Bilder aus der Nürnberg-Serie und andere Arbeiten
Kulturscheune der Altstadtfreunde, Zirkelschmiedsgasse 30, 90402 Nürnberg
Do. 12.03. – So. 12.04.2026
Mit der Ausstellung „Ansichten einer bescholtenen Stadt“ präsentiert Christian Vittinghoff in der Kulturscheune der Altstadtfreunde eine konzentrierte Auswahl seiner Nürnberg-Serie. Die Schau vereint jene Arbeiten aus dem Werkkomplex „Die Welt wie sie mir gefällt“, in denen sich der Künstler explizit mit urbanen Bildräumen, kollektiven Zuschreibungen und der psychischen Topografie einer Stadt auseinandersetzt.
Die Stadt als Projektionsraum

Vittinghoff entnimmt seine Motive zivilisatorischen Kontexten. Stadtansichten, architektonische Fragmente, Straßensituationen oder atmosphärische Verdichtungen bilden das visuelle Rohmaterial. Diese Motive werden gesammelt, archiviert und spontan ausgewählt – doch bevor der eigentliche Malprozess beginnt, durchlaufen sie eine Phase intensiver Durchdringung.
Gerade im Falle Nürnbergs, einer Stadt mit historischer Schwere und vielschichtiger Erinnerungskultur, gewinnt diese Auseinandersetzung besondere Relevanz. „Bescholten“ meint hier nicht nur moralische Zuschreibung, sondern die Überlagerung von Geschichte, Gegenwart und öffentlicher Wahrnehmung. Vittinghoffs Bilder sind keine dokumentarischen Stadtansichten; sie sind subjektive Transformationen.
Kontrolle und Kontrollverlust
Charakteristisch für Vittinghoffs Arbeitsweise ist das Spannungsverhältnis zwischen präziser Vorbereitung und radikalem Loslassen.
Die Auswahl der Vorlage, Vorzeichnung, Zeitschema sowie die Vorauswahl der Materialien erfolgen mit beinahe akribischer Genauigkeit. Erst wenn das Motiv „den Körper durchdrungen“ hat – wenn eine innere Auseinandersetzung stattgefunden hat – beginnt der eigentliche Prozess.
Während des Malens und Zeichnens überlässt Vittinghoff dem Bild zunehmend die Oberhand. Die Arbeit entwickelt eine Eigendynamik. Das Werk bestimmt seine Entstehung selbst, zumindest im Idealzustand.
„Ich will nicht wissen, was passiert. Ich lasse es geschehen.“
Dieser Zustand, den der Künstler als „Spirit“ oder Flow beschreibt, ist fragil und kostbar. Er versucht, ein Bild in einem Guss zu realisieren, wenn nötig ohne Unterbrechung durch Schlaf, um die energetische Kontinuität nicht zu gefährden. Jeder Bildprozess erzeugt dabei einen eigenen, unverwechselbaren Rhythmus.
Gezeichnete Malerei – gemalte Zeichnung

Formal bewegen sich die Arbeiten zwischen Zeichnung und Malerei. Linie und Fläche sind gleichberechtigt; Kontur wird malerisch aufgeladen, Farbe erhält zeichnerische Präzision.
In der Nürnberg-Serie verdichten sich urbane Strukturen zu atmosphärischen Bildräumen. Figuration und Auflösung, Narration und Abstraktion stehen in einem dynamischen Verhältnis. Die Stadt erscheint nicht nur als topografische Realität, sondern als emotionales und psychisches Gefüge.
So entstehen Bilder, die weniger abbilden als vielmehr Zustände sichtbar machen – Lebenszustände, Wahrnehmungszustände, gesellschaftliche Spannungen.
Biografischer Kontext
Christian Vittinghoff, 1965 in Würzburg geboren, studierte Malerei an der Academie des Beaux Arts in Brüssel (u. a. bei Symkowitz) sowie an der Akademie voor Schone Kunsten in Antwerpen bei Fred Bervoets. 1992 war er artiste en résidence in Béthune (Frankreich).
Neben seiner Tätigkeit als Bildender Künstler arbeitete er als Bühnenbildner und Ausstattungsleiter, unter anderem am Staatstheater Nürnberg und am Landestheater Schwaben in Memmingen. Von 2006 bis 2010 leitete er am Kulturcentrum Skåne in Lund (Schweden) die Ausstattung sowie den Bereich Bildende Kunst.
Seit 2010 lebt und arbeitet er wieder in Nürnberg. 2011 gründete er das Outsider-Atelier IDYLLEREI-KUNSTRAUM in der WerkStadt der Lebenshilfe Nürnberg und leitet das Festival IDYLLEREI.
Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen, unter anderem im Kunstverein Erlangen, im Loft im Gostner, in der Galerie RFZK Nürnberg, im Kunstverein Weißenhohe, in Schloss Almoshof sowie international in Bern, Antwerpen und Nizza – belegen die kontinuierliche Präsenz seines Werkes.
Ausstellungskontext
Mit „Ansichten einer bescholtenen Stadt“ richtet sich der Blick erneut auf Nürnberg – jedoch nicht als historische Kulisse, sondern als lebendiger Resonanzraum.
Die Ausstellung in der Kulturscheune der Altstadtfreunde (12. März – 12. April 2026) bietet die Möglichkeit, Vittinghoffs prozesshafte Bildsprache in konzentrierter Form zu erleben: als Dialog zwischen individueller Wahrnehmung und urbaner Wirklichkeit, zwischen Kontrolle und Hingabe, zwischen Geschichte und gegenwärtigem Erleben.




