe-Plakaten oder ein größeres Konvolut an Notgeld-Scheinen. Der Bestand ist seit- dem kontinuierlich gewachsen – und soll es auch in Zukunft weiter tun.

Infobox

  • Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg
  • Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr | Mittwoch 10 – 21 Uhr | Montag geschlossen

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