Poetische Reduktion – Illustrationen von Jana Kreisl

Jana Kreisl: o. T., 2014, © Jana Kreisl
Jana Kreisl: o. T., 2014, © Jana Kreisl

Die Illustratorin Jana Kreisl aus Nürnberg erzählt in ihren Zeichnungen von fiktionalen, dokumentarischen oder (auto-)biografischen Erlebnissen, ohne Scheu vor Themen wie Sexualität oder häuslicher Gewalt.

Die Kunsthistorikerin Yvonne Scheja hat sich Ihrem Werk angenommen und eine wunderbare Zusammenfassung des künstlerischen Schaffens verfasst.

Die Illustratorin Jana Kreisl
Die Illustratorin Jana Kreisl

Die Linie der poetischen Reduktion – Illustrationen und Comics von Jana Kreisl

Viele verbinden mit Illustration, Comic oder Graphic Novel oft nur eine mit Bildern und Kurztexten simpel gestaltete Erzählung.

Doch heute werden solche Begriffe nicht mehr nur mit Popkultur und low culture in Verbindung gebracht, sondern gelten unlängst als eigene Kunstformen.

Publikationen wie Persepolis (2000/2003) von der Iranerin Marjane Satrapi – sie berichtet von ihrer Kindheit während der islamischen Revolution – oder Maus. A Survior’s Tale (1992) von Art Spiegelman – er verarbeitet in Form einer Tierparabel die Schrecken des Holocaust, die ihm und seiner Familie widerfahren sind – trugen wesentlich dazu bei.

Auch Jana Kreisl, eine junge Illustratorin, erzählt in ihren Zeichnungen von fiktionalen, dokumentarischen oder (auto-)biografischen Erlebnissen, ohne Scheu vor schwierigen Themen wie Sexualität oder häuslicher Gewalt, und eröffnet dabei vielfältige Assoziationsräume.

Schon während ihres Studiums an der Kunsthochschule Kassel zeigte sich ihr Gespür für eine unaufgeregte, und doch poetische Bildsprache.

DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER

In ihrer Bachelorarbeit mit dem humorvollen, absurd klingenden Titel DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER (2012, veröffentlicht bei Sub Press, Nürnberg) beschäftigt sie sich beispielsweise mit Geschichten aus der Vorstadt. Die Stärke dieses stillen schwarz-weiß Comics, der ohne jeglichen Text auskommt, liegt in den fotografisch anmutenden Bildausschnitten und der Fokussierung auf alltägliche und zugleich sehr private Momente.

Jana Kreisl: DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER, 2012, Sub Press, Nürnberg
Jana Kreisl: DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER, 2012, Sub Press, Nürnberg

 

Gestalterisch folgt er einem stringenten Schema: Der linke Teil einer Doppelseite ist stets einem urbanen, menschenleeren Raum vorbehalten, wie einem Kinderspielplatz oder einem Vorgarten mit Gartenzwerg; der rechte Teil erzählt jeweils in vier Panels (Einzelbildern) ein momenthaftes Ereignis.

Eines handelt von einer Frau, die auf dem Boden knieend mit einer Zahnbürste die Fliesen eines Badezimmers reinigt. Indem von einem kleinen Ausschnitt des gefließten Bodens mit dem Zahnbürstekopf aus den Zeichnungen herausgezoomt wird, offenbart sich nach und nach die groteske Akribie dieses Sisyphos-Szenarios.

Auffallend sind in diesen Illustrationen die kindlich-naiv anmutende Linienführung und das bewusste Vermeiden unmittelbarer Sinnzusammenhänge zwischen den einzelnen Seiten.

Jana Kreisl: DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER, 2012, Sub Press, Nürnberg
Jana Kreisl: DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER, 2012, Sub Press, Nürnberg

 

Die scheinbar typische, chronologische Narrative eines Comics tritt hier zugunsten fragmentarischer Erzählstränge und inhaltlicher Leerstellen zurück, die vom Betrachter gefüllt werden können. Dabei erzeugen die nüchternen Bildausschnitte eine melancholische, bedrückende Stimmung und entfalten so ihr poetisches Potenzial.

Aktuelle Einzelblätter

Auch in den jüngst entstandenen Blättern lässt sich dieses deutlich erkennen, wenn Menschen in Tiermaskerade tanzen oder eine Aloe-Vera-Pflanze in einem rosa-farbenen Blumentopf (Plant in a bowl) die Papierfläche für sich einnimmt, unabhängig, ob es sich um freie Zeichnungen, Lithografien oder Radierungen handelt.

Aber auch mystisch-märchenhaft, als seien sie aus Tausend und eine Nacht, muten einige der neuen Arbeiten an, wie eine Illustration, in der ein Reiter in einem farbenreichen, orientalischen Gewand, eine nächtliche, bergige Landschaft durchquert während ihn ein hinter einem Hügel versteckter Mann aus der Ferne beobachtet.

Jana Kreisl: o. T., 2014, © Jana Kreisl
Jana Kreisl: o. T., 2014, © Jana Kreisl

Die Assoziationen zu morgenländischen Märchen und Erzählungen entsteht mitunter durch gestalterische Anlehnungen an die osmanische Miniaturmalerei.

So verzichtet Jane Kreisl – nicht nur in diesem Werk – auf eine perspektivisch-korrekte Darstellung sowie Licht- und Schattenakzentuierungen, um die Flächigkeit der Objekte zu betonen.

Auf diese Weise spielt sie mit der Vorstellung des Betrachters von Raum und Fläche, denn die Staffelung der einzelnen Bildgegenstände lässt, trotz der Zweidimensionalität, eine gewisse räumliche Tiefe entstehen. Insbesondere die intensive Farbigkeit und die Wiederkehr von Formen oder Gegenständen, wie Sterne oder Bäume, verstärken die Erinnerung an Kunsthandwerk und Textilenmotive aus dem Orient.

Zugleich offenbart sich Kreisls Interesse an Stoffen, Mustern und Ornamenten, die zentraler Bestandteil ihrer Bildsprache sind.

Immer wieder treten sie in Erscheinung, sei es auf einem Gegenstand, einer Fläche oder gar als eigenes Sujet, wie in Just a Pattern.

Jana Kreisl: Tent in the woods, daily mirror, 2014 © Jana Kreisl
Jana Kreisl: Tent in the woods, daily mirror, 2014 © Jana Kreisl

Die OLGA’s

Neben vielen Einzelblättern ist 2014 der Comic OLGA ’s entstanden. Ausgangspunkt dieses sind biografische Geschichten älterer Damen, aus einer von ihnen gemeinsam gegründeten Wohngemeinschaft.

Dabei variieren die dokumentarischen Erzählungen zwischen erst kürzlich erlebten Begegebenheiten und weiter in der Vergangenheit zurückliegenden.

Jana Kreisl: OLGA's, 2014, © Jana Kreisl
Jana Kreisl: OLGA’s, 2014, © Jana Kreisl

 

Wie DER DEUTSCHE SCHLAGER SPRINGT AUS DEM KLOFENSTER handelt OLGA’s von sehr persönlichen, intimen Augenblicken, doch fügt die Illustratorin hier eine Textebene hinzu, um eine stärkere Narrative für die privaten Erlebnisse zu schaffen.

Eine Szene aus Das Frühstücksei schildert zum Beispiel die Diskussion über einen Koffer, die unmittelbar nach der Ankunft einer der Protagonistinnen bei einer Freundin entbrennt.

Denn obwohl die Besitzerin des Gepäckstücks sehr zufrieden mit diesem ist, möchte ihre Gastgeberin sie davon überzeugen, sich endlich ein neueres, kleineres zu kaufen. Sie findet es Unsinnig, dass ihre Freundin stets mit einem großen Koffer reist.

Jana Kreisl schafft es in nur zwölf Panels die anfänglich sehr heitere Wiedersehensfreude, in eine gereizte und angespannte Stimmung zu verwandeln.

Steht hier eine alltägliche, uns vertraute Situation von „Besser-Wisserei“ im Vordergrund, so entpuppt sich in Der Keramiker der Partner und Kindsvater einer Bewohnerin als unberechenbarer Alkoholiker.

Obwohl es sich um ein sehr sensibles Thema handelt, schafft es die junge Zeichnerin diese schwierigen Erlebnisse mit viel Feingefühl abzubilden, ohne deren Brisanz und Emotionalität abzuschwächen.

Vor allem die einfach gehaltene Strichführung und die reduzierte Bildsprache verstärken die Intensität und Komplexität der Geschehnisse und bieten dem Leser Raum für eigene Reflexionen.

In OLGA’s wird mehr als deutlich, dass es sich bei Illustrationen und Comics keineswegs um reine Objekte der Popkultur handelt, sondern diese ein enormes literarisch-poetisches und gesellschaftskritisches Potenzial entfalten können.

Mehr Abbildungen der Werke von Jana Kreisl kann man hier bewundern: http://janakreisl.tumblr.com/

Jana Kreisl – Vita

Jana Kreisl (*1986 in Nürnberg) studierte von 2007 bis 2014 Visuelle Kommunikation mit den Schwerpunkten Comic und Illustration an der Kunsthochschule Kassel bei Hendrik Dorgathen.

Stipendien führten sie für zwei Semester nach Istanbul an die Isis University und an die Mimar Sinan University sowie nach Philadelphia an das Philadelphia Institute for Advanced Study.

Darüber hinaus war sie 2014 an einer Gruppenausstellung im Raum für zeitgenössische Kunst  – Laurentiu Feller (Nürnberg) beteiligt.

Derzeit lebt und arbeitet sie in Berlin.

Diesen Gastartikel verfasste die Kunsthistorikerin Yvonne Scheja.

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