Aktuelle Ausstellung “lichten” in der Oechsner Galerie – 25. Juli bis 19. September 2020

KunstNürnberg: Du hast von 1990 bis 1997 in Nürnberg an der Akademie der Bildenden Künste studiert und hast dann in den Jahren 1999 bis 2000 am Chelsea College of Art and Design London dein Diplom gemacht. Was hat dich bewogen wieder nach Nürnberg beziehungsweise Fürth zurückzukehren?

Andreas Oehlert: Was mich bewogen hat London wieder zu verlassen? In erster Linie die Finanzen. Ich hatte zwar ein DAAD-Stipendium, trotzdem hat das Geld vorne und hinten nicht gereicht, obwohl ich auch einen Job angenommen habe.

Ich hatte auch immer Kontakt mit Nürnberg und meinen Freunden hier. Als ich dann den Nürnberger Kulturförderpreis bekommen habe, konnte ich mit dem Geld meine Londoner Schulden genau decken. Dies bewog mich auch nach Nürnberg zurückzukehren. 

Andreas Oehlert, lichten 3, 19 x 14 cm, Aquarell, 2020, Foto: Annette Kradisch

Ich hatte das Gefühl London war einfach für mich zu hart, da ich zu wenig Zeit für meine Arbeiten hatte. Ich kannte das von vielen Bekannten, die in London geblieben sind. Dort bestand das Leben nur aus unterschiedlichen Jobs und den ganzen Tag ist man von A nach B gefahren.

KunstNürnberg: Und das war die richtige Entscheidung? Fühlst du dich hier in der Region wohl?

Andreas Oehlert: Ich habe schon immer mal wieder Lust die Region zu verlassen und bewerbe mich für Stipendien, was manchmal klappt und manchmal eben nicht. Das ist auch sehr wichtig für mich. Aber ich fühle mich hier sehr wohl. Ich habe hier meine Freunde, meinen Lebenspartner und meinen Arbeitsplatz auf AEG. Leider stehen die Atelierplätze auf AEG gerade auf der Kippe. Was auch sehr wichtig ist: ich habe hier ein sehr großes Netzwerk aus Menschen, die mich unterstützen und eine gute Galerie. Warum sollte ich das verlassen? Außerdem müssen ja auch ein paar Leute hierbleiben.

Andreas Oehlert, lichten 5, 19 x 14 cm, Aquarell, 2020, , Foto: Annette Kradisch

KunstNürnberg: Dann lass uns nun über deine Ausstellung in der Oechsner Galerie reden. Sie zeigt deine 15-teilige neue Serie „lichten“ sowie einige Arbeiten der letzten Jahre.

Andreas Oehlert: Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus insgesamt vier Serien der letzten fünf Jahre. Die älteste Arbeit ist von 2015 und die aktuellsten sind aus diesem Jahr. Die großformatigen Arbeiten sind älter und gehören zur Serie „grenzen“, die 2017 begann. Die kleinformatigen Arbeiten gehören zur Serie „lichten“. 

Es war für mich ein Novum, nur Papierarbeiten zu zeigen. Normalerweise mische ich immer Skulpturen, Fotografie und Papierarbeiten. Dieses Mal habe ich mich jedoch ganz bewusst dazu entschieden, mich auf Papier zu konzentrieren. 

Studienarbeit aus Krakau, Ablegen 1992, 28,2 x 23,5 cm, Wasserfarben auf Papier, Foto: Annette Kradisch

KunstNürnberg: Mit der Wahl des Papier kommt man ja automatisch auch auf das kleine Format.

Andreas Oehlert: Interessanterweise ist mir letztes Jahr eine kleine Papierarbeit in die Hände gefallen, die 1992 in meiner Studienzeit in Krakau entstanden ist. Ich habe das Blatt zum Rahmen gegeben und als es zurück kam war ich ganz beglückt von der Arbeit. Denn kleinformatige Papierarbeiten bedeuten auch immer Intimität und Konzentration. Diese Studienarbeit war der Ausgangspunkt für mich, kleine Papierarbeiten zu schaffen und die Serie „lichten“ zu beginnen. Deshalb wird die Zeichnung aus Krakau auch in der Ausstellung gezeigt.

KunstNürnberg: Worum geht es in der Serie „lichten“ und was bedeutet der Titel?

Andreas Oehlert: Der Titel hat einerseits etwas mit der Technik zu tun, die ich hier erstmals anwende und mit der Situation, in der wir uns seit Februar befinden. Für mich hat sich nicht so viel verändert. Ich konnte tagtäglich ins Atelier fahren. Aber natürlich hat die Pandemie beziehungsweise der Virus auch meine Arbeit beeinflusst. Mir war wichtig mit meiner Arbeit Licht in diese Situation zu bringen, also dem Ganzen einen positiven Aspekt ab zu gewinnen. Es wurde zum Beispiel ruhiger in der Stadt und die Straßen haben sich vom Autoverkehr gelichtet. Diese Entwicklungen habe ich genossen und hoffe, dass wir etwas davon mitnehmen.

Andreas Oehlert, lichten 1, 19 x 14 cm, Aquarell, 2020, Foto: Annette Kradisch

KunstNürnberg: Du hast bei „lichten“ eine für dich neue Technik angewendet. Wie bist du beim Zeichnen vorgegangen?

Andreas Oehlert: Anhand des Bildes „lichten 1“ kann man das gut erklären. Die Zeichnungen habe ich auf sehr dickem, 640 Gramm schweren, glatt gestrichenen Papier ausgeführt. Dieses kartonartige Papier habe ich mit einer Farbe, die ich intuitiv festgelegt habe, grundiert. Anschließend wartete ich ein bis zwei Tage und nahm dann mit einem dünnen Flachpinsel und Wasser an bestimmten Stellen die Farbe wieder weg. Ich wusch die Farbe so lange ab, bis ein bestimmter Farbton entstand oder das weiße Papier wieder zum Vorschein kam. Dieser Prozess erfordert hohe Konzentration, da man sehr darauf achten muss, wie viel Farbe man abträgt. Man muss sehr vorsichtig sein.

KunstNürnberg: Wie unterscheidet sich „lichten“ von deinen älteren Serien?

Andreas Oehlert: Das weiße Papier hat in meiner Arbeit schon immer eine Rolle gespielt. Deshalb zeige ich in der Ausstellung auch zwei ältere Werke, die im Jahr 2015 entstanden sind. Hier lasse ich bewusst das weiße Papier durchscheinen und es bleiben Flächen frei. Ich setze das weiß des Papiers als Farbe ein. In der neuen Serie „lichten“ entferne ich Farbe, während ich bei den älteren Arbeiten weiße Flächen ausgespart habe. Das weiß taucht so in einer viel malerischen Art und Weise auf.

Andreas Oehlert, Erwartung 4, 2015 150×104 cm (Blattgröße) Aquarell, Papier, Foto: Annette Kradisch

Meine Arbeiten waren bislang eher Grafiken beziehungsweise der Grafik nah. Bei diesen kleinen Arbeiten der neuen Serie bin ich mit der Machart näher an die Malerei gerückt. Jedes Blatt war für mich extrem spannend, da ich die Regeln, die ich mir sonst auferlege komplett weggelassen habe.

Auf einem Blatt ist zum Beispiel ein Selbstporträt entstanden. Diese Art der Figuration hätte ich mir früher nie erlaubt. Ich sage auch die neue Serie ist wie ein Tagebuch. Es zeigt die einzelnen Empfindlichkeiten, Gefühle, Emotionen, auch Ängste, die in die Arbeiten eingeflossen sind.

Während man sich in großformatigen Bildern in der Fläche verliert, sind die kleinen Formate wie ein kleiner Spiegel, der vor einem hängt. Man muss dazu sagen, dass ich im Stehen arbeite. Die Blätter sind also auf Kopfhöhe vor mir an der Wand befestigt.

Andreas Oehlert, Ausstellungsansicht Vitrine, grenzen (A), 2017 H 253 x B 114 x T 40 cm, Aquarell, Papier, Acrylglas, Holz, Foto: Annette Kradisch

KunstNürnberg: Außerdem zeigst du noch eine großformatige Arbeit aus der Serie „grenzen“, die 2017 entstanden ist.

Andreas Oehlert: Die Arbeit ist von beiden Seiten bemalt und wird hier in einer Vitrine gezeigt. Diese Präsentationsform wurde extra für die Ausstellung gewählt. Sie zeigt einen Zaun und thematisiert im Zuge der Flüchtlingskrise die Grenze. Man kann also sagen, „grenzen“ und „lichten“ beschäftigen sich beide mit krisenhaften Zuständen.

Andreas Oehlert, lichten, Ausstellungsansicht, Foto: Annette Kradisch

KunstNürnberg: Du hast den Boden mit bunten Papierkonfetti bedeckt. Wie viele Kilo waren das? 

Andreas Oehlert: 60 Kilo! Das war ein installativer Eingriff, der zwischen den Werken an den Wänden vermittelt. Da es sich um eine Papierausstellung handelt, war Konfetti auch am naheliegendsten. Außerdem ist es nicht das erste Mal in meiner Arbeit, dass ich Konfetti verwende. Ich hatte in der Ausstellung „Lauter Sachen“, die 2002 in der damaligen Galerie Birner + Wittmann, gezeigt wurde eine Konfetti-Kanone aufgebaut, die mit einer Zeitschaltuhr gekoppelt war. Es gibt außerdem auch Konfettizeichnungen von mir.

Mir war wichtig, dass die Besucher ihre Spuren hinterlassen. Man kann auch mit den Füßen im Bode zeichnen. Der graue Boden kommt so stellenweise zum Vorschein und verschwindet wieder.  So werden die Besucher zu einem Teil der Installation.

KunstNürnberg: Lass uns über den hiesige Kunstmarkt reden. Wie schätzt du die aktuelle Entwicklung in der Stadt Nürnberg ein?

Andreas Oehlert: Man könnte bedeutend mehr machen. Selbstverständlich ist es zur Zeit sehr schwierig, wie wir bei dieser Ausstellung selber gemerkt haben. Wir müssen uns neue Formate überlegen und mutig sein. Ich bin in der guten Situation eine Galerie zu haben, die mich vertritt. Dennoch gibt es in Nürnberg viel zu wenige Galerien. Die Anzahl der Galerien ist in Bezug auf die Größe dieser Stadt betrachtet ein Witz.

Andreas Oehlert, lichten 12, 19 x 14 cm, Aquarell, 2020, Foto: Annette Kradisch

Ich würde mich sehr freuen, wenn wieder mal jemand den Mut finden würde eine Galerie oder einen Ausstellungsraum zu eröffnen. Dies ist natürlich ein schwieriges Unterfangen, da es viel zu wenig Käufer hier gibt. Es ist wichtig neue Formate zu entwickeln, die junge Leute ansprechen. Wir müssen die Begeisterung für Kunst stärken und zeigen, dass es sehr bereichernd ist, sich mit Kunst zu beschäftigen und sich mit Kunst zu umgeben. 

Wir haben aber natürlich auch tolle Sachen in Nürnberg, wie zum Beispiel das Neue Museum, das eine wunderbare Arbeit leistet. Wer die Neupräsentation der Sammlung noch nicht gesehen, sollte das unbedingt nachholen. 

–> http://www.andreas-oehlert.de

Lesen Sie auch diesen Text zur Ausstellung “lichten”.


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