Mit der neuen Artist Residency: Comic erweitert das Krakauer Haus Nürnberg sein Programm im Jubiläumsjahr um ein Medium, das längst nicht mehr am Rand der bildenden Kunst steht. Comic, Graphic Novel und gezeichnete Erzählung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als eigenständige künstlerische Formen etabliert. Sie verbinden Bild, Text, Sequenz, Rhythmus und gesellschaftliche Beobachtung zu einer Sprache, die weder Illustration noch Literatur allein ist. Genau an dieser Schnittstelle setzt die erste Comic-Residenz des Krakauer Hauses an.
Die eingeladene Künstlerin Marianna Serocka verkörpert dabei eine Haltung, die sich bewusst von der Vorstellung des Comics als industriell produzierter Bildware entfernt. Im Interview grenzt sie ihre Arbeit deutlich von einem Verständnis ab, das Comic vor allem mit großen Formaten der Populärkultur, etwa Marvel oder dem klassischen Beruf des Comic Artists für Magazine, verbindet. Serocka interessiert sich weniger für Auftragsillustration als für ein persönliches, autobiografisch grundiertes Erzählen. Ihr Ausgangspunkt ist nicht die serielle Heldenfigur, sondern das eigene Umfeld: Freundschaften, Partys, alltägliche Begegnungen, Dating, Essen, kleine soziale Verwerfungen und jene scheinbar unspektakulären Situationen, in denen sich ein Lebensgefühl verdichtet.

Gerade daraus entsteht die besondere Qualität ihrer künstlerischen Position. Serockas Comics sind keine Flucht in eine fantastische Parallelwelt, sondern eine Form der Selbstbefragung. Sie zeichnet aus dem eigenen Leben heraus, aber nicht im Sinne bloßer Tagebuchhaftigkeit. Vielmehr verwandelt sie biografische Erfahrung in Bildfolgen, in denen persönliche Erinnerung, Humor, Verletzlichkeit und Beobachtungsschärfe ineinandergreifen. Das Private wird bei ihr nicht ausgestellt, sondern kompositorisch bearbeitet. Aus einzelnen Momenten entstehen narrative Räume, in denen sich eine junge Gegenwart wiedererkennen kann: tastend, widersprüchlich, manchmal komisch, manchmal melancholisch.
Besonders aufschlussreich ist Serockas Hinweis auf ihre Herkunft aus dem ländlichen Raum. Sie spricht von ihrem Dorf, von Geschichten aus der Umgebung, von einer Landschaft, die für sie eine besondere Bedeutung besitzt. In einem ihrer Bücher, das zwischen Comic, Illustrationsbuch und Artbook angesiedelt ist, scheint diese Herkunft zu einem zentralen Motiv zu werden. Natur erscheint dabei nicht nur als Kulisse, sondern als Erfahrungsraum. Serocka beschreibt, dass sie in der Beschäftigung mit Landschaft, Dorfgeschichten und natürlichen Zyklen eine Form von Therapie und Heilung entdeckt habe. Damit verschiebt sich der Comic in einen Bereich, der weit über narrative Unterhaltung hinausgeht: Zeichnen wird zu einer Methode, sich selbst, die eigene Herkunft und die eigene seelische Verfassung zu ordnen.
Für die Residenz im Krakauer Haus ist dieser Aspekt besonders wichtig. Serocka arbeitet derzeit offenbar an einem Projekt, das sich an den Jahreszeiten orientiert. Frühling, Sommer und Winter erscheinen als Kapitelanfänge, als große Illustrationen und atmosphärische Schwellen innerhalb einer Erzählstruktur. Der Zyklus der Natur wird damit in eine grafische Ordnung übersetzt. Man könnte sagen: Serocka denkt Zeit nicht abstrakt, sondern jahreszeitlich, körperlich und landschaftlich. Ihre Bildwelt entsteht aus einem Wechsel von Beobachtung und Erinnerung, von äußerer Umgebung und innerer Resonanz.
Die Residenz vom 4. Mai bis 7. Juni 2026 macht diesen Prozess sichtbar. Das Krakauer Haus wird damit nicht nur zum Ausstellungsraum, sondern zu einem offenen Atelier, in dem künstlerische Arbeit als Entstehung erfahrbar wird. Das ist für das Medium Comic besonders produktiv. Denn gerade hier liegt die künstlerische Entscheidung oft im Unsichtbaren: in der Abfolge der Panels, im Verhältnis von Bild und Text, in der Frage, was gezeigt und was ausgelassen wird, in der Balance zwischen erzählerischer Lesbarkeit und zeichnerischer Offenheit. Serockas Arbeitsweise, die vom autobiografischen Fragment über die Beobachtung des Alltags bis zur Verdichtung in größere Bildzyklen reicht, eignet sich in besonderer Weise für ein solches Residency-Format.
Kunstkritisch betrachtet liegt die Stärke des Projekts darin, dass Comic hier nicht pädagogisch legitimiert werden muss. Das Krakauer Haus behandelt ihn nicht als populärkulturelles Beiwerk, sondern als eigenständige Kunstform. In Serockas Arbeit wird deutlich, warum diese Neubewertung notwendig ist. Der Comic kann erzählen, aber er muss nicht linear erzählen. Er kann dokumentieren, aber er bleibt nicht Dokument. Er kann autobiografisch sein, ohne privatistisch zu werden. Er kann leicht wirken und zugleich existenzielle Fragen berühren. Gerade diese Durchlässigkeit macht ihn zu einem der vitalsten Medien der Gegenwart.
Zugleich erfüllt die Residenz eine kulturpolitische Funktion. Seit drei Jahrzehnten stärkt das Krakauer Haus die Verbindung zwischen Krakau und Nürnberg. Mit der Comic-Residenz wird dieser Austausch in eine zeitgenössische, junge und international anschlussfähige Form überführt. Krakau erscheint dabei nicht nur als Partnerstadt, sondern als aktiver Ort einer lebendigen Comicszene. Die Einbindung des Comic Museum Krakow und die Präsentation im Rahmen des Internationalen Comic-Salons Erlangen vom 4. bis 7. Juni 2026 geben dem Projekt eine zusätzliche Sichtbarkeit. Die Podiumsdiskussion am 6. Juni 2026 im Kollegienhaus Erlangen mit Artur Wabik, Marianna Serocka und einer Einführung von Kasia Prusik-Lutz verankert die Residenz zudem in einem europäischen Diskurs über Comic, Institution und Szeneentwicklung.
Die kuratorische Leitung durch Kasia Prusik-Lutz ist dabei mehr als organisatorischer Rahmen. Sie steht für eine Programmatik, die das Krakauer Haus seit Jahren prägt: kultureller Austausch wird nicht als repräsentative Geste verstanden, sondern als produktive Begegnung. Die Comic-Residenz ist deshalb kein dekorativer Programmpunkt zum Jubiläum, sondern eine strukturelle Erweiterung des Hauses. Sie öffnet das Portal zwischen Krakau und Nürnberg für ein Medium, das seinerseits permanent Übergänge organisiert: zwischen Wort und Bild, Innenwelt und Außenraum, individueller Geschichte und kollektiver Erfahrung.
Mit Marianna Serocka beginnt diese neue Reihe an einem überzeugenden Punkt. Ihre Arbeit zeigt, dass Comic heute nicht mehr nach Anerkennung suchen muss. Er besitzt sie dort, wo er als künstlerisches Denken ernst genommen wird. Serockas Zeichnungen und Erzählungen machen sichtbar, wie aus Alltag, Herkunft, Naturerfahrung und persönlicher Erinnerung eine grafische Sprache entstehen kann, die leise, genau und gegenwärtig ist. Die Artist Residency: Comic im Krakauer Haus Nürnberg gibt dieser Sprache den richtigen Raum: offen, international, prozesshaft und nah an den Fragen einer jungen europäischen Gegenwart.
omicKRAKAUER HAUS
Hintere Insel Schütt 34, 90403 Nürnberg



