Die internationale Produktion „Revolution: Alles wird gut!“ des Brachland-Ensembles feiert am 22.3. Nürnberg-Premiere im Künstlerhaus.

Aus zeitgenössischer Perspektive und mit ganz eigenem Blick auf das Weltgeschehen spüren die beiden Regisseure Dominik Breuer und Gunnar Seidel mit ihrer recherchebasierten, dokumentarischen Arbeit dem Phänomen Revolution nach. Gemeinsam mit Maria Isabel Hagen bilden sie die künstlerische Leitung des Brachland-Ensembles, einer der Kooperationspartner von „Revolution: Alles wird gut!“ ist die Tafelhalle Nürnberg.

Kunstnürnberg interviewte die beiden Regisseure.

KNBG: Seit 2011 besteht das Brachland-Ensemble als freie Gruppe professioneller Theater- und Kulturschaffender aus den Bereichen Schauspiel, Performance, Tanz und Film. Wie kam es zur Gründung und wie lassen sich Arbeitsweisen, künstlerische Strategien und Schwerpunktthemen des Ensembles beschreiben?

Seidel& Breuer: Das Brachland-Ensemble haben wir 2011 in Gießen gegründet. Dort waren einige als Schauspieler*In, Tänzerin am Stadttheater engagiert oder – damals noch als Studentin – am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften. Dominik war derjenige, der bereits mit allen gearbeitet hatte und der nun alle zusammenbrachte. Unser Name – Brachland – verweist ja auf ein Potenzial, das ungenutzt, also brach vor Augen liegt. Wir sahen häufig, dass das Potenzial (vor allem das spartenübergreifende) im städtischen Theater nicht richtig ausgeschöpft wurde, außerdem interessierten wir uns für aktuelle Themen, für die es aber noch gar keine geschriebenen Stücke gab – also begannen wir, eigene zu machen. Zu Beginn konnten wir auch gar nicht sagen, was ein Projekt zu einem „Brachland-Projekt“ machte. Die Interessen sind bis heute sehr breit gestreut und genau das macht unser Ensemble aus. Meistens können wir gar nicht so viel produzieren, wie Ideen da sind!

Revolution: Alles wird gut! © Brachland-Ensemble
Revolution: Alles wird gut! © Brachland-Ensemble

Die Projekte beginnen eigentlich immer mit dem Interesse für ein Thema oder eine ästhetische Idee. Das geht meist von einer oder zwei Personen aus und dann keimt diese Idee und wächst. Die Frage „Was passiert da eigentlich?“ ist dabei ziemlich wichtig geworden und so fangen wir mit Recherchen an: Was passiert, wenn ein Mann mit Downsyndrom und eine Frau einen wilden Trip erleben? Was passierte in den Geheimgefängnissen der CIA? Was passiert weltweit dank all der engagierten Projekte, Menschen und Organisationen? Was passiert zwischen Schauspieler und Publikum, wenn man sich in den Protagonisten „verliebt“?

Wir sind alle extrem neugierig und gehen raus und fragen. Und die Antworten, also die Recherche, beeinflusst dann maßgeblich die Bühnenästhetik, bzw. Ästhetik überhaupt, denn nicht immer kommen Bühnenstücke dabei heraus: wir haben ja auch schon Videoausstellungen oder Audiowalks gemacht. Der Inhalt bestimmt sozusagen die Form. Und da unser Ensemble sich aus Künstler*innen verschiedener Sparten zusammensetzt, sind auch die Formen von einer Diversität geprägt. Die Spielorte beeinflusst das auch. Wir sind ja nicht nur auf den klassischen Theaterraum beschränkt, sondern suchen auch gezielt nach zum Inhalt passenden (auch Öffentlichen) Räumen, vom Hörsaal einer Universität, über Klassenzimmer, Gerichtssäle bis hin zu unterirdischen Bunkern oder einer kompletten Innenstadt.

KNBG: Im Rahmen eurer Stückentwicklung “Revolution: Alles wird gut!“ (Uraufführung: 10.11.2017, Theater Aachen) habt ihr u.a. in Indien, Ghana, Israel, Palästina, Schweden, Belgien und Deutschland Interviews geführt. Was verbirgt sich hinter dem internationalen Projekt über „praktische Possibilisten“?

Seidel& Breuer: Im Anschluss an „Ready for Boarding – der CIA-Folterreport“ hat Dominik eine Art „Weltkarte der Probleme“ angefertigt. Er wollte den Status Quo kennen und verstehen, wie die Dinge zusammenhängen bzw. wo man ansetzen kann. Er ist dabei auf extrem brutale und menschenverachtende Dinge gestoßen. Das hat ihn natürlich erstmal ziemlich fertig gemacht. Die Gespräche mit ihm haben mich dann auch runtergezogen, woraufhin er mir den Tipp gab, doch mal eine „Positiv-Recherche“ zu machen, um ein Gegengewicht zu bilden.

Revolution: Alles wird gut! © Brachland-Ensemble
Revolution: Alles wird gut! © Brachland-Ensemble

Das war der Startpunkt für „Revolution – Alles wird gut!“, denn wir haben mehr und mehr Statistiken gefunden, die auf eine überraschend gute Entwicklung der Menschheit hinweisen: sei es bei der Bildung, der Gleichstellung, der Kriminalität, beim Hunger, bei bewaffneten Konflikten … Aber wir hatten das Gefühl, dass das kaum einer weiß! Daraufhin haben wir uns gefragt: Wenn es so viele extrem gute Entwicklungen gibt … wer ist dafür verantwortlich? Also haben wir Organisationen, Projekte, Einzelpersonen gesucht – zunächst – im Internet, dann im Rahmen der „Demokratie leben!“-Tour bei Stadtfesten und auf Märkten, denn schnell hatten wir die Landeszentrale für politische Bildung NRW als Kooperationspartner mit im Boot. Und da wir die Tafelhalle Nürnberg mit der Stadt Nürnberg und das Theater Aachen von unserem Projekt begeistern konnten, wurde das wirklich ein großes Projekt, so dass wir internationale Recherchereisen realisieren konnten.Die Darsteller*innen sollten dabei selbst auf Recherche gehen, um sich quasi „mit Wissen und Erfahrung aufzuladen“.

Die meisten internationalen Reisen planten wir in Regionen, in denen auf den ersten Blick erst einmal nicht „alles gut“ ist: Indien, Israel/ Palästina, Ghana, Süditalien, Griechenland. Umso spannender waren die Menschen, denen sie dort begegnet sind, denn wenn man unter solchen Bedingungen lebt und arbeitet, muss man schon sehr gut wissen, warum man das macht. Da nutzt es nämlich nichts, wenn man große Visionen hat aber nicht weiß, wo man beginnen soll. Dem gegenüber steht die Reise nach Schweden, wo aus deutscher Perspektive ja angeblich schon „alles gut ist“ – und in der Tat habe ich in Schweden sehr beeindruckende Leute kennengelernt.

Unsere Recherchen führten uns zu unserer Wortkreation „praktischer Possibilist“: weder blind optimistisch, noch zynisch pessimistisch, sucht der Possibilist oder die Possibilistin nach Möglichkeiten, die zwar eine Vision als Grundlage haben, aber realistische Schritte ermöglichen. Dem Stück liegt ein „revolutionärer Gedanke“ zu Grunde: wir benötigen nicht die gewalttätigen kurzzeitigen Umwälzungen, denn wir befinden uns mitten in einem Strom aus Erfolgsgeschichten und Ideen, einer gesellschaftlichen Evolution.

Entstanden ist ein riesiges Archiv, eine Mind-Map, ein Netzwerk aus bereits realisierten Projekten, aus Ideen, aus Haltungen der Welt gegenüber. Ein Netzwerk, das aber nie bedeutet, dass schon „alles von allein läuft“, es zeigt eher Möglichkeiten auf, will neugierig machen und inspirieren. Über unseren Partner www.alternation.info kann man auf viele Projekte auch online zugreifen!

KNBG: Wie viele Mitglieder eures Ensembles werden auf der Bühne zu sehen sein? Agieren Sie dabei als sie selbst?

Seidel& Breuer: Auf der Bühne stehen vier Personen: Anika Pinter (Schauspielerin), Dominik Breuer (Schauspieler), Sophie Bartels (Puppenspielerin) und Ali Can, der bisher Lehramtsstudent war, sich seit zwei Jahren aber fast nur noch mit seinem Engagement für „wertschätzende Kommunikation“ und seiner „Hotline für besorgte Bürger“ befasst. Im Prinzip stehen alle als sie selbst auf der Bühne, ja – wobei man auf der Bühne immer eine „Bühnenpräsenz“ annimmt, auch wenn man keine klare Rolle hat. Die fünfte Figur ist eine Puppe, die mit den Darsteller*innen gemeinsam das recherchierte Material auf der Bühne entdeckt.

Revolution: Alles wird gut! © Brachland-Ensemble
Revolution: Alles wird gut! © Brachland-Ensemble

Ali verlässt aber nach einiger Zeit die Bühne, geht in die Innenstadt und befragt spontan Passanten zu unseren Themen. Das Ganze wird dann live mit Video auf die Bühne geschaltet. Der geschlossene Raum der Bühne wird also durch das tatsächliche Leben da draußen erweitert. Und am Ende gibt es noch eine live Videokonferenz mit Überraschungsgast!

KNBG: Ihr arbeitet nicht nur länder- und kontinentübergreifend, sondern wohnt innerhalb Deutschlands auch in verschiedenen Städten. Das ist logistisch herausfordernd. Wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit ohne festen Arbeits- bzw. Spielort?

Dominik wohnt sogar in Brüssel! Zu Beginn war das tatsächlich schwierig. Anfangs haben wir auch viel stärker parallel in den Städten gearbeitet, zudem waren wir mit den Kommunikationstools noch nicht so eingespielt. Da lief einiges aneinander vorbei, Kräfte gingen verloren. Mittlerweile – auch aufgrund regelmäßiger Gastspiele – sehen wir uns viel häufiger. Das ist das A und O. All die tollen Medien nützen nichts, wenn man sich nicht regelmäßig gegenübersteht und Momente teilt, die einen auch zusammenschweißen. Dann kann man wieder E-Mails schreiben, chatten, skypen, Online-Kalender synchronisieren, die Cloud befüllen. Diese Art von schnellem Austausch verdanken wir tatsächlich dieser Tools, aber die Basis bildet das echte Treffen.

Zudem haben wir unsere Strukturen mehr und mehr professionalisiert. Neben der künstlerischen Arbeit hat jeder mindestens eine weitere Aufgabe: Fundraising und Gastspielakquise, Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Disposition, Layout, um mal die laufenden Aufgaben zu nennen. Aber auch in den Projekten sind die Aufgaben besser und professioneller verteilt. Das funktioniert mittlerweile sehr gut.

Für die einzelnen Projekte – die ja häufig über mehrere Monate oder Jahre erarbeitet werden – ist es wichtig, in mehreren Blöcken zu arbeiten und zu proben, denn die Entwicklung ist ja sehr dynamisch, da braucht man Luft, um die Erkenntnisse zu sortieren und den nächsten Schritt zu überlegen.

Das ist übrigens eine Sache, die ein Staatstheater kaum realisieren kann, wo meistens eine einzelne Probenphase geplant wird. Aber die Staatstheater haben ja auch fast immer ein fertiges Stück als Grundlage und proben damit. Wir sind selbst die Journalisten, Autorinnen und Künstler und schaffen uns auch die angemessenen Rahmenbedingungen. Die städteübergreifende Arbeit bietet ja nicht nur Herausforderungen, sondern enorme Vorteile, da wir regelmäßig städteübergreifend gefördert werden. Und das ist auch wichtig, denn wir finanzieren uns nur über die Projekte und deren Gastspiele.

KNBG: Seit Januar 2018 bildet ihr beide gemeinsam mit Maria Isabel Hagen die künstlerische Leitung des Brachland-Ensembles. Worin seht ihr Potenziale für eure Arbeit, was interessiert euch aktuell aus politischer und künstlerischer Perspektive? Könnt ihr schon etwas zu Folgeprojekten verraten?

Seidel& Breuer: Über die Erweiterung des Teams durch Maria freuen wir uns extrem. Sie hat in den letzten Jahren eh super viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Zudem ist das Brachland-Ensemble zu einem kleinen Unternehmen gewachsen, wir drei haben beinahe eine halbe Stelle, zeitlich gesehen sowieso. Zu dritt im Team zu sein und vor allem eine Frau dabei zu haben, empfinden wir als sehr sehr bereichernd. Zu dritt gibt es immer eine Person die außen ist und nochmal anders beurteilen kann, außerdem kann Maria als Frau nochmal anders Position beziehen. Auch wenn Dominik und ich uns als Feministen bezeichnen würden, können wir Dinge nun mal nicht aus der Perspektive einer Frau beurteilen.

Unabhängig von diesen Qualitäten bringt Maria eine künstlerische Facette mit ein, die ja aus der Performance und der Theaterwissenschaft kommt und damit die Diversität des Ensembles verstärkt. Im Herbst 2018 erarbeiten wir ein Soloprojekt, d.h. Maria führt Regie, Gunnar steht auf der Bühne. Der Arbeitstitel lautet „Verlieben“ und verweist darauf, dass sich das Publikum ja immer auch in den Protagonisten verliebt. Oder in den Schauspieler? Genau dieser theatrale Vorgang ist das Hauptinteresse von Maria: was lässt den Funken überspringen, welche Nähe und Intimität entsteht beim Theater, was bedeutet das echte Erleben, das man im Theater teilt? Zudem stellen wir uns die Frage, was das Verlieben für eine Rolle spielt in einer Gesellschaft, in der man sich – zumindest in der Werbung – permanent in alles verlieben soll. Und was heißt das für mich als Mann, welche Bilder hab ich von mir selbst im Kopf?

„Verlieben“ ist erstmal wieder ein kleineres Projekt. In Planung ist übrigens auch der „Witz“, bei dem Dominik auf der Bühne stehen wird. Da geht es um die Frage, wie Komik und Lachen entsteht. Nach dem Mammutprojekt „Revolution – Alles wird gut!“, welches wir ja jetzt auch deutschlandweit und hoffentlich auch international viel spielen, sind solche Projekt nochmal eine ganz andere Auseinandersetzung, denn endlich stehen Dominik bzw. Gunnar mal wieder auf der Bühne. Beide sind in erster Linie Schauspieler und wollen halt spielen. Durch die künstlerische Leitung und den Wunsch, unabhängig eigene Stücke zu erarbeiten, übernehmen beide natürlich sehr häufig Produktionsarbeit als auch die Regie.

Allerdings planen wir auch schon ein Projekt für das Jubiläumsjahr der Stadt Fulda im Oktober 2019 in Beteiligung mit der Bevölkerung. Und … klar, auch globale Themen und deren Protangonisten hinterlassen bei uns Spuren und lassen neue Ideen keimen. Ziel ist es natürlich auch, noch mehr Projekte und regelmäßige Auftritte in Nürnberg, Hamburg und Brüssel zu realisieren, wo wir wohnen. Neben der künstlerischen Arbeit streben wir eine Vernetzung mit Schulen und Universitäten an, denn gesellschaftspolitische und (sozial-)wissenschaftliche Aspekte spielen in unseren Produktionen eine große Rolle und da sind wir an einem Austausch interessiert.

KNBG: Was tut ihr, wenn ihr nicht fürs Brachland-Ensemble arbeitet?

Seidel& Breuer: Wir arbeiten alle in verschiedenen Kontexten. Sei es als Schauspieler an verschiedenen Stadttheatern, als Sprecher, als Regisseurin, Dramaturgin, Performer mit anderen freien Gruppen oder Festivals und natürlich auch als Workshopleiter bzw. Lehrbeauftragte. Maria hat z.B. einen Kurs „Body Art Performance“ an der Universität Erlangen, ich unterrichte Schauspiel an der Hochschule für Musik Nürnberg im Bereich Musiktheater / Oper.

Wenn man freischaffend in der Kultur arbeiten möchte und auch halbwegs gut davon leben will, dann muss man sich breit aufstellen und auch lernen, das was man hat und was man kann, gut zu verkaufen. Stellen Sie sich vor: es ist Theater und keiner geht hin!

In dem Sinne: vielen Dank für das Interview! 😉

KNBG: Vielen Dank für das interessante Interview und alles Gute für die bevorstehende Premiere!

Nürnberg-Premiere: „Revolution: Alles wird gut!“:
Do., 22.3.18, 19.30 Uhr, Künstlerhaus/ Festsaal, Nürnberg
Weitere Vorstellungstermine:
Fr., 23.3.18, Sa., 24.3. 18,  Do., 26.4.18,  Fr., 27.4.18,
jeweils 19.30 Uhr, Künstlerhaus/ Festsaal, Nürnberg

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