In der Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus lässt das Coburger Kunstlabel Verwertungsgesellschaft von der Weltliteratur nur Buchstaben übrig. Ab dem 17. Oktober kann man die Umsetzungen in der Bunsen Goetz Galerie in Nürnberg betrachten.

Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus, Verwertungsgesellschaft
Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus, Verwertungsgesellschaft

Die Ausstellung  Vorzüge des Analphabetismus des Kunstlabels Verwertungsgesellschaft 

Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus, Verwertungsgesellschaft © Martin Droschke
Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus, Verwertungsgesellschaft © Martin Droschke

Das Duo Oliver Hess/Martin Droschke hat sich der konstruktiven und dekonstruktiven Respektlosigkeit gegenüber den Ikonen der Kunst und der Literatur verschrieben.

In Objekten, Bildern, Installationen und Konzepten spielt es ironisch mit der Selbstverständlichkeit, mit der Hochkultur bewundert, geschützt und gefördert wird.

So legalisiert der Typograf und Grafiker Oliver Hess mithilfe eines behördlichen „Kopie“-Stempels die lange Geschichte der Mona-Lisa-Fälschungen, in anderen Arbeiten sortiert er Zeitungsartikel alphabetisch.

Martin Droschke legt Literaturfans die Idee nahe, dass jedermann seine Lieblingsautoren durch das Verbrennen ihrer Werke unsterblich machen kann. Der Konzeptkünstler stellt darüber hinaus erstmals das Projekt vor, Goethes „Werther“ in einer dreimonatigen Live-Aktion komplett in Buchstabennudeln auszusortieren, um den aus seiner Sicht lebensgefährlichen Klassiker zu entschärften. „Werther“ hatte bei seinem Erscheinen eine Selbstmordwelle ausgelöst und sollte deshalb nach Meinung der Verwertungsgesellschaft aus dem Kanon der Bücher, die man gelesen haben muss, entfernt werden.

Während der Vernissage am 17. Oktober um 18:30 Uhr werden die beiden Künstler in einer Mitmachaktion weitere Werke der Weltliteratur auf das Wesentliche reduzieren: Buchstaben.

Die Verwertungsgesellschaft

„Die Verwertungsgesellschaft„, so Martin Droschke, „nimmt den Kanon dessen, was kulturell gebildete Menschen kennen müssen, um mitreden zu können, sehr ernst. Gerade deshalb kommen wir meist zu Ergebnissen, die für das Selbstverständnis unserer Zeitgenossen nicht immer schmeichelhaft sind.“

Ein Beispiel hierfür ist ein Großprojekt des Labels, die sorgfältig editierte, auf 100 Bände angelegte Buchstabennudel-Edition der Weltliteratur. Bei ihrer Ausstellung präsentiert das Duo erstmals den kompletten, auf 25 Bände angelegten Kanon A, der Werke von Shakespeare, Hesse, Brecht und anderen Autoren versammelt, die in jeden Haushalt gehören.

Die Verwertungsgesellschaft hat für ihre Edition eine Form gewählt, die es ermöglicht, sich Klassiker ins Regal zu stellen, ohne in Gefahr zu geraten, sie lesen zu müssen – bei ihr besteht die Weltliteratur aus Buchstabennudeln.

Als reines Statussymbol mache die Edition ihren Besitzer frei vom Druck, sich mit Büchern auseinandersetzen zu müssen, die man eigentlich gar nicht lesen will.

„Auch als rein dekoratives Element ist der Kanon der literarischen Meister die Visitenkarte, die Ihr erstaunliches Allgemeinwissen und Ihre kulturelle Gewandtheit dokumentiert“, heißt es entsprechend im Klappentext. „Mit unserem Kanon geben wir Ihnen die beste Voraussetzung für gesellschaftlichen Einfluss und das gute Gefühl, sich zu allen Themen unserer Gegenwart mit einer soliden und gesunden Meinung äußern zu können.“

Die Buchstabennudeln werden während der Vernissage gemeinsam mit den Besuchern in die Verpackungen eingefüllt. „Diese Aktion machen wir hauptsächlich deshalb, damit wir eine Beschäftigung haben, falls keiner kommt“, so Martin Droschke. „Nichts ist für einen Künstler peinlicher, als bei einer Vernissage einfach nur herumzustehen und sich zu langweilen.“

Aktion von Martin Droschke

Martin Droschke, hinter dessen unscheinbaren Objekten sich meist ein komplexes Konzept verbirgt, wird zudem zwei Varianten einer zeitgemäßen Bücherverbrennung zur Diskussion stellen: als Trainings-Set für Wutbürger und als Weg, wenig gelesenen Autoren zu Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Ein mit Buchstabennudel gefülltes Glas soll das Interesse an seiner Vision testen, Goethes Suizid-auslösenden „Werther“ aus der Welt herauszunehmen, indem er Seite für Seite mit Buchstabennudeln nachgeschrieben wird und die Teiglettern anschließend durcheinander geschüttelt und in Urnen abgefüllt werden.

Die dreimonatige Aktion ist für 2015 angedacht, soll im öffentlichen Raum stattfinden und live im Internet übertragen werden.

Oliver Hess

Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus, Verwertungsgesellschaft © Martin Droschke
Ausstellung Vorzüge des Analphabetismus, Verwertungsgesellschaft © Oliver Heß

Die Arbeiten von Oliver Hess zerlegen Literatur und Gebrauchstexte in ihre ursprünglichen Bestandteile und spüren dabei der Macht einzelner Buchstaben nach.

„Nehmen wir das Wort Gedichte“, so der Typografiekünstler. „Laut Definition bezeichnet es einen bis zum äußersten verdichteten Text. Das Wort selbst sagt uns, woraus seine Dichte im Idealfall besteht – nur aus G’s. Also habe ich die Lyrik großer Meister perfektioniert und dazu alle anderen Buchstaben entfernt. Es wird wohl erlaubt sein, altverdiente Text nachzubessern, wenn der Fehler, der ihrem Schöpfer unterlief, gefunden ist.“

(Pressemitteilung der Verwertungsgesellschaft)

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