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Direktorin des Kunstvereins Hannover Kathleen Rahn im Interview

Der Kunstverein Hannover und die Unterschiede zum Kunstverein Nürnberg

Kunstverein Hannover, Jean-Luc Moulène, Raum 3

Seit Juni 2014 leitet Kathleen Rahn den Kunstverein Hannover und präsentierte dort nun mit „Jean-Luc Moulène. Documents & Opus (1985-2014)“ ihre erste eigene Ausstellung, die gerade zu Ende ging. Im Interview spricht sie über die neue Herausforderung und gravierende Unterschiede zur Leitung der Albrecht-Dürer-Gesellschaft in Nürnberg.

Kathleen Rahn, die Direktorin des Kunstvereins Hannover, über ihre Arbeit in Hannover und die Unterschiede zum Kunstverein Nürnberg

Portrait Kathleen Rahn, Direktorin des Kunstvereins Hannover

Yvonne Scheja: „Du warst im Zeitraum 2007 bis 2012 Leiterin der Albrecht-Dürer-Gesellschaft in Nürnberg, einem sehr traditionsreichen Haus. Anschließend hast du freiberuflich gearbeitet und bist nun seit Juni 2014 Leiterin des Kunstvereins Hannover. Kannst du kurz beschreiben, was sich für dich geändert hat, zum Beispiel anhand der Strukturen oder der Größe des Hauses?

Kathleen Rahn: Alles! (lacht) Als ich 2007 nach Nürnberg kam, war die Situation so, dass der Kunstverein Nürnberg durch Natalie de Ligt bereits mehr wahrgenommen wurde. Für mich war er allerdings ein total unbeschriebenes Blatt. Ich wusste überhaupt nichts über diesen Kunstverein und fand es unglaublich spannend, dass er der älteste Kunstverein Deutschlands ist und bereits 1792 gegründet wurde – das wissen auch viele Nürnberger nicht, obwohl die ein oder andere interessante Ausstellung dort stattgefunden hat.
Somit konnte ich dort etwas aufbauen. Ich hatte auch kein Team vor Ort, denn in Nürnberg gab es niemanden außer dem Vorstand und dieser ist ein ehrenamtliches Organ, das wie an den meisten Kunstvereinen kein direkter agitativ Durchführender ist. Dort habe ich einerseits alles machen müssen, aber auch andererseits die totale Freiheit gehabt, alles machen zu können. Ich habe dann peu à peu etwas aufgebaut. Schließlich haben wir 2011 die einzige Ehrung, die es für Kunstvereine gibt, den ADKV-Art-Cologne Preis für Kunstvereine, erhalten. Das war ein toller Erfolg und ich habe mich danach gefragt, wie es jetzt weitergeht, da ich bereits relativ vieles in Nürnberg ausprobiert hatte. Gerade mit dem Milchhof-Gebäude zu arbeiten, ist sehr speziell. Es hat eine riesige Halle und kleine Räume und zudem sind weitere Mitmieter diesem Gebäude.
So habe ich am Kunstverein in Nürnberg von Anfang an Schwerpunkte gesetzt: Zum Beispiel experimentierte ich mit Performance-Projekten aufgrund der bühnenartigen Situation und ich arbeitete sehr installativ, weil fast keine Wände vorhanden sind.

Insgesamt war ich fünf Jahre bei der Albrecht-Dürer-Gesellschaft. Dann übernahm Orlane Durand den Kunstverein in der Übergangsphase bis Simone Neuenschwander kam.
Im Anschluss daran habe ich eine Kinderpause gemacht und frei gearbeitet. Und das war sehr wichtig für mich, solch einen Cut zu machen, weil ich vor den fünf Jahren in Nürnberg schon fünf Jahre als Kuratorin in Düsseldorf am Kunstverein und zwei Jahre in Aachen am Kunstverein gearbeitet hatte. Somit konnte ich schon ganz verschiedene Häuser kennenlernen. Nun sah ich mich präpariert, alles Mögliche zu machen und dann klappte es mit Hannover.
Als ich dann nach Hannover kam, war die Situation eine völlig andere als damals in Nürnberg: Der Kunstverein Hannover ist ein Haus, das man kennt und das ich selbst schon mehrfach zuvor besucht hatte. Hier gibt es eine Ausstellungsfläche von 700 Quadratmetern. Ich weiß noch, wie ich im Studium extra hierher gefahren bin oder mir Hannover auf den Weg gelegt habe, um mir Georg Herold und verschiedene andere Einzelausstellungen anzusehen, die mich bewegt haben. Hannover ist geografisch von großem Vorteil. Viele Leute, die mir gratulierten, sagten: „Herzlichen Glückwunsch und schön, dass wir dein Programm jetzt auch verfolgen können, denn Nürnberg liegt einfach nicht auf unserem Weg.“ Ich dachte damals, dass Nürnberg auf dem Weg nach München oder nach Prag läge, aber wahrscheinlich fliegt man dort eher hin. Man hat Probleme, ein Publikum vor Ort zu finden. Es gibt ein kleines, interessiertes, reges Publikum, aber nicht den Austausch – Fachleute kommen nicht vorbei und es findet keine große Debatte statt. Das ist hier in Hannover anders. Es ist ein etabliertes, großes Haus, das eher eine Kunsthalle als ein Kunstverein ist und so gehe ich damit auch um. Das Programm, das ich beim Vorstellungsgespräch präsentiert habe, führe ich mehr oder weniger jetzt im ersten Jahr durch. Es wäre für mich auch nicht sinnvoll gewesen, noch einmal einen kleinen Kunstverein zu leiten und alles selber zu machen. Das ist für mich einen Schritt weiter zu sein. Das war wichtig.

Jean-Luc Moulène Installationsansicht Kunstverein Hannover, 2015, Raum 3, Foto: Raimund Zakowski

Und zur Struktur des Teams in Hannover: Es sind sieben feste Mitarbeiter und es gibt zusätzlich noch ein Empfangsteam, ein Vermittlungsteam und eine ganze Gruppe an Aufbauhelfern für die großen Räume, so dass ca. 30 Leute hier temporär arbeiten.
Und was im Vergleich zum Rest Deutschlands in Niedersachsen anders ist: Hier liegt der Fokus stark auf der Vermittlung, auch bei Kunstvereinen und nicht nur bei Museen. Die Perspektive jetzt selber ein Kind zu haben hat in diesem Punkt, also im Hinblick auf die Kunstvermittlung, einiges geändert. Das ist neu für mich und ich finde das auch sehr spannend als Herausforderung zu der Konzeption von Ausstellungen, die Vermittlung der Kunst hinzuzudenken.
Die Verstärkung der Vermittlung ist erst eine jüngere Entwicklung. Ute Stuffert, Kuratorin hier am Haus, sagte: „Vor sieben Jahren hat man eine Ausstellung gemacht, zwei Referenten als Begleitprogramm eingeladen und das war’s.“ Und jetzt habe ich jede Woche mindestens zwei bis drei Veranstaltungen, wo ich dabei bin. Und am Wochenende finden unabhängig davon Vermittlungsformate für Kinder und Erwachsene statt. Es ist ein unglaubliches Programm, weil man in Niedersachsen erkannt hat, dass der klassische Ausstellungsbesucher ausstirbt, der es im Sinne Thomas Bernhards genießt, , sich vor einen alten Meister zu setzen und dort stundenlang zu verweilen. Es ist immer mehr das Event, das Besucher ins Haus lockt.

Yvonne Scheja: Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn ich an Berlin denke, ist es ein Standard geworden, dass man an einem Abend unzählige Eröffnungen besuchen kann und dass gleichzeitig noch Artist Talks und Performances stattfinden.
Gerade um mehr Publikum zu bekommen, ist die Vermittlung wichtig.

Kathleen Rahn: Genau.

Yvonne Scheja: Immer wieder wird auch thematisiert, dass Kunstvereine aussterben könnten aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen. Dieses Problem scheint der Kunstverein Hannover nicht zu haben, denn er hat über tausend Mitglieder.

Kathleen Rahn: Genau, er ist noch einer der großen Kunstvereine, nicht nur architektonisch, sondern auch aufgrund des bürgerlichen Engagements, das dahinter steht.
Hier wird sehr viel mitgedacht und es findet ein reger Austausch statt. Es gibt alle zwei Jahre eine große Herbstausstellung mit niedersächsischen Künstlerinnen und Künstlern. Dafür kann sich jeder bewerben, der aus der Region kommt, ob aus Niedersachsen oder Bremen. Auch wenn es in Hannover keine Akademie mehr gibt, schaut man, was vor der eigenen Haustüre passiert. Das hat hier Tradition. Zwar hat die Verbindung zu Regionalem in der Geschichte aller Kunstvereine eine Tradition, da oft Künstler die Vereine gegründet haben oder sie im 19. Jahrhundert dazu dienten, die Künstler der eigenen Region den Bürgern vorzustellen. Doch wird diese nicht überall gepflegt. Ich finde es schön, dass man diese Tradition hier noch beibehalten hat und uns der Spagat zwischen Lokalem und Internationalem sehr gut gelingt.

Yvonne Scheja: Du zeigst aktuell als erste eigene Ausstellung im Programm Jean-Luc Moulène. Ihn hast du bereits 2010 in einer Gruppenausstellung mit Thea Djordjadze und Matti Braun in Nürnberg präsentiert. Warum hast du genau Jean-Luc Moulène von den Künstlern ausgewählt, die du in Nürnberg gezeigt hattest? Und kannst du anhand dieser Ausstellung die Schwierigkeiten bzw. Unterschiede der Räume beider Häuser erläutern?

Kathleen Rahn: Jean-Luc Moulène habe ich im Rahmen einer Kooperation eingeladen. Es wurden damals dreißig deutsche Kunstvereine von französischen Kollegen angesprochen und etwa zehn Kunstvereine haben dann an dieser Kooperation teilgenommen. Meine Kooperationspartnerin war Claire Le Restif vom Crédac in Ivry, einem Haus, das so groß ist wie etwa der Kunstverein Hannover – das heißt, wir waren die Kleinen und sie die Großen. Ihr Haus ist in einem ehemaligen Kino komplett unter der Erde und die Albrecht-Dürer-Gesellschaft ist in diesem lichtdurchfluteten Milchhof. Wir fanden, das war ein ganz schönes Bild und daraus entwickelte sich eine Ausstellung mit drei Künstlern an beiden Orten, aber mit unterschiedlichen Werken.
Ich hatte Jean-Luc Moulène vorgeschlagen, den man als Kurator in Frankreich nicht in solch einem Art Center zeigen würde, weil er damals bereits damit durch war. Er ist dort auf musealer Ebene angekommen, wobei damals noch nicht in den ganz großen Museen, das folgt jetzt, denn im nächsten Jahr wird er eine Einzelausstellung im Centre Pompidou haben. Damals hat er in Nîmes oder dem Jeu de Paume in Paris gezeigt. Ich fand ihn schon seit der Documenta 10 im Jahr 1997 interessant, wo ich das erste Mal Arbeiten von ihm gesehen habe. Meine Kollegin fand umgekehrt Matti Braun spannend, einen Künstler, bei dem ich das Gefühl hatte, er hätte schon in allen Kunstvereine in Deutschland gezeigt, den müsste man nicht nochmal zeigen. Thea Djordjadze wurde auch von Claire Le Restif vorgeschlagen, nachdem sich das Thema einer Art mentalen Archäologie herausschälte. Da im Crédac in Ivry viel Platz ist, haben wir sie dort groß gezeigt. In Nürnberg führte sie dafür eine Performance durch, in der sie frischen Ton in der Halle bearbeitet hat und dieser ist dann über die Ausstellungsdauer ausgetrocknet – eine sehr ephemere Arbeit.
Ich achte darauf, dass ich in Hannover zunächst nur Künstler einlade, mit denen ich noch nicht gearbeitet habe. Aber bei Jean-Luc Moulène war es mir ein Anliegen. Seit dieser Ausstellung in Nürnberg habe ich darauf gewartet, dass eine größere Ausstellung mit ihm in Deutschland stattfindet würde, da ihn hier immer noch nicht viele kennen. In England und Amerika kennen ihn inzwischen schon mehr, denn dort hatte er bereits größere Ausstellungen. Er wird auch Ende des Jahres sechzig und hat schon seinen Weg gemacht.
Aber ich habe mich immer gefragt, mit was für einer Ausstellung fängt man im Kunstverein Hannover an, denn ich wusste im März 2014, dass ich im Januar des Folgejahrs die erste Ausstellung zeigen muss. Das ist ein Dreivierteljahr. In Nürnberg hatte ich damals weniger Zeit, aber das ist bei so kleinen Räumen okay. Bei Jean-Luc Moulène gibt es ein riesiges Œuvre, aus dem man schöpfen kann.
Ein anderer, jüngerer Künstler, den ich im Winter zeigen werde und immer mal für Nürnberg im Sinn hatte – Michael E. Smith – hat im November die Räume hier gesehen und benötigt ein Jahr Produktionszeit.
Moulène zu zeigen, ist für mich in Deutschland noch nicht durch gewesen. Die Reaktionen beweisen auch, dass er für viele eine Entdeckung ist. Letztens war zum Beispiel eine Kollegin vom Sprengel-Museum hier, die sagte, sie hätte mehrmals die Ausstellung besucht und jedes Mal entdecke sie etwas anderes. Er ist für viele Neuland. Das ist wie einen jungen Künstler zeigen, auch wenn er älter ist. Ich finde seine Arbeit einfach interessant.

Jean-Luc Moulène Installationsansicht Kunstverein Hannover, 2015, Raum 2, Foto: Raimund Zakowski

Yvonne Scheja: Du hast dein Jahresprogramm mit einer monografischen Ausstellung begonnen und nun folgen drei Gruppenausstellungen. Eine davon, die Herbstausstellung, findet unabhängig von deinem Programm statt. Die anderen beiden “Digital Conditions” und „Mental Diary“ werden im Frühjahr und Sommer zu sehen sein.
Nun hatte ich ein Statement von dir gelesen, das bereits aus dem Jahr 2011 stammt. In diesem hast du gesagt, dass du in enger Zusammenarbeit mit Künstlern Gedankenräume eröffnen möchtest. Bei den kommenden Ausstellungen ist zum Beispiel der verstorbene Sol LeWitt dabei. Gilt dieses Statement noch oder hat es sich verändert, auch im Hinblick auf die zwei kommenden Gruppenausstellungen?

Kathleen Rahn: Ja, da hat sich mein Blickwinkel verändert, auch in Anbetracht der Räume und der Fragen, wie man mit diesen umgeht, wen man hier alleine zeigen kann. Im Nürnberg konnte man prima zwei Einzelausstellungen parallel stattfinden lassen. Aber hier entsteht schnell eine totale Überforderung für den Besucher. Selbst unser großer Saal, der Raum 4, ist dreißig Meter lang. Das ist eine Halle. Ein Raum, der größer ist als der Düsseldorfer Kunstverein. So kam die Überlegung, dass man parallele Einzelausstellungen stattfinden lassen könnte. Bei „Mental Diary“ gab es von Anfang an die Idee, mit parallelen Einzelausstellungen zu arbeiten, und dabei ist es auch geblieben. Wir haben alles unter einen Titel genommen und Künstler zusammengestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Zwar gibt es ein assoziatives Thema, aber es ist keine wirkliche Themenausstellung, sondern eine Gruppenausstellung, was ich für eine wichtige Unterscheidung halte.
Wichtig ist es mir bei Ausstellungen, egal ob thematische oder Gruppenausstellungen, dass man generationsübergreifend denkt.
Die Ausstellung im Frühjahr „Digital Conditions“ hat sich aus dem Phänomen CeBIT auf dem Messegelände in Hannover ergeben, wo seit Jahrzehnten die neuesten Technologien der Welt im digitalen Raum vorgestellt werden, seit es den Digital Turn gibt. Überraschenderweise hat hier noch niemand eine Ausstellung dazu gemacht. Das wird eine richtig thematische Ausstellung. Wir machen die Ausstellung zwar nicht in Kooperation mit der Messe, aber wir bieten zum Beispiel verlängerte Öffnungszeiten für Messebesucher an. „Digital Conditions“ ist eine Ausstellung, die zwar wegen der CeBIT, aber genauso im Zuge der Kunst, wo man ein Phänomen untersucht, auf der Hand liegt. „Wie hat die digitale Welt Einzug gehalten in die künstlerische Praxis, in künstlerische Werke? Wie verändert sie Vorstellungen von Materialität, von Produktion?“ Es ist eine Ausstellung, die wir auch als Fortsetzung denken, also immer parallel zur Messe im Frühjahr.
Alle drei Gruppenausstellungen werden völlig unterschiedlich aussehen. Bei „Digital Conditions“ wird das digitale Feld mit 13 Positionen thematisiert, die sich überlappen. Bei „Mental Diary“ hat jeder Künstler einen Raum. Da sind sechs Künstler in sieben Räumen, sodass sich eine ganz andere Wahrnehmung ergeben wird. Es handelt sich um Versuche, wie man mit solch einem Raum umgeht, mit so einem Ort wie dem Kunstverein Hannover.
Für die Herbstausstellung plane ich auch eine kleine Veränderung, denn ich möchte, dass die Besucher noch mehr in die Stadt gehen. Dafür möchte ich leerstehende Orte wie Läden oder Lokale suchen. Danach folgt wieder eine Einzelausstellung. (lacht)

Yvonne Scheja: Hat sich das Programm im Vergleich zu Nürnberg aufgrund des Orts geändert?

Kathleen Rahn: „Digital Conditions“ ist eine Ausstellung, die sich mit einem Thema auseinandersetzt, das in der Luft liegt und das aber zusätzlich auch mit Hannover zu tun hat, was ich wichtig finde. Das hat sich vorher so einfach nicht ergeben.

Yvonne Scheja: Du hast bereits erwähnt, dass es wieder Rahmenprogramme geben wird. Gerade war Jean-Luc Moulène zum Künstlergespräch hier und auch Chris Dercon, der Direktor der Tate Modern Gallery in London, war hier. Kann man demnächst auch wieder solche spannenden und hochkarätigen Gesprächspartner erwarten?

Kathleen Rahn: Auf jeden Fall. Chris Dercon war im Rahmen eines Formats, das kurz vor meiner Ankunft ins Leben gerufen wurde, dem sogenannten Kunstsalon, hier. Dieses Format habe ich sofort beibehalten, was auch mit Nürnberg zu tun hat. Denn dort habe ich selbst solch ein Format, das unabhängig vom Ausstellungsprogramm war, ins Leben gerufen: Es hieß Filmsalon. Dafür habe ich Künstler gebeten, ihre Lieblingsfilme zu zeigen oder auch Eva Wattolik von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg eingeladen. Dieser Filmsalon hat total Spaß gemacht. Wir haben immer wieder Leute eingeladen unabhängig von den Ausstellungen. Und in Nürnberg waren die Themen Film und Performance als Medium in der Kunst meines Erachtens damals auch an der Akademie –  Heike Baranowsky war gerade erst neu – noch nicht so verhandelt worden. Hier in Hannover ist der Kunstsalon ein Format, bei dem ich freie Hand hatte. Jetzt finden ganz unterschiedliche, teilweise auch kleine Sachen statt, auch spontaner Natur. Aber das grobe Jahresthema, das ich gesetzt habe für den Kunstsalon, ist die Idee vom privaten Sammeln.

Jean-Luc Moulène Installationsansicht Kunstverein Hannover, 2015, Raum 1, Foto: Raimund Zakowski

Yvonne Scheja: Wie zum Beispiel mit dem letzten Gast, Christian Schwarm.

Kathleen Rahn: Genau, er war als erster da von den Independent Collectors. Denn bei uns in der Satzung ist ein alter Satz erhalten geblieben, nämlich dass der Kunstverein auch dafür da ist, seine Mitglieder zum Kunst sammeln anzuregen. Das kommt aus dem 19. Jahrhundert, wo die Kunstvereine wegen ihrer Jahresgaben oder früher auch Nietenblätter und ähnlichem tatsächlich die Initiatoren für viele Sammlungen waren. Diesen Gedanken fand ich schön und dadurch entstand diese Reihe. Bald kommt auch Heinz-Norbert Jocks, der sich zum Beispiel mehrfach für das Kunstforum mit dem Thema des Kunstsammelns auseinandergesetzt hat. Außerdem werde ich noch einen Galeristen einladen.
Im Rahmen der nächsten Ausstellung „Digital Conditions“ machen wir wahnsinnig viel – wir arbeiten zusammen mit dem Kino hier im Haus und mit dem Schauspiel. Aber es wird auch Jörg Heiser kommen, ein bekannter Kunstkritiker, der sich mit der Frage beschäftigt hat, „Wie sieht die Netzkunst der neunziger Jahre und der heutigen Generation aus?“ Fachvorträge und Künstlergespräche finden bei uns hier in Hannover bisher am meisten statt. Das funktioniert ganz gut. Ich sage mal, wenn hier dreißig Leute kommen, dann ist das wenig, in Nürnberg war das viel. Das ist auch ein Unterschied – obwohl, wenn Chris Dercon kommt, der schon vor ca. 15 Jahren einmal hier war, dann kommen 150. (lacht) Das ist manchmal auch ein bisschen frustrierend, wenn nur dann so viele Leute kommen, aber das ist eben so. Aber wir machen weiter. Natürlich!

Yvonne Scheja: Dann bin ich auf jeden Fall sehr gespannt und freue mich schon auf die nächsten Projekte.

Kathleen Rahn: Ich mich auch!

Kathleen Rahn – Vita

Kathleen Rahn (*1973 in Wesel) studierte an der Universität Kassel Kunstwissenschaften, französische und englische Philologie. Anschließend arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Neuen Aachener Kunstverein (2001-2002) und als Kuratorin am Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf (2003 – 2007). Dann folgte die Leitung der Albrecht-Dürer-Gesellschaft in Nürnberg (2007-2012). Seit Juni 2014 ist sie Direktorin am Kunstverein Hannover.

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