braun ist – bisher – mehr eine Lesung, als ein Theaterstück. Drei Frauen sitzen auf Stühlen in einer Reihe, in den Händen der Text. Sie lesen abwechselnd, manchmal schalten sie die Stehlampen neben ihnen ein und manchmal wieder aus. Manchmal stehen sie auf.

Und manchmal glaubt man, zu verstehen, was da gerade passiert und was da überhaupt vorgelesen wird. Aber nur kurz, die Erkenntnis bleibt flüchtig und die ZuhörerInnen verwirrt.

Es gibt keine Rollen bei braun, nur den Text. Der Text, der viel erzählt: von Erinnerung, Zuneigung und Sprache – aber der eigentlich weder verstanden werden kann, noch will. 

braun vom Schauspielkollektiv Protokoll B – Der Versuch zu Verstehen und das Zulassen des Nicht-Verstehens

Protokoll B, braun, © Dean Bell
Protokoll B, braun, © Dean Bell

Am 15. Juli besuchte das Berliner Schauspielkollektiv Protokoll B Nürnberg, um beim Chaos im Wirrwarr der Gefühle auf dem alten AEG-Gelände ihr Stück braun aus ihrer Trilogie Richtung Dschörmannie zu zeigen. Mit Kunstnürnberg sprachen die Schauspielerinnen Anna Tilling, Carolin Kipka, Dürten Thielk und die Regiseurin Naomi Boyce über ihre Arbeit, ihr Konzept, das Nicht-Verstehen und die Liebe zur Sprache.

kunstnürnberg: Hinter Protokoll B stehen ja noch mehr Leute, als ihr vier. Wie organisiert ihr euch? Wer übernimmt welche Aufgaben?

Carolin Kipka: Also grundsätzlich sind wir fünf Leute im Kernteam. Wir sind alle ausgebildete SchauspielerInnen, einer von uns ist hauptsächlich Regisseur. Je nach Projekt und je nachdem, wie viele Leute wir noch brauchen und was dieses Projekt mit sich bringt, laden wir uns Gäste ein, die da noch für ein Projekt mit dabei sind.

Dürten Thielk: Oft hat man ja auch Theaterkollektive, die noch eine/n DramaturgIn oder eine/n RegisseurIn oder so dabeihaben. Aber da wir nur SchauspielerInnen sind, haben wir eben ein Schauspielkollektiv draus gemacht.

kunstnürnberg: Euer Kollektiv gibt es unter dem Namen seit Januar 2016. Wie habt ihr zusammengefunden und was war euer Anspruch dahinter?

Dürten Thielk: Es fing an damit, dass wir uns jede Woche mit einer Gruppe von Leute getroffen haben, um Trainings für SchauspielerInnen zu machen. Jedes Treffen wurde von zwei Leuten geleitet, die neue Übungen eingebracht haben. Der Anspruch war dabei, unser Handwerk zu trainieren, so wie SängerInnen ihre Stimme trainieren und TänzerInnen ihren Spagat üben müssen. Das müssen SchauspielerInnen auch, damit sie dabeibleiben, vor allem, wenn es Phasen gibt, in denen man gerade mal nicht spielt. Daraus hat sich dann eine Gruppe von acht bis zehn Leuten ergeben, die dann aber mehr wollten. Wir hatten irgendwann das Gefühl, dass uns das so nicht weiterbringt. Wenn man an einer Figur arbeitet, hat man ein Ziel vor Augen oder man hat Monologe, Vorsprechen oder ein Stück, mit dem man gerade arbeitet. Also kam der Vorschlag, doch mal zu versuchen, zusammen ein Stück zu erarbeiten. Da haben sich aus diesen zehn Leuten acht gefunden und getroffen. Dann ergab sich auch schon die erste Möglichkeit beim Berliner Festival 48 Stunden Neukölln zusammen als Team etwas zu machen.

Protokoll B, braun, © Dean Bell
Protokoll B, braun, © Dean Bell

kunstnürnberg: braun ist einer von drei Abenden der Reihe Richtung Dschörmannie. Jeder Abend hat einen Text zur Grundlage, der von einer/einem nicht gebürtig Deutschen geschrieben wurde. Was ist der Hintergrund des Textes braun?

Carolin Kipka: Luna Ali hat den Text braun geschrieben. Sie ist gebürtige Syrerin und kam mit ca. sechs Jahren nach Deutschland. Vor ein bis zwei Jahren ist sie nach Beirut gegangen, um geflüchtete syrische Künstler zu interviewen. Luna spricht arabisch, aber nur das Arabisch, was sie mit ihrer Mutter hier in Deutschland spricht. Sie hat die Künstler dort interviewt und alles aufgeschrieben. Daraufhin hat sie sich all die Fragen gestellt, die sie im Text verhandelt. Es geht dabei immer wieder um das Verstehen. Ob sie richtig versteht, was man ihr erzählt und wenn sie glaubt, verstanden zu haben, ob die Bedeutung verändert wird, wenn sie es aufschreibt und übersetzt. Sie fragte sich, inwiefern wir uns überhaupt alle verstehen, selbst wenn wir dieselbe Sprache sprechen. Und entfernt man sich von der Wahrheit, wenn man Erzähltes in die Schrift überführt oder anderen weitererzählt? An sich selbst stellte sie dann die Frage, ob sie überhaupt das Recht dazu hat, so einen Text aufzuschreiben, da das ja schon die erste Veränderung ist. Das war der Ausgangspunkt für ihre Arbeit am Text.

kunstnürnberg: Das Projekt Richtung Dschörmannie entstand aus der Möglichkeit beim Performing Arts Festival in Berlin teilzunehmen. Naomi, du bist die Regisseurin und für das Projekt braun bei Protokoll B dazugekommen. Was waren deine Überlegungen für die Inszenierung?

Naomi Boyce: Für das Performing Arts Festival war unsere Idee, dass der Text eine Lesung bleibt und dass es nicht komplett inszeniert wird. Es sollte sich zunächst alles auf den Text konzentrieren und nicht viel auf der Bühne stattfinden. Wenn wir es dann irgendwann weiterentwickeln, werden wir es auch wirklich für die Bühne inszenieren.

Protokoll B, braun, © Dean Bell
Protokoll B, braun, © Dean Bell

kunstnürnberg: Wo habt ihr inhaltlich den Schwerpunkt gelegt im Stück? Wo habt ihr die Botschaft gesehen?

Anna Tilling: Für uns ist die Hauptbotschaft, – und das haben wir auch mit Luna Ali ziemlich viel besprochen – dass man den Text eigentlich so nicht verstehen kann. Dass es eigentlich darum geht, dass man den Text liest und denkt, man versteht ihn. Es sind ja immer wieder Passagen darin, bei denen man glaubt, dass man den Gedanken endlich mal folgen kann und dann taucht wieder was Neues auf und alles wird wieder umgeworfen. Darauf haben wir uns fokussiert. Wir wollten es genauso rüberbringen und nicht versuchen, irgendwas zu erklären. Sondern es einfach so zeigen, wie es da ist, denn das war Luna Ali auch ganz wichtig. Es ging ihr auch um ihr Gefühl, welches sie hatte als sie in Beirut war. Immer wieder geht es um diesen Zwiespalt, dass man etwas zu Papier bringen möchte und will, dass die anderen verstehen aber sie es ja gar nicht verstehen können und dass man sich gleichzeitig nicht sicher ist, ob man es selber überhaupt versteht. Es gibt in dem Text auch eine Passage, in der Hannah Arendt zitiert wird. Dabei geht es um die Frage, wie Text vielleicht auch gefährlich werden kann, was die Gefahr von Sprache ist, wenn man denkt, etwas verstanden zu haben und es aufschreibt, aber ja möglicherweise ganz falsch wiedergibt. Wie schnell kann der Text zum Machtinstrument werden?

Protokoll B, braun, © Dean Bell
Protokoll B, braun, © Dean Bell

Naomi Boyce: Meine Muttersprache ist Englisch, nicht Deutsch. Ich habe daher auch viel darüber nachgedacht, da ich im Alltag immer noch damit kämpfe. Nicht alles was ich höre und verstehe, kann ich auch immer wiedergeben. Wenn mir zum Beispiel Caro etwas erklärt, habe ich immer Probleme, das an andere weiterzugeben. Ich muss mich immer fragen, wie ich vorgehen muss, wie ich aufpassen kann, damit ich auch üben kann. Beim ersten Lesen von Luna Alis Text, dachte ich, dass es eine Liebesszene sei. Es stand auch „Liebesszene“ drauf. Es geht aber vor allem um die Liebe mit der Sprache, den Kampf mit der Sprache und die Liebe zur Sprache. Bei der Liebe ergeben sich auch immer Kommunikationsschwierigkeiten: Wie kann man sagen, was man fühlt und wie kann man das eigentlich ausdrücken? Denn es ist doch eigentlich so schwierig das zu tun.

Carolin Kipka: Es gibt da eigentlich kein Wort für das, was man gerade sagen will.

Naomi Boyce: Insofern haben wir auch die Liebe als eine Form der Übersetzung. Liebe muss man auch mit dem Körper übersetzten, egal ob absichtlich oder nicht. Das ist auch so mit der Sprache. Manchmal weiß ich gar nicht ob ich ein Wort kenne und dann kommt es plötzlich aus meinem Mund. Ich frage mich dann, wo das jetzt herkommt und woher ich das Wort überhaupt kenne, wenn ich es doch nie gelernt habe oder auf dem Papier gelesen habe. Und das ist wie Liebe, wenn man plötzlich jemanden küsst und sagt: Ich liebe dich. Wir haben auch darüber gesprochen, dass das nicht die gleiche Bedeutung wie im Deutschen hat. Dass, wenn man „I love you“ sagt, dass da mehr drinsteckt

Dürten Thielk: Bei der Auseinandersetzung mit dem Text hat man auch selber die ganz verschiedenen Ebenen der Kommunikation aufgespalten, das war auf einmal so sichtbar. So ist das ja auch im Alltag. Deine Freundin ist schwanger und irgendwann sieht man nur noch Bäuche durch die Stadt wandern. Und so war es auch mit der Kommunikation irgendwie. Man hat sie und ihre Vielfältigkeit plötzlich überall gesehen. Das ist spannend gewesen.

Protokoll B, braun, © Dean Bell
Protokoll B, braun, © Dean Bell

kunstnürnberg: Und wie geht es nun weiter mit braun? Ihr habt ja vor, das Stück noch öfter zu spielen und sogar noch weiter da dran zu arbeiten?

Naomi Boyce: Der Text von Luna Ali ist eigentlich noch nicht fertig, das war nur der erste Teil oder eine erste Idee. Wenn sie ihn dann fertig schreibt, würden wir auch gerne weiter damit arbeiten.

Dürten Thielk: Vielleicht auch irgendwann als Stück auf die Bühne bringen.

Carolin Kipka: Und dann wirklich mehr als Performance und Theaterstück als als Lesung.

Naomi Boyce: Ja, weil das hier für uns wirklich eine Lesung war und nicht mehr.

Carolin Kipka: Mit Absicht. Wir wollten, dass der Text wirklich im Vordergrund steht und frei von Action auf der Bühne.

Anna Tilling: Wir haben auch bestimmt fünf Wochen lang nur den Text analysiert und geschaut, was überhaupt drinsteckt.

Carolin Kipka: Der Text war auch gar nicht für drei Personen aufgeteilt so wie wir ihn gelesen haben, sondern einfach runtergeschrieben.

Anna Tilling: Bei der Arbeit mit dem Text mussten wir immer schauen: Welche Stelle passt wie zu wem? Wie kann wer was machen und so weiter. Jedes Mal, wenn wir was gefunden hatten, haben wir uns für die nächste Probe getroffen, haben das wieder so gemacht wie wir es festgelegt hatten. Und dann haben wir gemerkt, dass wir schon wieder was Neues gefunden hatten. Das hat wirklich so fünf Wochen gedauert, bis wir an einem Punkt waren, an dem wir das Gefühl hatten, dass es jetzt stimmt und wir schauen können, wie wir damit spielen können. Das war wirklich ganz intensive Textanalyse. Irgendwann ist uns dann auch klargeworden, dass wir gar nicht groß was Performatives daraus machen können. Wir wollten ja schließlich auch zeigen, dass der Text eben auch Arbeit ist und was das bedeutet.

Naomi Boyce: Es geht ums Schreiben, Arbeiten, Nicht-Verstehen und Verstehen und das ist ein Teil davon. Ich glaube, wir sind jetzt am Ende der Forschungszeit. Unsere erste Idee haben wir auf die Bühne gebracht, aber es gibt noch viel mehr Text und Arbeit, wie man hoffentlich auch gemerkt hat.

kunstnürnberg: Wir sind gespannt, was folgt! Vielen Dank für das Interview!

Protokoll B: Gerne!

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