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Ariane Kipp – Stadtgeflüster

Ariane Kipp, Stadtgeflüster, 18.1.-18.2.2024, Ingolstadt

Upcycling von urbanen Fragmenten menschlichen Daseins – damit beschäftigt sich Ariane Kipp in ihrer neuen Serie „Stadtgeflüster“, entstanden 2023 im Berliner Atelier der Künstlerin. Kipp verarbeitet Plakate aus dem öffentlichen Raum zu polychromen Plastiken und Wandarbeiten. Vom 19.1. bis 18.2 zeigt Ariane Kipp ihre neuen Arbeiten in der Städtischen Galerie im Theater Ingolstadt.

Auf Spurensuche in Berlin

Das Material für die Plastiken beschafft sich die Künstlerin in der Metropole Berlin. Sie erforscht die Umgebung und geht auf Spurensuche nach schriftlichen Zeugnissen der heutigen Gesellschaft. Unzählige Plakate, Aufkleber und anderen Textträger werden begutachtet.

Das Abreißen von Plakaten ist ebenso ein Akt illegalem Vandalismus, wie das Sprayen von Graffitis. Ariane Kipp bringt jedoch kein Graffiti an einer Mauer an, sondern bedient sich, entfernt Material aus dem öffentlichen Raum, um es in ein Kunstwerk umzuformen.

Ariane Kipp, Stadtgeflüster, 18.1.-18.2.2024, Ingolstadt
Ariane Kipp, Stadtgeflüster, 18.1.-18.2.2024, Ingolstadt

Bild- und Textmedium Werbeplakat

Die massenhaften täglichen Ankündigungen der Plakate variieren stark und sind teils hundertfach überklebt. Sie sind Spuren unserer Zeit und zeugen von der Kurzlebigkeit und dem stetigen Wandel der Gesellschaft. Sie berichten von den Interaktionen der Menschen in der Stadt und dokumentieren Berlin im Jahr 2023. Plakate begegnen uns überall im Alltag.

Sie informieren über Veranstaltungen, zeigen uns Werbung, können uns begeistern oder provozieren. Plakate im öffentlichen Raum haben eine kurze Lebensdauer. Sie werden überklebt, mit Farbe und Spray bemalt oder zerrissen. Plakate können in ihrer Masse und auch der Art ihrer Gestaltung unscheinbar sein. Wenn wir an ihnen vorbeigehen, beachten wir sie kaum. 

Der künstlerische Prozess – Entstehung der Werkserie „Stadtgeflüster“

Für Ariane Kipp ist das Material Werbeplakat die städtische Materie des täglichen Lebens, die immer und überall präsent ist. Die Künstlerin sucht sich die Plakate auf den Straßen Berlins aus und reißt ganze Plakatwände mit vielen Schichten herunter. In den Plakatschichten gräbt sich Ariane Kipp wie eine Archäologin durch Wortfragmente, Bilder, Symbole und Logos.

Sie werden zerrissen oder zerschnitten und assoziativ zu neuen Sätzen, zu ironischen Witzen oder provokanten Slogans zusammengesetzt. Zu dieser dadaistischen Herangehensweise gehört auch der nächste Schritt. Die Fragmente des Fundmaterials werden zu leichten, schwebenden polychromen Plastiken zusammengesetzt, die eine besondere Ästhetik und Eleganz ausstrahlen.

Die Assemblagen in diversen Formen, bestechen durch ihre Leichtigkeit und Farbenpracht. Im Ausstellungsraum hängen die raumgreifenden Arbeiten von der Decke herunter und wirken wie Nester unserer Zivilisation. Sie flüstern uns Buchstaben, Wörter und Satzfetzen zu. Es lassen sich fremde Köpfe, Augen und Symbole unserer Welt entdeckten. Gleichzeitig beobachten die zur Kunst gebannten Bilder uns, die Betrachter. Der fragmentierte Zustand der Texte lässt ein Verständnis der ursprünglichen Information der Plakate nicht mehr zu.

Die Betrachter gehen selbst auf Spurensuche im Dschungel der gewundenen, schriftlichen Versatzstücke. Die Plastiken funktionieren dabei wie archäologische Funde, die von unserer Gesellschaft erzählen. Ihre Buchstabenscherben dokumentieren unser heutiges Umfeld im urbanen Raum auf künstlerische Weise.

Die Befreiung aus der Zweidimensionalität

Ariane Kipp entwickelte mit ihrer Serie Stadtgeflüster einen komplett neuen und einzigartigen Umgang mit dem zweidimensionalen Werbeplakat. Sie schaffte es künstlerisch überzeugend, das Plakat aus seiner Zweidimensionalität zu befreien und die Form aufzubrechen. Damit geht Ariane Kipp einen Schritt weiter und überträgt die künstlerischen Ansätze der Affichisten ins 21. Jahrhundert. Die Affichisten (franz.: affiche = Plakat) waren eine Künstlergruppe in den 1940er und 50er Jahren in Paris, die Decollagen aus Straßenplakaten fertigten, die sie im urbanen Raum der Megacity Paris sammelten und abrissen. Sie beschäftigten sich auch mit experimenteller Poesie, Lautgedichten und visuellen Buchstabenverformungen, blieben jedoch mit ihren Decollagen im Zweidimensionalen.

Ariane Kipp formt aus den Werbeplakaten dreidimensionale Text- und Bildplastiken. Damit löst sie die Plakate vollständig aus ihrer Zweidimensionalität. Die ausdrucksstarken Objekte bergen noch eine weitere Bedeutungsebene in sich. Die vierte Dimension – die Zeit – spielt eine wichtige Rolle. Die Plakatschichten sind teilweise über einen Zeitraum von sechs Monaten „gewachsen“. Wie in einem Katalog aus Geschichten der letzten Monate werden die Objekte zu Datenträgern, die einen Ausschnitt der heutigen Zeit konservieren.

Die künstlerische Entwicklung Ariane Kipps im Kontext kunsthistorischer Strömungen des 20. Jahrhunderts

Die Plastiken von Ariane Kipp erinnern formal an Arbeiten der 1960er Jahre des amerikanischen Künstlers John Chamberlain (1927 – 2011), der Objekte aus tonnenschweren Autoschrott faltete. Für die Betrachter entfalten Kipps Objekte jedoch eine völlig andere Bedeutung. Deutlich sind die polychromen Plastiken mit ihren Schriftzeichen, Slogans und Logos von Pop Art, Streetart, Graffitikunst und Dada gespeist. 

„Stadtgeflüster“ ist das Ergebnis von zwei Entwicklungen in der künstlerischen Arbeit von Ariane Kipp im Zeitraum 2014-2022. In den Serien „Shampoo Works“ und „Cortex Colorix“ bereitete die Künstlerin bereits ihre neue Werkserie technisch und inhaltlich vor. „Shampoo Works“ zeigt dynamische Formationen von zerschnittenen Duschgel- oder Waschmittelbehältern, die an Vogel- oder Fischschwärme erinnern. Die alltäglichen Verpackungen werden zu ästhetischen Kunstwerken umgeformt. In der Serie „Cortex Colorix“ bringt Ariane Kipp Lack in eine raumgreifende, dreidimensionale Form. Sie entwickelte die Grundidee der Transformation des Zweidimensionalen in eine dreidimensionale Form mit raumgreifenden Plastiken aus Lackfragmenten oder Plastikverpackung weiter.

In der Serie „Stadtgeflüster“ vereinigt Ariane Kipp schließlich beide Techniken und Gedanken. Die zweidimensionalen Plakatschnipsel werden zu dreidimensionalen Plastiken mit gesellschaftlicher Aussage. Indem die Künstlerin die Plakate zu Objekten umformt, konserviert sie das analoge Material für zukünftige Generationen. Mit „Stadtgeflüster“ erschafft Ariane Kipp eine einzigartige Serie von Kunstwerken, die mit ihrer Ästhetik und mit ihren verschiedenen Bedeutungs- und Deutungsebenen einen deutlichen Eindruck bei den Betrachtern hinterlässt und sie in ihren Bann zieht.

Text: Dr. Alexander Rácz, Kunsthistoriker

Berlin, Dezember 2023

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