Di., 14. April 2026

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Durch die Pfeife der Kunst

Philipp Selig in der Kreis Galerie

4.3.–4.4.2026

Am 4. März 2026 eröffnet in der Kreis Galerie die Ausstellung »Durch die Pfeife der Kunst« von Philipp Selig. Bis zum 4. April ist eine Schau zu sehen, die weniger als Präsentation abgeschlossener Werke funktioniert denn als Versuchsanordnung: ein Setting aus Material, Kritik und bewusst gesetzter Unschärfe.

Der „kritisch vernebelte Blick“

Seelig beschreibt die „Pfeife der Kunst“ als einen „kritisch vernebelten Blick eines selbst gezeichneten Stadtbildes aus der Perspektive des gesellschaftlichen Teilzeitbodensatzes“. Das ist kein poetisches Beiwerk, sondern programmatische Setzung. Der Blick kommt nicht von oben, nicht aus der Mitte, sondern aus einer prekären Randzone. Die Stadt erscheint nicht als Repräsentationsraum, sondern als sedimentiertes Moralgefüge.

Die Metapher der Pfeife evoziert Rauch, Filter, Inhalation – eine Wahrnehmung, die durch etwas hindurchgeht. Kunst wird hier nicht als Fenster zur Welt begriffen, sondern als bewusst eingesetztes Medium der Trübung. Diese Trübung ist nicht Defizit, sondern Methode: Nur im Nebel werden die Konturen der Selbstverständlichkeiten sichtbar.

Darstellung als Problem

„Ein Bild ist etwas, das dem Versuch der Darstellung unterliegt.“ Dieser Satz markiert eine erkenntnistheoretische Verschiebung. Das Bild ist nicht Ergebnis, sondern Versuch. Darstellung bleibt prekär, fragmentarisch, nie deckungsgleich mit ihrem Gegenstand. In dieser Perspektive wird jede visuelle Setzung zu einer moralischen Operation: Wer darstellt, normiert.

Seelig attackiert damit implizit den Konsens der sogenannten Mitte. Wir „transferieren täglich durch unser Verhalten Muster unserer Moral in gesellschaftliche Formen“, schreibt er. Kunst wird zur Gegenprobe dieses Transfers. Sie entlarvt das, was als selbstverständlich gilt, als sedimentierte Ideologie, die sich aus Wohlstandsversprechen, Trickle-down-Narrativen und medialer Dauerbeobachtung speist.

Der Verweis auf das „Nie wieder behaupten zu können: Wir haben nichts davon gewusst“ ist zentral. Seelig adressiert eine saturierte Öffentlichkeit, die im Modus des Gaffens verharrt: gezwungen, dissoziiert, permanent informiert – und doch strukturell entlastet. Seine Arbeiten operieren genau in dieser Spannung zwischen Wissen und Verdrängung.

Das Spiel mit dem vermeintlich Unwertigen

Formal handelt es sich laut Künstler um ein „beigelegtes Spiel aus vermeintlich Unwertigem“. Diese Formulierung ist entscheidend. Das „Unwertige“ verweist auf Materialien, die jenseits klassischer Wertzuschreibungen stehen: textile Fragmente, Fundstücke, genähte Oberflächen, prozessuale Assemblagen. Das Nähen – ein Akt der Reparatur wie der Konstruktion – wird zur ästhetischen Geste.

Die Materialität ist nicht dekorativ, sondern argumentativ. Genäht in Material, geformt durch Kritik, mühsam zusammengetragen. In einer Zeit beschleunigter Bildproduktion insistiert Seelig auf Langsamkeit und Aggregation. Seine Werke wirken wie Archive eines urbanen Restbestands, in denen soziale Spannungen eingeschrieben sind.

Gerade im Rückgriff auf das scheinbar Minderwertige formuliert sich eine klassische kunstkritische Frage neu: Wie lässt sich Wahrheit denken, wenn die Kriterien des Wahren selbst ideologisch imprägniert sind? Das „Spiel“ ist daher keine Ironie, sondern eine Strategie der Unterwanderung.

Rahmenprogramm als Erweiterung

Am 11. März um 18 Uhr wird die Ausstellung durch eine Soundaufführung von Ralf Bauer mit Gast erweitert. Der akustische Raum dürfte das visuelle Nebelmotiv transformieren: Klang als weiterer Filter, als atmosphärische Verdichtung.

Am 25. März um 18 Uhr folgt ein Kunstschaffenden-Gespräch mit Silvan Jacob. Hier wird sich zeigen, inwiefern Seligs konzeptuelle Setzungen im Diskurs präzisiert werden. Gerade bei einer so stark theoretisch gerahmten Praxis ist das Gespräch kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil.

Instagram Account von Philipp Selig: https://www.instagram.com/p_t_selig/

https://www.kreis-nuernberg.de

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