Vom 9. bis 11. Oktober 2026 zeigt der Raum für Kunst 83 beim Art Weekend Nürnberg zehn Positionen zeitgenössischer Malerei unter dem Titel „Meisterklasse Lüpertz & Gäste“.
Der Raum für Kunst 83 ist in diesem Jahr zum ersten Mal Teil des Art Weekend Nürnberg und bereichert das Programm mit aktuellen Positionen zeitgenössischer Malerei. Gezeigt werden Werke von Udo Albrecht, Anja Edelmann, Birgit Egen, Susan Hagemann, Michaela Haigermoser, Petra Kunkat, Brigitte Puschmann, Gabriela Reiner, Andrea Wiegand und Cornelia Zembrod.
Die Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld von Abstraktion, konkreter Kunst und Figuration. Die meisten der Künstlerinnen und Künstler studieren in der Meisterklasse von Markus Lüpertz an der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor, und dort wird Malerei zum Erkenntnisinstrument. Im Sinne der Lüpertz-Maxime gilt nämlich: „Kunst ist nicht dazu da, die Welt zu verschönern, sondern sie zu erkennen.“
Die zehn Positionen haben einen gemeinsamen Nenner, denn sie hinterfragen Weltbilder und Wahrnehmung. Kunstinteressierte sind eingeladen, die unterschiedlichen Bildmotive frühzeitig zu entdecken und mit den Künstlerinnen und Künstlern persönlich ins Gespräch zu kommen.
Was gibt es zu sehen?
Die Positionen folgen der alphabetischen Reihenfolge und werden jeweils anhand einer exemplarischen Arbeit vorgestellt.
Udo Albrecht
Udo Albrechts Turmspringerinnen verharren im Sprung, im Flug und in perfekter Haltung, schwebend zwischen Körperbeherrschung und Schwerelosigkeit. In „Open Window Jump“ erfindet er das Motiv neu, indem er die Figur in einem unbestimmten Innenraum mit atmosphärischem Licht platziert. Das Doppelfenster steht offen und bleibt zugleich verschlossen, und so entsteht eine Projektionsfläche für Fragen nach Freiheit, Geschlechterrollen und Selbstbestimmung. Ist das Fenster ein Ausweg oder eine Bedrohung? Diese Ambivalenz und die Offenheit der Deutung spannen den Bogen zu individuellen Fragen ebenso wie zu gesellschaftlichen Diskursen.
Anja Edelmann
Anja Edelmann reduziert die Figur bis an den Rand der Auflösung. In ihrem Gemälde „That glowing spot“ sitzt ein weiblicher Akt vor einem lichten Grund, der Körper wirkt verletzlich, und auf Idealisierung wird verzichtet. Vom linken Bildrand drängt die Natur ins Bild, darunter Fliegenpilze in leuchtendem Rot, die widersprüchliche Deutungen zulassen. Der Titel lenkt den Blick auf jene Stellen, an denen die Farbe als Ansammlung von Punkten aufleuchtet. Vom Gesicht bleibt nur ein Teil sichtbar, der sich nach oben hin auflöst und unter einer schleierartigen Farbfläche verborgen bleibt. Das wird zur Metapher für Grenzerfahrungen.

Birgit Egen
Birgit Egen öffnet „eine Welt, in der Formen und Farben frei fließen“. In ihren abstrakten, fast informellen Bildern wirken Farben als Farbklang und als Farbspur, die den malerischen Prozess offenlegt. In „BEVOR ES SICH FÜGT“ breitet sich ein lichter Grund aus Blau-, Türkis- und Grautönen aus, durchzogen von nebligen Weißschleiern und ergänzt durch Inseln aus Gelbgrün, Dunkelgrün, Rot und Rosa. Man meint eine Wasseroberfläche zu erkennen, Spiegelungen, vielleicht Seerosen, doch Egen löst diese Ahnung nie vollständig ein.
Schwungvolle Pinselzüge überlagern sich zu einem dichten, bewegten Gefüge, in dem jede Schicht als Spur ihrer Entstehung lesbar bleibt. Damit knüpft sie an das Informel an, das einst die spontane Geste und den Malakt selbst ins Zentrum rückte. Es zählt nicht die fertige Form, sondern die Energie, mit der sie entsteht. Der Titel benennt ein Stadium des künstlerischen Prozesses und macht ihn zum Thema, als lebendigen Vorgang, der sich erst im Sehen der Betrachtenden vollendet.

Susan Hagemann
Im Zentrum der Malerei von Susan Hagemann steht meist der Mensch, und in ihrer künstlerischen Forschung widmet sie sich fundamentalen Fragen des Menschseins. Ihre Bilder thematisieren den Widerspruch zwischen diesem Anspruch und der Unmöglichkeit, das zutiefst Menschliche vollständig im Bild zu bannen. In „Im tiefen Wald“ leuchten aus einem dunklen Grund aus Schwarz, Tannengrün und Violett Gelb, Orange und Rot wie Lichtungen auf.
Die Malerei bewegt sich zwischen Abstraktion und Figuration, denn erst bei genauem Hinsehen sind Gesichter im Dickicht zu entdecken. Verbinden sich Mensch und Tier zu Mischwesen, in denen ein Elefant oder ein Steinbock zu erkennen sind? Das Gemälde scheint keiner äußeren Wirklichkeit zu folgen, Grenzen werden durchlässig, und der Wald wird zum wirkungsvollen Motiv, das in seinen Bann zieht.

Michaela Haigermoser
Michaela Haigermoser verbindet expressive Figuration mit einer bewusst offenen, prozesshaften Malweise. Der menschliche Körper erscheint in einer Art Ausnahmezustand zwischen Spannung und Verletzlichkeit, und Farbe sowie Hell-Dunkel-Kontraste verleihen ihren Arbeiten emotionale Intensität und unmittelbare physische Präsenz. In „Summit Simmet“ sitzt eine Figur mit angewinkelten Beinen vor einem hellen, graublauen Grund, an der Seite ein Stock, im Hintergrund Berge. Der Titel legt nahe, dass hier ein Mensch am Gipfel innehält, erschöpft und zwischen Anstrengung und Zielerreichung.
Die Mütze ist am oberen Bildrand angeschnitten und das Gesicht nicht als Individuum erkennbar, sodass aus dem Einzelnen eine Art Stellvertreter für einen Zustand wird, bei dem Körper und Haltung ins Zentrum rücken. Rot, Orange, Violett und tiefes Blau in kraftvollen Konturen lösen sich immer wieder in Farbfeldern auf, und Farbe tropft herab. Die Malerei zeigt keinen heroischen Erfolgszustand, sondern einen stillen, verletzlichen Augenblick, in dem die Kraft des Aufstiegs im Körper noch nachhallt.

Petra Kunkat
Petra Kunkat nähert sich der Landschaft über Licht, Atmosphäre und bewegte malerische Gesten. In lasierenden, oft verwischten Pinselzügen lösen sich Bäume, Weg und Horizont in Farbschleier auf, und in „Der Weg“ bleibt das Motiv erkennbar, verliert aber seine feste Kontur. Ein heller Pfad führt aus der Tiefe eines Waldes nach oben und zugleich nach vorne, links und rechts stehen Baumstämme, und darüber leuchtet ein gelbgrünes Laubdach. Weiße, senkrechte Pinselspuren steigen auf wie Licht oder Dunst.
Das klassische Motiv der Allee, in der Malerei beliebt und ein mögliches Sinnbild für Perspektive und für den Weg vom Dunklen ins Helle, wird hier zum Weg ins Offene. Betrachtende stehen vor dem Bild selbst am Anfang des Pfades und fragen sich, ob er ins Helle oder ins Ungewisse führt.

Brigitte Puschmann
Brigitte Puschmann verhandelt Zeitlichkeit und untersucht mittels künstlerischer Forschung die Idee des Zeitlosen. Ihre abstrakten Arbeiten bewegen sich zwischen Flächenauflösung und struktureller Ordnung, wobei die Dynamik aus dem Bildaufbau entsteht und die Wirkung allein aus Farbe und Komposition erwächst. In „Timeless“ zieht sich eine Bahn aus Türkis und Mintgrün diagonal durch das Hochformat, dazu kommen Flächen in Bordeaux und Rosé als kraftvoller Komplementärkontrast.
Dahinter öffnet sich eine helle Zone aus Weiß und zartem Grau, durchzogen von feinen, sich kreuzenden Pinselspuren, und alles schwebt auf einem ruhigen, sandfarbenen Grund. Weiche, teils durchscheinende Lasuren sowie kühle und warme Töne bilden einen dynamischen, intensiven Farbklang, der zwischen Spannung und Ruhe schwingt, im Sinne Kandinskys, für den Farbe wie Musik unmittelbar auf das Empfinden wirkt. Wohin wandert der Blick, und wo kommt er zur Ruhe? So entsteht ein Gefühl der Zeitlosigkeit.

Gabriela Reiner
Das Thema Zeit spiegelt sich auch in den Strukturarbeiten von Gabriela Reiner. Im Fokus ihrer künstlerischen Praxis steht das Prozesshafte, das dem Unvorhersehbaren Raum gibt. Ihre Werke entstehen aus handgeschöpftem Papier, gemahlenem Marmor und Pigmenten, und dabei spielen der kontrollierte Zufall sowie die Inspiration durch Formen und Texturen der Natur eine wesentliche Rolle.
Das Werk entwickelt sich aus dem Materialverhalten und dem Faktor Zeit, konkret im Sinne des physikalischen Phänomens der Craquelure. Farblich reduzierte Oberflächen werden von einem Netz aus Rissen durchzogen: Kräftige, verzweigte Linien teilen die Fläche in große Felder, feinere zerlegen sie in immer kleinere Einheiten. Die Risse entstehen beim Trocknen, wenn sich die Spannung im Werkstoff löst. Die Künstlerin schafft die Bedingungen, und das Material bestimmt die Strukturen, sodass Zeit als Spur eines Prozesses sichtbar wird. Vielleicht denkt man an Rinde oder an eine Landschaft aus der Satellitenperspektive, an Mikrokosmos und Makrokosmos.

Andrea Wiegand
Andrea Wiegand übersetzt Beobachtungen in abstrahierte Kompositionen. „Mondmeer (Landung von Apollo 11)“ zeigt eine leisere Seite dieser Bildsprache. Weiche, ineinander verwischte Felder aus Ocker, Olivgrün, Blau und Violett breiten sich in lasierenden Schichten über die Leinwand aus.
Der Titel schlägt eine Brücke zwischen freier Abstraktion und einem historischen Moment: Mondmeere sind weite, dunkle Lavaebenen, die Astronomen einst für Wasserflächen hielten. Bei der ersten bemannten Mondlandung setzte 1969 Apollo 11 auf der Fläche eines Mondmeeres auf, im sogenannten „Mare Tranquillitatis“, dem „Meer der Ruhe“. Klingt diese Bezeichnung vielleicht in der gedämpften Stimmung des Bildes nach? Verändert sich die Wahrnehmung durch dieses Wissen und das Staunen über ein Ereignis, an das sich Menschen bis heute erinnern?

Cornelia Zembrod
Die Werke von Cornelia Zembrod sind stets von reduzierter Bildsprache, von Klarheit und Ruhe geprägt, oft von einer tiefen Kontemplation, die sich unmittelbar auf das Gegenüber überträgt. In einer Welt der ständigen Reizüberflutung schaffen ihre Arbeiten im stillen Farbkontrast einen Raum des Innehaltens und der Reflexion. In „Gewebe der Erinnerung I“ steht ein roter Trenchcoat, von hinten gesehen, vor einer türkisfarbenen Wand. Oben und unten vom Bildrand angeschnitten, füllt er das Hochformat fast vollständig, und die Komplementärfarben steigern sich gegenseitig.
Der Mantel steht da, als trüge ihn noch jemand, doch er ist leer und bewahrt die Haltung eines Körpers. Er wirkt wie eine Hülle, die man abstreift, wenn man sich verändert. Der Titel öffnet eine Meta-Ebene, denn Gewebe ist Stoff und zugleich eine Metapher für das menschliche Gedächtnis, in dem Erfahrungen und Erinnerungen gespeichert sind. So erzählt das Werk von Aufbruch und Abschied, von Befreiung und neuen Wegen und vom Mut, den Veränderung braucht.

Über den Raum für Kunst 83
Der Raum für Kunst 83 wurde im Februar 2026 von Susan Hagemann als Produzentengalerie in Nürnberg gegründet. Den programmatischen Schwerpunkt bilden die klassischen Kunstgattungen Malerei und Skulptur. Kunstsammlerinnen und Kunstsammler sowie Kunsteinsteigerinnen und Kunsteinsteiger finden hier Originalwerke von Studierenden der Meisterklasse Markus Lüpertz der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor ebenso wie von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeiten durch eine originäre Bildsprache überzeugen. So bildet der Raum für Kunst 83 eine lebendige Plattform mit frühzeitigem Zugang zu aktuellen Positionen in lockerer Atmosphäre.
Übrigens hat auch Markus Lüpertz einst eine der ersten Produzentengalerien in Deutschland mitbegründet, nämlich „Großgörschen 35“ in Berlin.

Auf einen Blick
Meisterklasse Lüpertz & Gäste beim Art Weekend Nürnberg
Ausstellungszeitraum: Freitag, 9. Oktober, bis Sonntag, 11. Oktober 2026
Öffnungszeiten: Fr ab 18 Uhr, Sa und So 11 bis 17 Uhr
Sonderprogramm: Sa und So jeweils um 14 Uhr kostenfreie Führung durch die Ausstellung, die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler sind anwesend
Ort: Raum für Kunst 83, Bucher Str. 83, 90419 Nürnberg
Kontakt: Susan Hagemann, Tel. +49 15679 626963, info@raumfuerkunst83.de
Weitere Infos: raumfuerkunst83.de, Instagram @raumfuerkunst83


