Nadja Soloviev hat an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg Freie Kunst/Gold- und Silberschmieden studiert.

Im Interview spricht Sie über ihre neuesten Arbeiten und ihre Zukunftspläne.

Nadja Soloviev über ihre Kunst

Kunstnürnberg: Du hast in den Jahren 2006 bis 2009 an der Goldschmiedeschule Pforzheim studiert und als „staatlich geprüfte Designerin für Schmuck und Gerät“ abgeschlossen. Warum hast du im Anschluss das Studium der Freien Kunst/Gold- und Silberschmieden an der AdBK Nürnberg begonnen? Wie unterscheiden sich die Ausbildungsstätten?

Nadja Soloviev: Die beiden Ausbildungen unterscheiden sich von Grund auf. An der Goldschmiedeschule lag ein Schwerpunkt auf der technischen Umsetzung und dem Erlernen des Goldschmiedehandwerks. Die Ausbildung deckte zwar auch Designelemente ab, aber der Fokus lag klar auf dem Technischen. Für mich war es eine sehr gute, aber auch recht schulische Ausbildung.

Das Studium an der Akademie ist ganz anderes aufgebaut. Hier geht es um die Auseinandersetzung mit den Themen Schmuck und Angewandte Kunst und um die Herausarbeitung einer eigenen künstlerischen Position. Es ist viel freier und ein ganz wesentlicher Vorteil des Studium ist die zur Verfügung stehende Zeit.

Din A1 - Din A6 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium
Din A1 – Din A6, 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium
Din A1 - Din A6 2015/2016 Buchbinderleinen, Aluminium
Din A1 – Din A6, 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium

Kunstnürnberg: Deine „DIN A Serie“  hat einen starken Körperbezug. Die Objekte legen sich wie Kleidung um den Träger. Hierbei verschwimmen die Grenzen und der Träger partizipiert mit dem Schmuckobjekt. Wie funktioniert diese Serie genau?

Nadja Soloviev: Partizipation und Einbeziehung des Trägers sind aktuell die Hauptelemente meiner Arbeit. Es handelt sich um Halsschmuck in verschiedenen Größen, in den Formaten von DIN A 6 bis DIN A 1.

Die Materialkombination ermöglicht es dem Träger das vorgegebene Format selber zu formen. Es lässt sich ähnlich wie Papier verändern und behält dann die Form bis man es erneut formt.

Mir war wichtig, dass der Träger Einfluss auf das Schmuckstück hat und im übertragenen Sinn Normen, die wir haben, verändern kann.

Din A1 - Din A6, 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium, Model: Stella Wanisch
Din A1 – Din A6, 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium, Model: Stella Wanisch
Din A1 - Din A6 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium, Model: Stella Wanisch
Din A1 – Din A6, 2015/2016, Buchbinderleinen, Aluminium, Model: Stella Wanisch

Mit der Größe ändert sich einerseits natürlich der Bezug zum Körper, aber auch zur Umwelt. Wenn man beispielsweise die größte Arbeit „DIN A 1“ am Körper trägt, so wird man regelrecht aufgefordert das Schmuckstück zu verformen. Unverformt kann es als sperrig empfunden werden und die Bewegungsfreiheit einschränken. Die Einladung als Träger aktiv zu werden wird für mich hier am deutlichsten.

Kunstnürnberg: Wie hast du das Material hergestellt?

Nadja Soloviev: Ich habe Aluminium und Buchbinderleinen kombiniert. Das entstandene Material kann geknüllt und gefaltet werden, es geht nicht kaputt und kann immer aufs Neue verändert werden. Dabei bleiben Spuren auf dem Schmuckstück zurück, welche Rückschlüsse auf die Verformung zulassen.

Edition Gelbgold, Postkartenset in Karton, 2016
Edition Gelbgold, Postkartenset in Karton, 2016

Kunstnürnberg: Deine Arbeit „Edition“ ist ein Postkartenset, das sich mit der Tradition der Eheschließung auseinandersetzt. Wie kam es zu der Idee der „Edition“ und wie geht die „Edition“ mit den uns vertrauten Traditionen um?

Nadja Soloviev: „Edition“ sind Renderings von Eheringen, immer ein Paar auf einer Postkarte mit Gravur. Auf dem einen Ehering steht 1/2 und auf dem anderen 2/2. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Schmuck, dem Inhalt. Aber es handelt sich natürlich nicht um ein tragbares Objekt. „Edition“ soll zur Auseinandersetzung mit Traditionen anregen. Mir geht es in dieser Arbeit um die Hinterfragen von Verhaltensmuster, die unser Zusammenleben in der Gesellschaft steuern und ermöglichen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ehering ist für mich ein schwieriges Thema. Hier spielen viele Emotionen von den Trägern mit und es sind große Erwartungen daran geknüpft. Damit muss man umgehen, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt.

Edition Gelbgold, Postkartenset in Karton, 2016
Edition Gelbgold, Postkartenset in Karton, 2016
Edition Gelbgold, Postkartenset in Karton, 2016
Edition Gelbgold, Postkartenset in Karton, 2016

Kunstnürnberg: Es handelt sich also um eine theoretische Arbeit.

Nadja Soloviev: Genau, es ist eine gedankliche Auseinandersetzung mit Schmuck und seiner Bedeutung.

Flamingo, Baumwolle, lichtempfindliche Farbe, lichtundurchlässige Verpackungsfolie, 2015
Flamingo, Baumwolle, lichtempfindliche Farbe, lichtundurchlässige Verpackungsfolie, 2015

Kunstnürnberg: Der Halsschmuck „Flamingo“ lässt sich in Form und Länge variabel verändern und ändert während des Tragens mit Hilfe von Lichteinstrahlung seine Farbe. Wie funktioniert das und wie wichtig ist dir Veränderung in deinen Arbeiten?

Nadja Soloviev: „Flamingo“ ist ein Halsschmuck aus einem Baumwollseil, das zwei Verknüpfungspunkte hat. Dadurch lässt sich die Form variieren. Das Stück befindet sich anfangs in einer lichtgeschützten Verpackung und ist komplett weiß. Sobald die Kette ans Licht kommt, ändert sich die Farbe. Nach ungefähr vier Wochen ist er dann dunkelblau. Spannend finde ich daran, dass die Kette nicht nur ihre Farbe ändert, sondern diese Veränderung im Bezug zum Träger geschieht. Wenn der Träger beispielsweise lange Haare hat, wird natürlich ein Teil der Kette verdeckt. An diesen Stelle dauert die Verfärbung wesentlich länger und es bilden sich leichte Schattierungen.

Flamingo, Baumwolle, lichtempfindliche Farbe, lichtundurchlässige Verpackungsfolie, 2015
Flamingo, Baumwolle, lichtempfindliche Farbe, lichtundurchlässige Verpackungsfolie, 2015

Kunstnürnberg: Du behandelst die Kette wie in einem fotografischen Verfahren.

Nadja Soloviev: Ein bisschen. Der Prozess kommt aus der Fotografie, aber das Entscheidende an dieser Arbeit ist die Veränderung.

Diese war in den letzten 2 Jahren immer wieder Thema in meinen Arbeiten. Traditionell ist Veränderung bei Schmuckstücken eher unerwünscht, die Menschen möchten eigentlich Schmuck, der sich eben nicht ändert. Das hängt wohl auch mit der traditionellen Bedeutung von Schmuck als zusammen. Diese Erwartungshaltung bietet einen guten Ausgangspunkt für meine Arbeit.

Etikettenbeschwerer, 2014 Edelstahl
Etikettenbeschwerer, 2014, Edelstahl

Kunstnürnberg: Der „Etikettenbeschwerer“, ein Edelstahlwerkstück, das an die Etiketten der Kleidung gehängt wird, schafft ebenfalls eine Verbindung zur Kleidung des Trägers. Du beschwerst die Etiketten und machst sie dadurch bewusst sichtbar?

Nadja Soloviev: Mit dieser Arbeit beziehe ich mich auf eine alltägliche Situation. Wenn jemand einem das Etikett in den Pulli zurücksteckt. Dieser Körperkontakt kann manchmal zu nah und ungewollt sein. Außerdem interessieren mich die Informationen, die auf einem Kleidungsetikett stehen. Sie geben bereits viel über den Träger preis. Man erkennt die Marke und Größe des Kleidungsstückes, was schon Rückschlüsse auf die Person ziehen lässt. Wenn man das Label bewusst zeigt, so öffnet man sich gegenüber anderen Menschen. Es stellt sich die Frage, was passiert, wenn man diese Informationen über sich preisgibt.

Wenn mir im Leben kleine Situationen auffallen, versuch ich diese oft zu betonen, damit sie auch anderen Leuten auffallen. Genauso war es auch mit dem „Etikettenbeschwerer“.

Absolventenausstellung, Werke von Ann-Kathrin Hartel, Susanne Schwarz und Nadja Soloviev, 2016
Absolventenausstellung, Werke von Ann-Kathrin Hartel, Susanne Schwarz und Nadja Soloviev, 2016

Kunstnürnberg: Dieses Jahr hast du dein Studium an der AdBK Nürnberg als Meisterschülerin von Prof. Suska Mackert abgeschlossen und dazu noch den Oberbayerischer Förderpreis für Angewandte Kunst (1. Preis) sowie einen Absolventenpreis der AdBK Nürnberg gewonnen. Ein sehr guter Start ins Berufsleben. Welche konkreten Pläne hast du für deine Arbeit nach der Akademiezeit?

Nadja Soloviev: Als nächstes Projekt steht die „SCHMUCK“ im März 2017 an. Parallel zur Handwerksmesse IHM werden in der Münchner Innenstadt zahlreiche Schmuckausstellungen gezeigt. Dort werde ich mit meinen ehemaligen Kommilitonen Ann-Kathrin Hartel und Susanne Schwarz eine Ausstellung organisieren. Wir hatten auch bei der Absolventenausstellung schon als Team ausgestellt, wo wir dann für unser Projekt mit dem Akademiepreis ausgezeichnet wurden.

Ansonsten möchte ich einfach gerne weiter Schmuck machen und mehr Zeit in meinem Atelier verbringen.

Kunstnürnberg: Dein Atelier befindet sich in München.

Nadja Soloviev: Ja, genau. Ich bin vor zwei Jahren nach München gezogen.

Kunstnürnberg: Du nimmst an der Präsentation IN SITU im Neuen Museum teil. Welche Arbeit können wir dort von dir sehen?

Nadja Soloviev: Eine ganz Neue. Das Forum für Angewandte Kunst hat die Klasse von Prof. Suska Mackert eingeladen parallel zu den Ateliertagen den Lichthof des Neuen Museums zu bespielen. Gezeigt werden Arbeiten von fünf Absolventen der Klasse. Alle unsere Arbeiten sind speziell für diese Präsentation entstanden und beziehen sich auf das Museum.

Kunstnürnberg: Hast du eine Ausstellungstipp für die Kunstnürnberg Leser?

Nadja Soloviev: Wer Interesse an Schmuck hat, dem kann ich die Danner-Rotunde in München empfehlen. Die Sammlung ist ein bisschen versteckt im Untergeschoß der Pinakothek der Moderne. Sie zeigt eine wirklich schöne Zusammenstellung von internationaler Schmuckkunst, ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

Kunstnürnberg: Vielen Dank für das Interview.

Nadja Soloviev: Ich habe zu danken.

Nadja Soloviev – Vita

Nadja Soloviev, Foto: Sperber Fotografie
Nadja Soloviev, Foto: Sperber Fotografie

* 14.06.1985, Illertissen

10/2010 – 09/2016
Akademie der Bildenden Künste Nürnberg,
Klasse für Freie Kunst/ Gold- und Silberschmieden bei Prof. Suska Mackert 2015 Ernennung zur Meisterschülerin

2012 – 2013
HDK Göteborg, Schweden, Jewelry Art and Design bei Prof. Karin Johansson: Bachelor of Fine Arts/ Jewelry Art and Design

2009 – 2010
Praktikum bei Metalab/ CotA, Sydney, Australien

2006 – 2009
Berufskolleg für Design, Schmuck und Gerät an der Goldschmiedeschule Pforzheim: Staatlich geprüfter Designer für Schmuck und Gerät

PUBLIKATIONEN, AUSZEICHNUNGEN UND STIPENDIEN

2016
Finalist: Oberbayrischer Förderpreis für Angewandte Kunst, München
Finalist: Mari Funaki Award for Contemporary Jewellery, Galerie Funaki, Melbourne

2015
Ernennung zur Meisterschülerin von Prof. Suska Mackert Finalist: BKV-Preis für Junges Kunsthandwerk

2014
1. Preis: Wettbewerb zur Gestaltung der Jahresgabe der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg

2013
Förderung der Lutz-E. Adolf Stiftung für Hochbegabte, Nürtingen
New Earrings: 500 designs from around the world, Nikolas Estrada, Thames & Hudson

2011-2015
Stipendiatin des Reemtsma Begabtenförderungswerkes Hamburg

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (AUSWAHL)

Absolventenausstellung, Werke von Härter, Susanne Schwarz und Nadja Soloviev, 20162016

  • International Graduationshow, Galerie Marzee, Nijmegen, NL
  • Oberbayrischer Förderpreis für Angewandte Kunst, München, DE
  • Mari Funaki Award for Contemporary Jewellery, Galerie Funaki, Melbourne, AU
  • Germanys Upcoming Talents GUT, Galerie Biró Junior, München, DE
  • Finalisten des BKV-Preises 2015, Internationale Handwerksmesse IHM, München, DE
  • Champagner und Je t’aime, Akademiegalerie, Nürnberg, DE

2015

  • BKV-Preis 2015 für Junges Kunsthandwerk, Galerie für Angewandte Kunst München, DE
  • Carousel, fortyfivedownstairs, Melbourne, AU Zabo Paradise, Schlegelschmuck,
  • München, DE Victory, Pieces of Eight, Melbourne, AU

2014

  • DasRaueundderGlanz, NeuesMuseum, Nürnberg, DE
  • EinBlick, Edelextra, Nürnberg, DE
  • Grassimesse, Grassimuseum, Leipzig, DE
  • POM, Pieces of Eight, Melbourne, AU

2013

  • Island in the Sun, Jurmo, FI
  • Frisches Design, Nürnberg, DE
  • Zoom (Graduation Show), HDK, Göteborg, SE

2012

  • HDK ser pa jugend, Röhsska Museum, Göteborg, SE
  • Devine Decadence, Pieces of Eight, Melbourne, AU
  • Grassimesse, Grassimuseum, Leipzig, DE
  • Meisterhaft geknüpft, Blaue Nacht, Nürnberg, DE
  • Vorhang auf, Neues Museum, Nürnberg, DE

2011

  • Stand der Dinge, Internationale Handwerksmesse IHM, München, DE
  • Pieces of Fate, Pieces of Eight, Melbourne, AU, 2011

2010

  • Metalab Collective 5, Metalab Galery, Sydney, AU
  • Prunkstück, Schmuckmuseum, Pforzheim, DE

Nadja Soloviev im Web

Fotos: Nadja Soloviev

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