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Artist Residency im Krakauer Haus

Das Signal aus dem Turm. Piotr Urbaniec und die Artist Residency des Krakauer Hauses

Von Dr. Alexander Rácz

Wenn an einem Sommertag der Krakauer Hejnał ertönt – jene unvollendete Trompetenmelodie, die seit Jahrhunderten vom Turm der Marienkirche in alle vier Himmelsrichtungen geblasen wird und mitten im Ton abbricht –, dann hört man nicht nur eine Melodie. Man hört eine Institution der Aufmerksamkeit, ein über Generationen tradiertes System von Zeit, Orientierung und Warnung. Der polnische Künstler Piotr Urbaniec hat sich für seine Residenz im Krakauer Haus genau diesen Gegenstand gewählt und damit ein Projekt entworfen, das die Klanggeschichte zweier Städte auf eine Weise verschränkt, die exemplarisch zeigt, was eine Künstlerresidenz im besten Fall leisten kann.

Eine Residenz mit Programm

Bereits zum dritten Mal richtet das Krakauer Haus die Artist Residency: STUDENT aus, in Kooperation mit der Jan-Matejko-Akademie der Bildenden Künste in Krakau. Das Programm wendet sich an Studierende und Doktoranden der Akademie, die über einen Open Call ausgewählt werden, und folgt einer klaren Idee: jungen künstlerischen Positionen die Möglichkeit zu geben, ihre Praxis im internationalen Kontext weiterzuentwickeln und neue Impulse außerhalb des akademischen Umfelds zu gewinnen. Die kuratorische Leitung liegt bei Kasia Prusik-Lutz.

Man sollte den strukturellen Wert solcher Programme nicht unterschätzen. Eine Residenz ist kein Stipendium, das lediglich Zeit und Geld zur Verfügung stellt. Sie ist eine Versetzung, die bewusste Herauslösung des Künstlers aus seinem vertrauten Kontext und seine Konfrontation mit einem fremden Ort, dessen Geschichte, Architektur und Klanglandschaft erst entziffert werden müssen. Im Idealfall entsteht aus dieser produktiven Verunsicherung eine Arbeit, die weder am Herkunfts- noch am Gastort allein hätte entstehen können. Genau dies leistet die diesjährige Ausgabe.

Der Künstler

Foto: Piotr-Urbaniec

Piotr Urbaniec, 1992 in Krakau geboren, zählt zu den interessantesten jüngeren Positionen der polnischen Gegenwartskunst. Seine Ausbildung führte ihn unter anderem an die Akademie der Bildenden Künste in Warschau und an das DAS Theatre in Amsterdam – eine Biografie, die seine Bewegung zwischen den Disziplinen erklärt. Urbaniec arbeitet an der Schnittstelle von visueller Kunst, Installation und Performance; seine Praxis untersucht häufig ortsspezifische Bezüge und narrative Strukturen. Seine Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem im Museum Susch, beim Steirischen Herbst und im Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art in Warschau. Seit 2025 ist er Doktorand an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau.

Vom 22. Juni bis 31. Juli 2026 wird das Krakauer Haus für ihn zum Arbeits- und Ausstellungsraum zugleich. Eine Doppelfunktion, die für das Residenzmodell des Hauses charakteristisch ist und die Trennung zwischen Produktion und Präsentation bewusst aufhebt.

Das Projekt: Übertragung statt Rekonstruktion

Im Zentrum von Urbaniecs Arbeit steht die symbolische Übertragung des Krakauer Hejnałs nach Nürnberg. Entscheidend ist dabei das Wort Übertragung. Es geht ausdrücklich nicht um eine musikalische Rekonstruktion, nicht um das Nachspielen einer Melodie an einem neuen Ort. Es geht um eine Untersuchung dessen, was der Hejnał als Phänomen darstellt: Aufmerksamkeit, Wiederholung, Beobachtung, räumliche Wahrnehmung.

Ausgangspunkt sind zwei historische Figuren, die einander auf bemerkenswerte Weise entsprechen: der Krakauer Hejnał-Bläser und der Nürnberger Türmer beziehungsweise Stadtpfeifer. Beide haben über Jahrhunderte hinweg vom Turm aus Zeit, Orientierung und Gefahr signalisiert. Beide verkörpern eine vormoderne Form der städtischen Wahrnehmungssteuerung: Ein akustisches Frühwarnsystem, das die Stadt als hörbaren Organismus organisierte. In dieser strukturellen Parallele zwischen Krakau und Nürnberg liegt der konzeptuelle Kern des Projekts, und es ist bezeichnend für die Qualität der Residenz, dass sie eine solche Verbindung künstlerisch freilegt.

Für das Krakauer Haus entwickelt Urbaniec eine ortsspezifische Installation und Performance mit Klangobjekten, Spiegeln und mechanischen Elementen. Die besondere Architektur des mittelalterlichen Turms wird dabei ebenso einbezogen wie die akustischen Eigenschaften des Gebäudes selbst. Hier schließt sich der Kreis: Ein Werk über Türme, Signale und Wahrnehmung entsteht in einem Turm und macht dessen eigene Akustik zum Material.

Vom Türmer zur Überwachungskamera

Was Urbaniecs Projekt über die kunsthistorische Reminiszenz hinaushebt, ist seine Gegenwartsdimension. Der Künstler verbindet die historischen Signale mit zeitgenössischen Überwachungssystemen und stellt damit eine Frage, die unbequem und notwendig zugleich ist: Was ist aus dem Türmer geworden? Der wachende Blick vom Turm, einst Schutz und Fürsorge, hat sich in das flächendeckende Auge der Kamera verwandelt. Klang wird bei Urbaniec zum Instrument, mit dem sich diese Verschiebung von Aufmerksamkeit, Beobachtung und Kontrolle erforschen lässt. Historische Signale, moderne Überwachung und die Fragen nach Erinnerung, Zeit und Präsenz verbinden sich so zu einer vielschichtigen Arbeit, die nicht im Historischen verharrt, sondern auf unsere Gegenwart zielt.

In seiner Praxis kooperiert Urbaniec zudem mit dem Musiker Mark Nieuwenhuis. Eine Zusammenarbeit, die die klangliche Dimension des Projekts vertieft und den interdisziplinären Charakter der Arbeit unterstreicht.

Die öffentlichen Programmpunkte

Die Residenz öffnet sich an mehreren Stationen für das Publikum. Vom 10. bis 30. Juli zeigt der ART SPACE des Krakauer Hauses die Ausstellung und das Open Studio und gibt einen Einblick in den Arbeitsprozess, der das Werkstattartige der Residenz sichtbar macht. Vom 10. Juli bis 20. September bespielt eine interaktive Installation die Projektwand an der Fassade des Hauses und trägt die Arbeit in den Stadtraum hinaus.

Den diskursiven Höhepunkt bildet der Artist Talk am 11. Juli um 13 Uhr im ART SPACE. In englischer Sprache geführt, bringt er den Künstler mit der Kuratorin Kasia Prusik-Lutz und Dr. Alexander Rácz zusammen. Das Gespräch öffnet den Arbeitsprozess der Residenz für die Öffentlichkeit und erweitert ihn um kunsthistorische und kuratorische Perspektiven und um die Frage nach den Bedingungen künstlerischer Produktion, nach der Rolle von Residenzen als Orten der Entwicklung und Reflexion sowie nach den Strukturen internationaler Zusammenarbeit. Ein besonderer Moment erwartet das Publikum, wenn Prof. Andrzej Bednarczyk, Rektor der Akademie der Bildenden Künste Krakau, an diesem Tag die Fortsetzung des gemeinsamen Residenzprogramms offiziell bekannt gibt.

Ein Modell für die Zukunft

Mit ihrer dritten Ausgabe etabliert sich die Artist Residency: STUDENT zunehmend als feste Plattform für den künstlerischen Nachwuchs und als Modell lebendiger, internationaler Zusammenarbeit. Das Beispiel Piotr Urbaniec führt vor Augen, warum das so ist. Hier verbindet sich die Förderung einer jungen Position mit einem Werk, das den genius loci beider Städte ernst nimmt und aus ihm etwas Neues gewinnt. Wenn am Ende der Residenz ein Krakauer Signal durch einen Nürnberger Turm klingt, dann hat die Residenz genau das geleistet, wofür sie gedacht ist: Sie hat zwei Städte zum Klingen gebracht.

Artist Residency: STUDENT, Galerie Krakauer Haus, Nürnberg

Dauer: 15.06.–31.07.2026

Öffentliche Programmpunkte:
10.07.2026, 17:00–19:00 Uhr
Open Studio- ARTSPACE Krakauer Haus, Nürnberg
Interaktive Installation an der Fassade des KRAKAUER HAUSES
11.07.2026, 13:00 Uhr
Artist Talk Resident*in mit Dr. Alexander Racz und Kasia Prusik-Lutz
ARTSPACE Krakauer Haus, Nürnberg

Mehr Informationen zum Artist Residency Programm des Krakauer Hauses finden Sie hier.

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