Top 5 This Week

Newsletter

Verpassen Sie keine neuen Artikel mehr!

Neue Artikel

Inselkunst 2026

Die Stadt, gehört. INSELKUNST 2026 zwischen Denkmal und Klang

Von Dr. Alexander Rácz

Zum neunten Mal öffnet das Krakauer Haus in diesem Sommer seine Ausstellung im öffentlichen Raum, und zum neunten Mal stellt sich die Frage, die jede Kunst außerhalb des White Cube unweigerlich provoziert: Was vermag ein Werk, das sich der Kontrolle des Ausstellungsraums entzieht und sich stattdessen dem Lärm, dem Wetter, oder der Gleichgültigkeit der Passanten aussetzt? INSELKUNST 2026, vom 10. Juli bis 20. September auf der Insel Schütt zu erleben, gibt darauf eine doppelte Antwort. Sie kommt von zwei Künstlern, die unterschiedlicher kaum verfahren könnten und sich gerade darin auf das Schönste ergänzen: Filip Rybkowski aus Krakau und Michael Akstaller aus Nürnberg.

Der öffentliche Raum als Frage

Es lohnt, sich den Schauplatz zu vergegenwärtigen. Die Insel Schütt, eingefasst von den Armen der Pegnitz, ist kein neutraler Grund. Sie ist Stadtgeschichte in Stein und Wasser, ein Ort der Durchquerung und des Verweilens zugleich. Die Ausstellung erstreckt sich vom Andreij-Sacharow-Platz über den Hohen Steg bis zum Krakauer Haus. Wer INSELKUNST sehen will, muss gehen. Und genau diese Bewegung des Gehens ist konstitutiver Teil der Erfahrung.

Die Kuratorin Kasia Prusik-Lutz hat die diesjährige Ausgabe unter eine präzise Fragestellung gestellt: Wie lässt sich der öffentliche Raum heute als Träger von Erinnerung, Bedeutung und Wahrnehmung lesen. Beide eingeladenen Positionen umkreisen diese Frage, die eine über das Auge, die andere über das Ohr.

Filip Rybkowski: Das tragbare Friedensdenkmal

Im Zentrum von Rybkowskis Beitrag steht die Arbeit The Portable Peace Memorial. Schon der Titel verrät die konzeptuelle Schärfe des Unternehmens. Er ist als bewusste Gegenüberstellung zu Edward Kienholz’ legendärem The Portable War Memorial von 1968 angelegt, jener ikonischen Environment-Arbeit, die das Gedenken an Krieg und Gewalt in ein mobiles, fragmentiertes Denkmal überführte. Rybkowski verschiebt diesen Ansatz radikal: Sein Denkmal richtet den Blick nicht auf die Erinnerung an den Krieg, sondern auf die ungleich schwierigere Aufgabe, den Frieden zu denken: als aktiven, fragilen Zustand, der historisch und zukünftig zugleich ist.

Wo das Kriegsdenkmal seinen Gegenstand gleichsam vor sich hat – das Geschehene, das Erinnerte –, muss das Friedensdenkmal mit einer Leerstelle arbeiten. Frieden besitzt keine ikonografische Tradition, die sich aufrufen ließe; er ist das Unmonumentale schlechthin. Rybkowski begegnet dieser Schwierigkeit mit einer skulpturalen Struktur, die architektonische Fragmente unterschiedlicher kultureller und historischer Herkunft zu einem offenen Körper verbindet. Das Denkmal wird zur Frage an sich selbst: Was bedeutet es, Frieden zu erinnern, bevor er verloren ist? Und wie sähe ein Monument aus, das nicht Stabilität behauptet, sondern Prozess sichtbar macht?

Rybkowskis Praxis insgesamt – zwischen Malerei, Mosaik, Glas, Fotografie, Objet trouvé, Skulptur und Installation angesiedelt – kreist seit Jahren um die politischen und kulturellen Dimensionen von Erinnerung, Authentizität und historischer Überlieferung. Seine Arbeiten operieren mit Fragment, Palimpsest und Zitat; sie zeigen, wie Vergangenheit durch Bilder, Objekte und institutionelle Prozesse immer wieder neu hervorgebracht wird. In Nürnberg, dieser Stadt der überschriebenen und rekonstruierten Geschichte, findet ein solcher Ansatz einen nahezu idealen Resonanzraum.

Michael Akstaller: Where am I?

Während Rybkowski mit der Schwere und Materialität des Skulpturalen arbeitet, wählt Michael Akstaller den entgegengesetzten Aggregatzustand: das Immaterielle, das Akustische, das Flüchtige. Seine Arbeit Where am I? macht Fahrräder – jene übersehenen, allgegenwärtigen urbanen Objekte – zu Trägern von Klang und Sprache. In unregelmäßigen Intervallen senden sie akustische Signale in den Raum und verschieben damit ihre Funktion vom bloßen Gegenstand hin zu einer fragenden, beinahe lebendigen Präsenz.

Das Abgestelltsein, die Orientierung, die Beziehung zwischen Objekt und Umgebung, zwischen Ding und Besitzer: Dies sind die Zustände, die Akstaller verhandelt. Der Stadtraum wird bei ihm nicht länger nur betrachtet, sondern aktiv gehört, als ein Geflecht aus akustischen Spuren, die Wahrnehmung und Zeitlichkeit destabilisieren. Es ist eine subtile, fast subversive Operation. Wer das vertraute Bild abgestellter Fahrräder plötzlich sprechen hört, dem kippt für einen Moment die Gewissheit darüber, was Subjekt und was Objekt im städtischen Gefüge ist.

Michael Akstaller, Künstler, Klangforscher und Kurator, arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und räumlicher Wahrnehmung. Sein interdisziplinärer Hintergrund in bildender Kunst, Medientheorie und Ingenieurwissenschaften erlaubt ihm einen Umgang mit Klang, der diesen nicht als ästhetisches Ornament behandelt, sondern als Erkenntnisinstrument: als Werkzeug zur Erforschung von Raum, Bewegung und sozialer Erfahrung.

Komplementäre Positionen

Das kuratorische Kalkül, diese beiden Künstler zusammenzuführen, geht auf. Rybkowski und Akstaller stehen für entgegengesetzte ästhetische Strategien. Hier die verdichtete skulpturale Form, dort die entgrenzte akustische Spur; hier das Sichtbare, dort das Hörbare; hier das Denkmal, dort das Signal. Doch beide eint die Überzeugung, dass der öffentliche Raum mehr ist als Kulisse: ein Träger von Bedeutung, der gelesen, gehört und befragt werden will.

Die Vernissage am 10. Juli um 18 Uhr, eingebettet in die Jubiläumsfeierlichkeiten des Krakauer Hauses, erweitert die Ausstellung bewusst um eine performative Dimension. Ein kuratorischer Rundgang mit den Künstlern führt zu den Arbeiten im Stadtraum; Audio-Performances von Akstaller, Paulina Owczarek, Peter Orins und Talaj Szőke an der Pegnitz und vor dem Haus schaffen eine Brücke zwischen Installation und Konzertbühne. So wird INSELKUNST zu einem hybriden Format zwischen Skulptur, Klang und Performance, in dem sich die künstlerischen Konzepte gegenseitig durchdringen.

Am 20. September, zur Finissage, laden Stadt(ver)Führungen ein letztes Mal dazu ein, die Insel anders zu sehen und zu hören. Wer sich bis dahin auf das Wagnis einlässt, durch diese Ausstellung zu gehen, wird die Stadt danach mit anderen Sinnen wahrnehmen, und vielleicht erkennen, dass das Monumentalste, was Kunst im öffentlichen Raum heute leisten kann, gerade der Verzicht auf das Monument ist.

Inselkunst 2026 - Michael Akstaller und Filip Rybkowski
Inselkunst 2026 – Michael Akstaller und Filip Rybkowski

Newsletter

Verpassen Sie keine neuen Artikel mehr!

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Popular Articles