Parallelen (KRK/NUE) zeigt vom 23.6. bis 23.7.2017 Fotografien Nürnberger und Krakauer Künstlerinnen und Künstler. 

Zwei Städte, Nürnberg und Krakau, zwei Geschichten, die von mehreren Fotografen unterschiedlich erzählt werden.

Eine dieser Städte wurde während des zweiten Weltkriegs beinahe zerstört – bis heute ist das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg – neben der Burg, der Kirche St. Sebald oder der Frauenkirche eines der wichtigsten Hauptdenkmäler der Stadt. Ein pharaonisches Vorhaben mit einer Größe von 11 km2, auf denen die Hallen, das Stadion, Marschfelder und Tribünen standen, ein Ort, an dem Hitler oft gefilmt wurde und der sehr eng mit der nazionalsozialistischen Vergangenheit verbunden ist.

Heute befindet sich dort das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, welches durch seine verfallenen Gebäude und Plätze an die schreckliche Vergangenheit der Stadt und des Landes erinnert.

Die zweite Stadt, Krakau, wurde durch den Krieg kaum beschädigt, eine Insel im Meer der Zerstörung. Erst in der Nachkriegszeit spürte man einen schrittweisen Verfall, der genauso gefährlich wie ein rein physischer Abriss der Gebäude ist: es entstand eine neue Regierung, ein anderes politisches Regime wurde eingeführt und ein Kombinat in Nowa Huta eröffnet, eine sozialistische Planstadt, was für die meisten Einwohner wie eine Bestrafung wirkte.

Die Ausstellung „Parallelen“ präsentiert ausgewählte Werke mehrerer Fotografen, die mit beiden Städten verbunden sind. Der erste Aspekt der Ausstellung ist die territoriale Einschränkung: die Fotografien beschreiben jeweils zwei nicht allzu große öffentliche Räume. Die in sich sehr unterschiedlichen Werke stellen eine historische und private, künstlerische und dokumentarische Erzählung und Neuinterpretation beider Städte dar. Diese sind nicht nur durch den großartigen Künstler Veit Stoß, sondern durch das Netzwerk der Gegenwartskultur verbunden.

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Nürnberger Hauses in Krakau und des Krakauer Hauses in Nürnberg wurde diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Galerie Bunkier Sztuki organisiert.

Den Ausgangspunkt bilden zwei Fotografien: das Hakenkreuz auf der Tribüne in Nürnberg und der erste Maiumzug nach dem Krieg in Krakau. Darauf folgt ein Bild der totalen Verwüstung Nürnbergs – nach dem Krieg eine der am besten erhaltenen Städte des Mittelalters – sowie private Dokumente, die die nachfolgenden Jahre abbilden, die keiner historischen Chronologie folgen.

Nürnberg erlangte seine Altstadt zurück, aber zwischen den Fotos der neu funkelnden Denkmäler sticht auch immer wieder ein Gebäude heraus, welches an die Nazi-Zeit erinnert: die Kongresshalle.

Das Krakau der Nachkriegszeit wird mit Hilfe von Archivfotos des Fotografen Henryk Hermanowicz illustriert. Seine Fotos stellen die traumatisierten Opfer des Krieges vor, welche in einer psychiatrischen Anstalt in Kobierzyn gemacht wurden.

Die Ausstellung „Parallelen“ konzentriert sich auch auf die Bedürfnisse des Raumes: Fotos aus dem Zyklus „Heiliger Krieg“ vom Krakauer Fotografen Wojciech Wilczyk, Fangraffitis, welche zu Gewalt, Antisemitismus und Beleidigungen auffordern.

Dieser Missbrauch des öffentlichen Raumes ist schon seit Jahren gegenwärtig und doch gesellschaftlich so unsichtbar. Wilczyk konzentriert sich auf das, was nicht gern ge- sehen wird, auf das Abbilden hasserfüllter Intentionen, die es immer noch und immer wieder gibt und die den Betrachter sehr viel Kraft kosten.

Jutta Missbach aus Nürnberg zeigt speziell für diese Ausstellung einen Zyklus von Fotos in Krakau. Dieser Zyklus beinhaltet eine freie Dokumentation der Architektur, die Darstellung des ungewollten Erbes der Volksrepublik, Beton-Siedlungen – mit einem von heute aus betrachtet sehr ästhetischen Vermächtnis voller Plastikschilder und -aufschriften.

Der junge Nürnberger Künstler René Radomsky zeigt einen vom historischen Erbe nicht betroffenen öffentlichen Raum, einen Zyklus von Bewegungen des Flügels eines Vogels in einem Stadtgebiet.

Dies ist charakteristisch für die junge Generation der Nürnberger Künstler, die sich von Themen, die gesellschaftlich allgemein als wichtig angesehen werden, distanzieren – und sich auf das konzentrieren, was privat ist.

Die private Gegenwart Krakaus wird uns ein Künstler, der einen Teil seines Lebens in Krakau verbracht hat, präsentieren: der amerikanische Fotograf Michael Ackermann. Seine dunklen, empfindsamen Fotos, Porträts und Straßenszenen, sind visuelle Bilder von der Grenze des Mediums. Diese bedienen sich einer sinnlichen und gleich- zeitig heftigen Sprache, sie zeigen sich hauptsächlich nachts, im sogenannten „Übergang zur Nacht“, deren Geistern, die am Rande des offiziellen Lebens existieren. Es sind niemandem bekannte Menschen mit verwirrten Gesichtern.

Annika Maaß wiederum konzentriert sich auf das, was vergeht: 1440 ist eine Sammlung vieler Darstellungen, eine freie Dokumentation der Momente, die dem Verblas- sen unterliegen. Die fröhlichen Zusammensetzungen sind ein Zeugnis des Verblassens der Mehrheit der Lebensmaterie. Diese werden auf der einen Seite von Maaß rein dokumentiert, aber auf der anderen Seite zeigt sie auf, dass sie nicht besonders wichtig sind. Zudem verweist auch die technische Machart auf den Prozess des Verblassens. Einen ähnlichen privaten Charakter zeigen auch die Fotos von Michael Ullrich, der sich auf sein eigenes Leben und auf das Erstellen eines Fototagebuchs konzentriert.

Der letzte Teil der Ausstellung umfasst die Auftragsarbeit von Łukasz Trzciński, ein visueller Krakauer Künstler. Mit Hilfe geschichtlicher Referenzen konzentriert er sich auf das nicht verhinderbare Verblassen des Sinnes: Gesten, welche durch die Bedeutung der Geschichte belastet sind, werden leer; Monumente, die an eine Grausamkeit der vergangenen Generation erinnern, bleichen aus im Landschaftsbild. Man muss vergessen, erinnert Trzciński. Auch das, was uns ausmacht, um einen neuen Ort für das neue Leben zu schaffen.

Ein übergreifendes Thema der Ausstellung „Parallelen“ ist die Sprache der Fotografie.
Die Fotografie wird nicht als eine einheitliche, künstlerische, private oder dokumentarische Sprache vorgestellt.

Der Mittelpunkt sind die Orte und deren Geschichte, welche aus verschiedenen Perspektiven beschrieben und mittels mehrerer Präsentationsarten vorgestellt werden. Ein Mosaik, Objekte, Menschen und Häuser, deren Rollen neu auf die Historie geschrieben werden sowie grundsätzlich nicht lineare Vorstellungen und Sichtweisen sind die Grundregeln, die in der Interpretation und Präsentation der zwei sich nahen, aber doch so entfernten Städte herrschen.

Beteiligte Künstler
Michael Ackerman, Henryk Hermanowicz, Friedrich Kuhrt, Anika Maaß, Jutta Missbach, René Radomsky, Łukasz Trzciński, Michael Ullrich, Wojciech Wilczyk

Kurator der Ausstellung ist Wojciech Nowicki.

Koordination
Kasia Prusik-Lutz (Kulturzentrum Krakauer Haus) Silvie Preußer (Amt für Internationale Beziehungen) Renata Kopyto (Nürnberger Haus in Krakau)

Infobox

  • Vernissage: 23.6., 19 Uhr
  • Ausstellungsdauer: 23.6. – 23.7.2017
  • Öffnungszeiten: Do. & Fr. 16-19 Uhr, Sa. & So.: 12-19 Uhr
  • Ort: Halle 15 auf AEG, Muggenhofer Strasse 135, 90429 Nürnberg

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