Der Weinstadel in Nürnberg ist mit 48 m Länge Deutschlands größter Fachwerkbau aus dem Mittelalter.

Das Bauwerk wurde kurz vor der Mitte des 15. Jahrhundert am nördlichen Pegnitzufer, genauer am Neuen Bau (heute Maxplatz), errichtet.

Der neue Artikel auf Kunstnürnberg behandelt die Geschichte und Architektur des Weinstadels sowie des benachbarten Wassertums, mit dem der Weinstadel über eine eingedeckte Brücke verbunden ist.

Geschichte des Weinstadels

Nürnberg, Weinstadel, um 1918
Nürnberg, Weinstadel, um 1918
Der große Fachwerkbau wurde in den Jahren 1446 bis 1448 als Sondersiechenhaus von der Reichsstadt Nürnberg erbaut.

Bei einem Sondersiechenhaus (mittelhochdeutsch siech = krank, aussätzig) handelte es sich im Mittelalter um ein Seuchenhospital, in dem Leprakranke (Sondersiechen) untergebracht wurden.

Die Stiftung des Sondersiechenalmosens

Nürnberg, Weinstadel und Wasserturm
Nürnberg, Weinstadel und Wasserturm
Das Sondersiechenhaus (später Weinstadel) hatte seinen Ursprung im 1394 gestifteten Sondersiechenalmosen.

Dieses Almosen (materielle Gabe aus Mitleid) wurde gestiftet, um sechs Sondersiechen, also Leprakranke, am Mittwoch, Gründonnerstag und Karfreitag in der Karwoche mit Speisen zu versorgen.

Leprakranken war der Zutritt zur Reichsstadt Nürnberg verboten und sie mussten außerhalb der Stadtmauer leben. Mit dieser Maßnahme versuchte der Nürnberger Rat einer Ansteckung der Bevölkerung zu vorzubeugen.

Die Krankenspeisungen in der Karwoche zogen jedoch zu viele Menschen an, so dass sie zunächst verboten wurden.

Weinstadel, aus: Das alte Nürnberg, 1933-35.
Weinstadel, aus: Das alte Nürnberg, 1933-35.
Albin Mattenheimer: Henkersteg, Nürnberg
Albin Mattenheimer: Henkersteg, Nürnberg
Am Sebalder Kirchhof wurden im Anschluss Sondersiechenschauen (also Beschauungen der Leprakranken) veranstaltet.

Diese Schauen waren bei dem Nürnberger sehr beliebt und entwickelten im Laufe der Jahre einen Volksfestcharakter, so dass die Sondersiechenschauen auf den Neuen Bau (heute Maxplatz) umziehen musste.

Für die Unterbringung der Kranken während der Karwoche wurde das Sondersiechenhaus schließlich 1446 bis 1448 errichtet, das in Kriegszeiten auch als Unterkunft für Schutzsuchende genutzt wurde.

So wurden beispielsweise im Ersten Markgrafenkrieg (1449–1450) die Klosterfrauen aus Pillenreuth im Sondersiechenhaus untergebracht.

Erst 1575 verlegte die Stadt die Sondersiechenschauen nach St. Johannis (1627 verlegte man die Unterkunft für Kranke und die Beschau der Infektiösen in das von der Reichstadt erworbene Schauhaus in der Sebalder Altstadt).

Im Fachwerkbau an der Pegnitz wurden anschließend Handwerker und „arme Kinder“ untergebracht sowie Räume für ein Frauenspinnhaus und ein Hospital freigestellt.

Bereits um 1571 wurde das Erdgeschoss aus Sandstein als Weinlager genutzt – hiervon leitet sich auch der heutige Name Weinstadel ab.

Architektur des Sondersiechenhauses auf dem Neuen Bau

Deutsche Fotothek‎, Weinstadel, Wasserturm [CC BY-SA 3.0 de (http-//creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Deutsche Fotothek‎, Weinstadel, Wasserturm [CC BY-SA 3.0 de (http-//creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Das Sondersiechenhaus wurde in den Jahren 1446- 48 am Neuen Bau außerhalb der vorletzten Stadtmauer am nördlichen Pegnitzufer errichtet.

Es handelt sich um einen 48 m langen Bau mit drei Geschossen und einem ebenfalls dreigeschossigen Satteldach samt Schleppgauben.

Das Erdgeschoss des Bauwerks wurde als massiver Sandsteinbau entworfen.

Darüber ragen zwei Obergeschosse aus Fachwerk empor, die an allen Seiten vor die Mauerflucht des Sandsteingeschosses kragen.

Dieses Vorkragen ist für Gebäude in Nürnberg völlig untypisch.

Die Obergeschosse der Südseite des Weinstadels haben Holzgalerien mit Bretterbrüstungen.

Außerdem sind an dieser Seite auch Wasserspeier aus Metall angebracht.

Die Ostseite beeindruckt dagegen mit einem Dacherker dessen besondere Merkmale ein Spitzbogenfester, ein Schleppdach und Anblattungen sind.

Es handelt sich wahrscheinlich um den ältesten erhaltenen Dacherker Nürnbergs.

Im Osten verbindet ein brückenartiger Bauteil in Fachwerkbauweise, der von einem Satteldach gedeckt wird, das erste Obergeschoss des Weinstadels mit dem benachbarten Wasserturm.

Bombardierter Weinstadel, Wasserturm und Henkersteg
Bombardierter Weinstadel, Wasserturm und Henkersteg
Seit den 1950er Jahren ist im Weinstadel und dem Turm ein Studentenwohnheim untergebracht.

Der Weinstadel wurde nach den heftigen Kriegszerstörungen innen modern umgebaut, um der Funktion als Studentheim gerecht zu werden.

Der Dachstuhl des 15. Jahrhunderts hat sich aber im großen Partien erhalten.

Heute ist der Weinstadel auch Teil der Historischen Meile Nürnbergs.

Wasserturm

Weinstadel, Wasserturm, Henkersteg, Unschlitthaus, Foto: Janericloebe (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons
Weinstadel, Wasserturm, Henkersteg, Unschlitthaus, Foto: Janericloebe (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons
Der Wasserturm gehört seit der Errichtung des Weinstadels im 15. Jahrhundert zum Ensembles des ehemaligen Siechenhauses.

Er wurde über eine eingedeckte Fachwerkbrücke mit dem angrenzenden westlichen Bauwerk architektonisch verbunden wurde.

Der Turm ist aus Buckelquadern errichtet worden und wird über rechteckige Fenster und Scharten beleuchtet.

Der obere Bereich des Turmes wurde dagegen aus Backsteinen gemauert und ist von einem Walmdach gedeckt.

An der Ostseite des Wasserturms sind noch Spuren eines Kamins zu erkennen.

Der Turm entstand früher als der Weinstadel; bereits in den Jahren 1320/25 als nördlicher Wehrstandort des Henkerstegs.

Deutsche Fotothek‎, Weinstadel, Wasserturm [CC BY-SA 3.0 de (http-//creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Deutsche Fotothek‎, Weinstadel, Wasserturm [CC BY-SA 3.0 de (http-//creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
Er war Teil der Pegnitzüberbrückung, die die Sebalder mit der Lorenzer Stadt verbinden sollte.

Mit der Erweiterung der Stadtbefestigung nach Westen verlor der Wasserturm seine Funktion als Teil der Stadtmauer.

Wie der Weiße Turm oder der gegenüberliegende Henkersturm stand der Wasserturm nun im Stadtgebiet. Die neue Nutzung sah die Einrichtung eines Gefängnis vor.

Heute ist der Wasserturm teil der Anlage des Studentenwohnheims.

Literatur

 

  • Günther P. Fehring / Anton Ress: Bayerische Kunstdenkmale. Die Stadt Nürnberg, Kurzinventar, 2. Aufl., München 1977 (unveränderter Nachdruck 1982).
  • Michael Diefenbacher / Rudolf Endres (Hgg.): Stadtlexikon Nürnberg, 2. Aufl., Nürnberg 2000.

 

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