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30 Jahre Krakauer Haus – 9. bis 11. Juli 2026

Kulturelle Zwillinge. Dreißig Jahre Krakauer Haus Nürnberg

Von Dr. Alexander Rácz

Es gibt institutionelle Gründungen, die sich erst im Rückblick als Glücksfälle der Geschichte zu erkennen geben. Das Krakauer Haus in Nürnberg gehört zu ihnen. Wenn das Haus an der Hinteren Insel Schütt in diesem Sommer sein dreißigjähriges Bestehen feiert, dann feiert es nicht allein das Überleben einer Kulturinstitution durch drei wechselhafte Jahrzehnte, es feiert die Plausibilität einer Idee, die Mitte der 1990er Jahre alles andere als selbstverständlich war und die bis heute ihren Seltenheitswert behalten hat.

Eine Gründung im historischen Möglichkeitsfenster

Die Entstehung des Krakauer Hauses und seines Krakauer Pendants, des Nürnberger Hauses, fällt in jene kurze, von Aufbruchsenergie geladene Phase nach dem Ende des Kalten Krieges, in der die politischen Landkarten Europas neu gezeichnet und die kulturellen Beziehungen zwischen Ost und West neu vermessen wurden. Beide Häuser wurden nahezu zeitgleich gegründet: ein Akt der Symmetrie, der mehr ist als eine organisatorische Fußnote. Er beschreibt das Grundprinzip des gesamten Unternehmens: Gegenseitigkeit.

Dass eine Stadt eine eigene kulturelle Einrichtung im Ausland betreibt, ist auch heute noch ungewöhnlich. Dass zwei Städte dies wechselseitig und auf Augenhöhe tun, grenzt an eine Ausnahmeerscheinung. Die Rede von den „kulturellen Zwillingen”, die das Haus selbst pflegt, ist deshalb keine bloße Metapher, sondern eine präzise Beschreibung eines strukturellen Sachverhalts. Es handelt sich nicht um eine Repräsentanz, ein Schaufenster oder ein diplomatisches Aushängeschild, sondern um ein doppeltes Versprechen: Krakau ist in Nürnberg präsent, weil Nürnberg in Krakau präsent ist.

Es gehört zu den Verdiensten des Jubiläums, an die Voraussetzungen dieser Gründung zu erinnern. Die Idee entstand im Rahmen der Städtepartnerschaft beider Städte und wurde von den damaligen Stadtspitzen vorangetrieben, unter ihnen der Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Peter Schönlein. Getragen wurde das Projekt von Anfang an nicht allein durch kommunale Verwaltungsakte, sondern durch das Engagement von Kulturschaffenden, privaten Förderern und Bürgerinnen und Bürgern beider Städte. In dieser Verschränkung von öffentlicher Institution und zivilgesellschaftlicher Initiative liegt ein gutes Stück der Widerstandsfähigkeit, die das Haus über drei Jahrzehnte getragen hat.

Die Mission: Sichtbarkeit, Austausch, Abbau von Stereotypen

Beide Häuser verfolgen dieselbe Mission: die Kultur ihrer Heimatstadt im Partnerland sichtbar zu machen, den Austausch zu befördern, gegenseitiges Verständnis zu stärken und Stereotype abzubauen. Gerade der letzte Punkt verdient kunstkritische Aufmerksamkeit. Denn der Abbau von Stereotypen ist keine Aufgabe, die durch Programmankündigungen erledigt wäre; er vollzieht sich, wenn überhaupt, in der konkreten ästhetischen Erfahrung. Eine Klanginstallation auf der Insel Schütt, eine Zeichnungsausstellung, ein Künstlergespräch leisten diese Arbeit beiläufig und nachhaltiger, als es jede kulturpolitische Absichtserklärung vermöchte.

Bemerkenswert ist die programmatische Doppelbewegung, die das Haus seit jeher kennzeichnet: Einerseits die konsequente Förderung junger, noch nicht etablierter Positionen der polnischen Szene; andererseits die Präsentation arrivierter Künstlerinnen und Künstler von internationaler Ausstrahlung. Diese Spannung zwischen Nachwuchs und Etablierten ist produktiv, weil sie das Programm vor zwei gegensätzlichen Gefahren bewahrt: vor der Beliebigkeit des bloß Neuen und vor der Erstarrung im Kanonischen.

Vom Präsentationsort zum Produzenten

Wer die Entwicklung des Hauses über die Jahre verfolgt, erkennt eine signifikante Verschiebung. Aus einem Ort, der Kultur vor allem zeigte, ist zunehmend ein Ort geworden, der Kultur hervorbringt. Bildende Kunst, Performance, Musik, Literatur, Comic, Animation und neue Medien treten heute in einen kontinuierlichen Dialog; interdisziplinäre und experimentelle Formate haben an Gewicht gewonnen. Unter der kuratorischen Leitung von Kasia Prusik-Lutz hat sich diese Tendenz verdichtet. Das Haus versteht sich nicht länger nur als Bühne, sondern als aktiver Produzent zeitgenössischer Kunst. Ein Anspruch, der im Jubiläumsprogramm dieses Sommers seine konzentrierte Einlösung findet.

Das Jubiläumsprogramm: drei Tage Verdichtung

Vom 9. bis 11. Juli 2026 bündelt sich das Selbstverständnis des Hauses in einem dichten Programm. Den Auftakt bildet am 9. Juli die Vernissage der Ausstellung „Zeichnung / Rysunek / Drawing …” in der Kreis Galerie, kuratiert von Julia Pirko Schröder und Dominik Stanisławski – eine Schau, die Krakauer und Nürnberger Künstlerinnen und Künstler im ältesten und unmittelbarsten aller bildnerischen Medien zusammenführt. Dass das Jubiläum mit der Zeichnung beginnt, ist ein kluges Signal: Es verweist auf das Elementare, auf die Handschrift, auf das, was vor aller Institution kommt.

Der 10. Juli verwandelt den Raum vor dem Haus und die Insel Schütt in ein offenes künstlerisches Feld. Eine historische Straßenbahn – selbst ein Produkt der langjährigen Zusammenarbeit Nürnberger und Krakauer Straßenbahner – fährt durch die Stadt, ehe sich das Programm zum Open Air verdichtet: Begrüßung der Vertreterinnen und Vertreter beider Städte, Aktivierung des audiovisuellen Projekts von Piotr Urbaniec, die Eröffnung von INSELKUNST und der Projektwand. Audio-Performances von Michael Akstaller, Paulina Owczarek, Peter Orins und Talaj Szőke lösen am Abend die Grenze zwischen Publikum, Architektur und Performance auf. Hier wird der Stadtraum selbst zur Bühne – und das Jubiläum vermeidet die Falle der bloßen Selbstfeier, indem es sich nach außen, in den öffentlichen Raum, wendet.

Der 11. Juli schließlich gehört dem Diskurs: Im Artist Talk treffen der Residenzkünstler Piotr Urbaniec, die Kuratorin Kasia Prusik-Lutz und der Verfasser dieser Zeilen aufeinander. In diesem Rahmen wird Prof. Andrzej Bednarczyk, Rektor der Akademie der Bildenden Künste Krakau, die Fortsetzung des gemeinsamen Residenzprogramms bekannt geben. Ein Moment, der das Jubiläum über den Rückblick hinaus in die Zukunft öffnet.

Ausblick

Diese Zukunft hat bereits Konturen. Nach den erfolgreichen Residenzen ist eine gemeinsame Literaturresidenz geplant; Krakau, von der UNESCO als City of Literature ausgezeichnet, bietet dafür einen außergewöhnlich reichen Resonanzraum. Auch das neue Plattformprojekt PORTAL, das Galerien und Off-Spaces beider Städte verbindet, weist über den Tag hinaus.

Dreißig Jahre nach seiner Gründung steht das Krakauer Haus damit nicht als Denkmal seiner selbst da, sondern als lebendiger Beweis dafür, dass kommunale Kulturarbeit europäische Verständigung leisten kann. Die Themen, die Krakau und Nürnberg heute beschäftigen, wie Identität, Erinnerung, Migration, ökologische Verantwortung, sind dieselben. Dass es einen Ort gibt, an dem sie aus zwei Perspektiven zugleich künstlerisch verhandelt werden, ist ein Geschenk, dessen Wert man in diesem Sommer mit gutem Grund feiern darf.


30 Jahre Krakauer Haus

Krakauer Haus, Hintere Insel Schütt 34, 90403 Nürnberg

Mehr informationen unter: krakauer-haus.de

30 Jahre Krakauer Haus Nürnberg - Programm
30 Jahre Krakauer Haus Nürnberg – Programm

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