Nach Monaten der Vorbereitung hat die Kunstperformance 1000 GESTALTEN ein überwältigendes Bild des kreativen Protests in die Welt gesendet. Hunderte in Lehm gehüllte Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft haben in einer zweistündigen Choreografie ihre Kritik am G20-Gipfel Ausdruck verliehen und zu mehr Menschlichkeit und Eigenverantwortung aufgerufen. 

1000 Gestalten wandeln leblos durch die Straßen Hamburgs

Nach Monaten der Vorbereitung hat die Kunstperformance 1000 GESTALTEN ein überwältigendes Bild des kreativen Protests in die Welt gesendet. Hunderte in Lehm gehüllte Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft haben in einer zweistündigen Choreografie ihre Kritik am G20-Gipfel Ausdruck verliehen und zu mehr Menschlichkeit und Eigenverantwortung aufgerufen.

Die verkrusteten Gestalten sollen für eine Gesellschaft stehen, die den Glauben an Solidarität verloren hat und in der der Einzelne nur noch für das eigene Vorankommen kämpft. Im Laufe der Performance legten sie ihre grauen Kostüme ab, darunter kamen ihre bunten T-Shirts zum Vorschein. Auf diese Weise befreiten sie sich symbolisch aus ihren erstarrten Strukturen.

„Wir können nicht darauf warten, dass Veränderung von den Mächtigsten der Welt ausgeht, sondern müssen uns jetzt alle politisch und sozial verantwortlich zeigen“, erklärten Sprecher des Kollektivs Tausend Gestalten anschließend. „Wir wollen daran erinnern, wie identitätsstiftend Mitgefühl und Gemeinsinn für die Gesellschaft sind. Unsere Aktion ist ein weiteres Zeichen dafür, dass viele Menschen die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus nicht länger hinnehmen wollen. Was uns am Ende rettet, ist nicht unser Kontostand, sondern jemand, der uns die Hand reicht“. (1000gestalten.de)

Wer schon mal bei einer Kunstaktion zugesehen hat, weiß wie unmittelbar die Bilder, Atmosphäre und Stimmung auf einen wirken. Die Eindrücke können auf vielschichtige Art und Weise eine Spur bei uns hinterlassen. Ein Beispiel, wie Kunst als Protestform angewandt werden kann, hat der Kulturverein Neu am See e.V. mit der Kunstaktion 1000 Gestalten am Burchardplatz in Hamburg, anlässlich des G20 Gipfeltreffens am 5. Juli 2017 gezeigt.

Eine wandelnde, taumelnde, kriechende oder starr liegende Masse an Gestalten, uniform wirkende Kleidung bedeckt durch grauen verkrusteten Lehm. Durch den schwerläufigen Gang, die Emotionslosigkeit der Mimik und resignierte und erschöpfte Körperhaltung wirkt die Masse starr, eingestaubt und verloren, erstickt durch die Schwere selbst. Eine Entfremdung vom Menschen, hin zum im Dasein gefangenen Zombie, zeichnet sich ab.

Das Momentum eines Einzelnen, sich selbst zu berühren, wahrzunehmen und zu erkennen, durchbricht die Todesstimmung. Eine Gestalt erhebt sich gegen die Unterdrückung und befreit sich von dieser Last. Die Zuwendung zu seinem Nächsten erwirkt ein Lauffeuer des Erwachens und die Befreiungen werden mit lauten Schreien, Lachen und Tanz begleitet. Diese Transformation und der Umschwung der Stimmung werden vom Publikum klatschend begleitet. Dass Partizipation, Reaktionen und Aufmerksamkeit auf verschieden Art und Weise bewegen können, eine Botschaft übermitteln und als Resultat zur Erkenntnis, Selbstreflexion und Handlungsveränderung führen können, ist hierbei beispielhaft umgesetzt worden.

Genau nachvollziehbar sind die Resultate von Kunst als Protestform nicht, es entstehen keine Statistiken oder Fakten, aber mit einem rationalen Ansatz lässt sich Kunst selten ergründen. Das Wirken ist unterschiedlich, auch in der kleinsten Form vorhanden, aber dennoch nicht negierbar. Die Kunstperformance 1000 Gestalten besticht durch ihre symbolbehaftete Aussagekraft und die in den Medien generierte Aufmerksamkeit. Sie steht aber nicht alleine, sondern lässt sich in eine Reihe von Kunstaktionen zu Protestzwecken einordnen.

Aber auch hier ist zu unterscheiden zwischen illegalen und legalen Aktionen. Spezifisch muss hierbei immer die Frage gestellt werden, welche nicht genehmigten Aktionen dennoch gewaltfrei sind oder nicht. Kunst als Protestform hat ein weitreichendes Spektrum und ist ein fester Bestandteil in der Darstellung und eine Ausdrucksform. Es finden sich beispielsweise unzählige gestaltete Plakate und Banner, Umzugswagen mit politischen Thematiken und Motiven, eine Projektion für den Klimaschutz von Greenpeace auf der Elbphilharmonie und Abseilaktionen oder Bridges to Humanity, bei welcher die Stadt mithilfe der Farbe Gelb in den unterschiedlichsten Kontexten zurückerobert wird.

All diese und weitere zeigen auf, dass eine künstlerische Aufarbeitung und Visualisierung der Protestbewegung ein Gesicht gibt. Auch wenn sich zwar einige in illegalen Bereichen bewegen, generieren diese eine Aufmerksamkeit jenseits von Krawallen und Zerstörung. Ein Widerstand, der sich durch künstlerische Aktionen formiert und Botschaften vermittelt, die direkter und unmittelbarer wirken. Eine Möglichkeit zu provozieren, aufzuwecken, zu riskieren, sich auszutauschen, Spielraum zu bieten und wie die Kunst eben an sich ist auf einer vielseitigen und nicht ganz fassbaren Ebene zu agieren.

 

 

 

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