Die Kunsthistorikerin Eva Schickler hat ein Interview mit der Künstlerin Sarah Erath geführt, die gerade ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Pinder Park in Zirndorf hat.

Sarah Erath: Blick in die Ausstellung © Sarah Erath
Sarah Erath: Blick in die Ausstellung © Sarah Erath

Sarah Erath über die Ausstellung „TEXT ung“ in der Galerie Pinder Park in Zirndorf bei Nürnberg

  • Ausstellungsdauer: 17. Oktober bis 29. November 2014
  • Öffnungszeiten: Do 15:00 – 17:00 UHR, Fr 15:00 – 17:00 UHR, Sa 11:00 – 13:00 UHR
  • Adresse: GALERIE PINDER PARK, Im Pinderpark 7, 90513 Zirndorf
  • Webseiten: www.kunstverein-zirndorf.de und www.sarah-erath.de
Sarah Erath: Wasauchimmerheutegeschieht, 2013, Karton, Laserschnitt, 30 x30 cm, © Sara Erath
Sarah Erath: Wasauchimmerheutegeschieht, 2013, Karton, Laserschnitt, 30 x30 cm, © Sara Erath

Sarah Erath hat 2013 das Studium der Bildhauerei und Konzeptkunst bei Prof. Ottmar Hörl an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg als Meisterschülerin abgeschlossen

Ihre Arbeiten waren unter anderem im Kunstverein Kohlenhof in Nürnberg, aber auch schon in Polen zu sehen.

Dem einen oder anderen ist sie vielleicht durch den Skulpturenentwurf einer überdimensionalen gelben Bade-Ente für den Kreisel am Ortseingang in Hersbruck, der den 1. Preis erhielt, ein Begriff.

Dieser Vorschlag hat 2011 für viel Furore und mediale Aufmerksamkeit gesorgt. In der Galerie im Pinder Park kann man noch bis zum 29. November 2014 die erste Einzelausstellung der Künstlerin besuchen.

Sarah Erath: rain, 2014, Mdf, Lack, Laserschnitt, 120 x 80 cm, © Sara Erath
Sarah Erath: rain, 2014, Mdf, Lack, Laserschnitt, 120 x 80 cm, © Sara Erath

Eva Schickler: Für Deine Einzelausstellung in der Galererie Pinder Park in Zirndorf hast Du ein Ausstellungskonzept mit dem Titel „Text ung“ erarbeitet. Worauf spielt der Titel an? Und wie kam es zu der Idee dieses Ausstellungskonzepts?

Sarah Erath: Ich arbeite gerade viel mit Text, inhaltlich, formell, experimentell, in allen möglichen Varianten. Der Titel spielt mit einem Ausdruck, den es so gar nicht gibt, der sich aber so anhört als wäre er ein normales Wort. Man muss erstmal nachlesen, ob es das Wort überhaupt gibt – man ist nicht sicher. Ich habe es dann noch dazu auseinandergenommen und mit Abstand wieder zusammengesetzt. Also, das gemacht, was ich auch in meinen Arbeiten versuche, zu spielen, zu verfremden, und gleichzeitig in dem Schrift, Text, Inhalt – Gefüge zu bleiben, das mir ein Gerüst gibt, Arbeitswerkzeug, wenn man so will bzw. den Rahmen bildet innerhalb dessen ich mich gerade bewege.

Eva Schickler: Woher stammt Deine Vorliebe für Text als Kunst, für die künstlerische Auseinandersetzung mit Text, Worten, Buchstaben?

Sarah Erath: Text spricht mich zum einen durch seine formale Ausprägung an. Diese Klarheit, dieses ausgeklügelte System, das auf Größenverhältnissen und Formzusammenhängen besteht. Die an sich schon, je nach Schriftart eine ganz eigene Ästhetik besitzen. Und zum anderen transportiert Text im Normalfall einen Inhalt. Er hat „etwas zu sagen“. Etwas ist wichtig genug, aufgeschrieben und transportiert zu werden. Text haftet für mich immer ein bisschen Ehrfurcht an, es geht um Wissen, um Literatur oder Gesetze, etc. Wir haben hier also ein Medium, dass die zwei für mich wichtigsten Zutaten für meine Kunst schon an sich beinhaltet, zum einen die Form und zum anderen den Inhalt. In meinen Arbeiten bewege ich mich zwischen bzw. mit diesen beiden Polen.

Sarah Erath: ICH, 2013, MdF, Farbe Baustahl, 50 x 30 x 10 cm, © Sara Erath
Sarah Erath: ICH, 2013, MdF, Farbe Baustahl, 50 x 30 x 10 cm, © Sara Erath

Eva Schickler: Die Text-Arbeiten hast Du als Skulptur, Papierarbeit und Objekt realisiert. Ein Motiv, das ins Auge fällt, ist das der Ernährung, es wird beispielsweise in dem Werk mit dem Titel „angerichtet“ thematisiert. Wir sehen eine tischartige Konstruktion mit Beinen aus Baustahl über die eine Art Tischdecke mit ausgeschnittenem Text gelegt ist. Worum geht es dabei?

Sarah Erath: Das „Über“-thema in meinen Arbeiten ist der Text als Transportmittel für Information. Text ist ja meist mit Inhalt verbunden, er enthält eine „message„. Etwas steht Schwarz auf Weiß, hat an sich erstmal eine gewisse Aussagekraft, will z.B. informieren, belehren oder erklären. Ich wollte in dieser Arbeit dem Text die „inhaltliche Strenge“ nehmen, ihn auf andere Weise sichtbar machen. In das Tischtuch eingeschnitten wirkt er eher wie Verzierung oder ein Muster und ist dennoch stark präsent. Er ist noch lesbar, wenn man die Arbeit aus der Nähe betrachtet. Die Idee war, zu zeigen, wie stark das Essen in unserer Gesellschaft belastet ist mit „Wissen“ bzw. Vorgaben und Empfehlung zur richtigen und gesunden Ernährung. Man kann sich nicht mehr einfach an den Tisch setzen und essen, man überlegt vorher was hat welchen Ernährungswert, ist es gesund, hält es jung.

Sarah Erath: Blick in die Ausstellung © Sarah Erath
Sarah Erath: Blick in die Ausstellung © Sarah Erath

Eva Schickler: Ja, das ist wahr und es hängt auch mit der Problematik zusammen wie wir mit unserer Umwelt umgehen und wie sich das auf unsere Lebensgrundlage, also unsere Existenz letztlich auswirkt. Glaubst Du, dass Kunst die Welt verändern kann?

Sarah Erath: Nein, das denke ich nicht, sie kann höchstens die Wahrnehmung einiger Menschen verändern, bestenfalls andere Blickwinkel aufzeigen oder neue Interpretationen anbieten. Es ist ja auch nicht so gedacht. Ich sehe meine Kunst nicht als Mittel, die Welt zu verändern, da gäbe es bestimmt bessere Möglichkeiten. Es geht eher darum, bestimmte Wege zu verfolgen, bestimmte Interessen und in ausgewählten Themenbereichen tiefer zu forschen. Wenn, dann würde ich Kunst eher mit Forschung vergleichen, Dinge ausprobieren, versuchen Grenzen auszuloten, Themen bis hin zur Unkenntlichkeit bearbeiten und noch eins drauf setzen. Neue Herangehensweisen suchen für – seien wir mal ehrlich – eine begrenzte Anzahl an Themenbereichen.

Sarah Erath: Code, 2014, Mdf, Lack, Laserschnitt, 70 x 50 cm, © Sarah Erath
Sarah Erath: Code, 2014, Mdf, Lack, Laserschnitt, 70 x 50 cm, © Sarah Erath

Eva Schickler: Wenn es gelingt, die Wahrnehmung einiger Menschen ein wenig zu verändern, dann hat man als Künstler ja schon einiges bewirkt und im Grunde alles richtig gemacht. Barbara Leicht hat in Ihrer Rede über Deine Arbeit gesagt, dass Du durch das Wegnehmen von Material, also durch das Ausschneiden der Buchstaben mit Laser auch eine Art Denk-Raum schaffst. Das Konzept bildetimmer die Basis. Welche Rolle spielen Technik, Material und „Farbe“ in Deiner Arbeit?

Sarah Erath: Die Technik, also das Lasern ist eigentlich zur Unterstützung der Ästhetik gedacht. Schrift ist ein komplexes aber sehr exaktes System von Zeichen, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten gehorchen. Diese Exaktheit und Klarheit, diese Eindeutigkeit wollte ich in meine Arbeiten aufnehmen, als schwerpunktmäßiges Gestaltungsmittel, da allein darin schon die Erhabenheit von Schrift mitschwingt, welche dem Betrachter schon optisch klarmacht, dass es sich hier um etwas „offizielles“ handelt, etwas wertiges, das schon als System durchdacht ist und Inhalt überträgt. Mit dem Material experimentiere ich, da ist noch nichts festgelegt. Das entscheide ich, je nachdem was zur Arbeit passt, bzw. was sich technisch umsetzen lässt. Die Farbigkeit, die ja hauptsächlich aus der Farbe Weiß besteht, verwende ich einerseits, um so zurückhaltend wie möglich aufzutreten, andererseits um Licht und Schatten Raum zu geben, also, eine bestimmte Offenheit, aber auch Klarheit zu erzielen und da Schrift ja ursprünglich auch mit Papier zu tunhatte, bzw. meist auf weißem Hintergrund erscheint. Die Farbe ist also eine Art logischer Konsequenz.

Sarah Erath: angerichtet, 2013, Baustahl, Wachstuch, Laserschnitt, 70 x60 x 40 cm, © Sara Erath
Sarah Erath: angerichtet, 2013, Baustahl, Wachstuch, Laserschnitt, 70 x60 x 40 cm, © Sara Erath

Eva Schickler: Deine Arbeiten sind ja sehr exakt gearbeitet, mit Ausnahme der Strafarbeiten-Serie wird individueller Gestus, eine künstlerische „Handschrift“ bewusst vermieden, da es dem Konzept entspricht. In den Papierarbeiten kann man zunächst, auf Grund der vielen Überlagerungen der Linien, die Bedeutung nicht mehr lesen, nicht mehr erkennen. Erst der Titel wie zum Beispiel „Wasauchimmerheutegeschieht“, gibt einen Hinweis. Wie entstehen solche Werke? Am Computer? Mit dem Schriftenplotter? Vielleicht magst Du etwas zu den technischen Möglichkeiten, die Du für die Erarbeitung Deiner Werke nutzt sagen?

Sarah Erath: Diese Arbeiten entstehen natürlich erstmal in meinem Kopf. Dann verwende ich den Computer um Entwürfe zu machen. Das hat für mich den großen Vorteil mit relativ wenig Materialaufwand viele verschiedene Versionen und Skizzen zu machen. Die Dateien für den Laser entstehen genauso, wobei ich immer Vordrucke mache, man kann einfach Größenverhältnisse und Wirkung in natura viel besser beurteilen, als am Bildschirm. Beim Lasern schließlich geht es eher darum, das Material zu prüfen und auszuprobieren, wie es sich verhält und ob es sich für eine Arbeit eignet. Und natürlich wie tief und wie stark geschnitten werden muss, etc.

Sarah Erath: Nur manchmal, 2014, Spiegelfolie, 25 x 60 cm, © Sarah Erath
Sarah Erath: Nur manchmal, 2014, Spiegelfolie, 25 x 60 cm, © Sarah Erath

Eva Schickler: In der Serie „Strafarbeiten“ mit den handschriftlich wiederholten Sätzen in Kreide auf Laserdruck „Ich kann nicht alles haben“ und „Ich muss meine Suppe auslöffeln“, wird man einerseits unmittelbar an die eigene Kindheit und Schulzeit erinnert, andererseits berühren einen diese auch unmittelbar sowie in der Arbeit „ICH“, ein Objekt aus drei hintereinander gestaffelten Buchstaben in einem Gestell aus Baustahl als Halterung, als Rahmen, in dem sich das ICH entfalten, aber auch neu konstituieren kann, geht es letztlich hinter dem Text auch immer um den Menschen an sich?

Sarah Erath: Genau, davon handeln meiner Meinung nach fast alle Kunstwerke, der Künstler sucht natürlich nach Themen, die die Menschen interessieren, bzw. im weitesten Sinne von ihren Erfahrungen und Erlebnissen handeln. Die Strafarbeiten-Serie spielt mit einer Erfahrung, die jeder schon einmal gemacht – oder zumindest miterlebt hat. Diese gebetsmühlenartige Wiederholung von Sätzen, um sie sich einzuprägen, oder als Strafe nach einem Vergehen, geht bis in die Kindheit zurück. Wobei die hier gewählten Sätze absichtlich so gewählt sind, dass sie hinterfragbar sind. Es sind Phrasen, die dem „Volksmund“ entnommen sind, die also jeder kennt, bei denen man aber fragen könnte, ob es so ist bzw. sein muss und wer hier eigentlich spricht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Eva Schickler am 04. 11. 2014

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