Historischer Rathaussaal in Nürnberg – Ein Bürgerentscheid über den „künftigen Umgang mit dem historischen Rathaussaal“ wird am 25. Mai 2014 in Nürnberg durchgeführt.

Nürnbergs historischer Rathaussaal – Artikelserie zum Bürgerentscheid 2004

Der Bürgerentscheid wurde von den Altstadtfreunden Nürnberg e.V. initiiert und stellt die Nürnberger vor zwei Alternativen.

Soll der Rathaussaal in den Vorkriegszustand versetzt werden?  Oder soll ein Konzept umgesetzt  werden, das eine umfangreiche Dokumentation der Geschichte des Rathauses und seiner Kunstwerke  vorsieht, und die verlorene Gestalt des Saals virtuell für die Besucher rekonstruiert.

Historischer Rathaussaal Nürnberg © Michaela Moritz

Der folgende Artikel ist Teil 1 der dreiteiligen Berichterstattung zum Bürgerentscheid über den historischen Rathaussaal in Nürnberg von Kunstnürnberg.

Lesen Sie auch Teil 2 – Die Vorschläge der Altstadtfreunde und der Stadtverwaltung Nürnberg.

Lesen Sie auch Teil 3 – Pro und Contra des Bürgerentscheids zum Rathaussaal in Nürnberg

Der historische Rathaussaal in Nürnberg

Der Historische Rathaussaal war der Schauplatz europäischer Geschichte. Hier entschieden 1526 die Religionsgespräche über die Reformation und hier fand das Friedensmahl statt, das den Dreißigjährigen Krieg beendete, statt. Hier wählte der Nürnberger Rat und empfing den Kaiser. Im Großen Rathaussaal tagte das Gericht. In diesem Artikel wird

  • die Geschichte des Rathaussaals vom 14. Jahrhundert bis heute beleuchtet
  • der Triumphzug Kaiser Maximilians I. von Albrecht Dürer an der Nordwand des Rathaussaales beschrieben.

Die Geschichte des Rathaussaales

Der Nürnberger Rathaussaal im 14. Jahrhundert

Nürnberg, historisches Rathaus, Südseite ©Alexander Racz 2014

Der Große Saal befindet sich im südlichen Gebäudeteil des alten Nürnberger Rathaus.  Er wurde von dem Nürnberger Stadtbaumeister Philipp Groß in den Jahren 1332 bis 1340 gebaut und ist somit älter als der benachbarte Hauptmarkt, der Schöne Brunnen und die Frauenkirche, die ebenfalls im 14. Jahrhundert entstanden sind.

Von den ehemaligen Gebäudeteilen des alten Nürnberger Rathaus hat sich zudem die Ratsstube erhalten, die östlich an den Großen Saal anschließt.

Zwei im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Steinreliefs mit den Darstellungen Kaiser Ludwigs des Bayern (1314-1347) und der Schwertübergabe bzw. Norimberga und Brabantia, die um 1340 entstanden sind, und Teil eines größeren Skulpturenensembles waren, befinden sich noch immer an ihrem originalen Platz in der Ostwand des Saales. Sie gehören zu den wichtigsten profanen Skulpturen des 14. Jahrhunderts in Nürnberg.

Das Ausstattungsprogramm des frühen 16. Jahrhunderts

1521 bis 1528/30 wurde der gotische Saal nach Entwürfen Albrecht Dürers von seinen Schülern und Gehilfen neu ausgestattet. Die Steinreliefs des 14. Jahrhunderts wurden abgeschlagen und durch Wandmalereien ersetzt.

Mit Hilfe von Glasmalereien, Holzvertäfelungen, einer Tonnendecke aus Holz und Wandleuchtern wurde der Rathaussaal im neuzeitlichen Sinne der Renaissance modernisiert. Der Saal legte seine „gotische“ Hülle ab und kleidete sich im „Renaissancegewand“ neu.

Malereien nach Dürers Entwürfen zierten auch die Außenseiten des Rathauses und waren in Resten noch bis in das 19. Jahrhundert sichtbar.  Jedoch waren neben der Dürerwerkstatt auch andere namhafte Künstler  involviert. So schnitze 1522 Veit Stoß den Drachenleuchter, der sich heute im Germanischen Nationalmuseum befindet,  nach Dürers Entwurf für die Ratsstube.

1540 wurde ein bronzenes Gitter von Hans Vischer mit Reliefs im Westteil des Saales installiert.  Es wurde 1806 verkauft und ist heute nur noch in wenigen Fragmente erhalten.

Restaurierung der Malereien nach dem Entwurf Albrecht Dürers

Anfang des 17. Jahrhunderts waren Dürers Malereien bereits „abgeschossen und rußig, das mans fast nit recht mehr sehen, vielweniger die schrifften lesen kan“, wie ein Ratverlaß vom 8. April 1613 feststellte.

Aus diesem Grund wurden 1613 die Künstler Gabriel Weyer, Jobst Harrich, Paul Juvenel der Ältere und Georg Gärtner der Jüngere beauftragt, die dürerzeitlichen Malereien, unter Beibehaltung der Dürerschen Thematik und Vorlage zu restaurieren.

Im Zuge der Arbeiten wurden der Triumphzug Kaiser Maximilians I. an der Nordwand, die Rundbilder der Südwand und ein emblematischer Zyklus auf der Ostwand neu gemalt. Zudem wurden Ost- und Westwand mit Malereien von Gabriel Weyer neu gestaltet. 1621 überarbeitete Gabriel Weyer Dürers Wandbild der Verleumdung des Apelles. 

Im Zuge der Restaurierungsarbeiten wurde auch der gesamte Saal barockisiert, also mit neuen Ausstattungselemente modernisiert. Die Teilnehmer am Friedensmahl zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs, dass 1649 im Nürnberger Rathaus stattfand tafelten also bereits in neuer Kulisse.

Die Restaurierung des Saales in den letzten 150 Jahre

Nach einer Reinigung der Wandmalereien durch Stanislaus Pereira im Jahr 1824 wurden die Wandmalereien in den Jahren 1904 bis 1905 unter der Leitung von Hans Hagemiller restauriert und die barocke Ausstattung bis auf wenige Stücke entfernt.

Große Teile der Malereien wurden neu gemalt, wobei man sich an die dürerschen Vorbilder hielt. 1936 wurden die Wandbilder erneut gereinigt und 1943/45 auf Farbfilm festgehalten, für den Fall, dass das Rathaus durch Bombentreffen beschädigt werden könnte.

Die Zerstörung des Rathauses im Zweiten Weltkrieg

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs wurde das gesamte Rathaus während Luftangriffen schwer getroffen und brannte bis auf das Mauerwerk aus.

Zuvor konnten mobile Ausstattungselemente gerettet werden. Vom Großen Saal standen noch die Südwand und die Ostwand bis zum Ansatz des verbrannten Daches. Der Boden war durchgebrochen und gab den Blick auf die unteren Gewölbe frei.

Der Wiederaufbau des historischen Rathaussaales

1956-58 wurde der ruinöse Rathaussaal wieder aufgebaut und als Rohbau belassen. In den mittelalterlichen Gewölben unterhalb des großen Rathaussaales richtete man eine Gaststätte (heute Zum Spießgesellen) ein. 1977 bis 1978 wurde die Außenseite des Rathaussaales renoviert und erste Pläne für eine Wiederherstellung des Innenbereichs erdacht. 1978 fand eine Ausstellung zur Geschichte des Altes Rathauses statt, die den Rathausbau wieder ins Gedächtnis der Nürnberger Bürger brachte.

1982 bis 1985 wurde der Innenraum mit Wandvertäfelungen und eine Kassettendecks aus Holz rekonstruiert. Die Neugestaltung der Wandmalereien durch den 2003 verstorbenen Künstler Michael Mathias Prechtl musste nach Streitigkeiten über die Entwürfe aufgegeben werden. Der Historische Rathaussaal wird heute für repräsentative Veranstaltungen wie Empfänge oder Konzerte der Stadt genutzt.

Der Triumphzug Kaiser Maximilians I. nach dem Entwurf von Albrecht Dürer

Albrecht Dürer (* 21. Mai 1471 in Nürnberg; † 6. April 1528) entwickelte zusammen mit seinem guten Freund, dem gebildeten Humanisten Willibald Pirckheimer, das Gesamtprogramm für die Neugestaltung des großen Rathaussaales. Dürers Projekt umfasste die künstlerische Ausgestaltung des gesamten Inneren und Äußeren und wurde zwischen den Jahren 1520 und 1521 ausgeführt.

Der Triumphwagen Kaiser Maximilians I. von Albrecht Dürer, Rathaus Nürnberg, Nordwand, Farbdia von 1943/45 ©Zentralinstitut für Kunstgeschichte München
Der Triumphwagen Kaiser Maximilians I. von Albrecht Dürer, Rathaus Nürnberg, Nordwand, Farbdia von 1943/45 © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

Auf der östlichen Hälfte der Nordwand des historischen Rathaussaals befand sich urspr. Albrecht Dürers Darstellung des Triumphzugs Kaiser Maximilians I., die in Temperamalerei ausgeführt wurde.

Die Wandmalerei zeigte einen Prunkwagen, der von zwölf Pferden nach rechts gezogen wird. Auf dem Wagen thront Kaiser Maximilian I. Er wird von 22 weiblichen Allegorien herrscherlicher Tugenden begleitet. Die Tugenden sind mit Inschriften bezeichnet.

Nürnberg, historischer Rathausaal, Moderatio und Providentia / Triumphwagen Nordwand. Farbdia von 1943/45 © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München
Nürnberg, historischer Rathausaal, Moderatio und Providentia / Triumphwagen Nordwand. Farbdia von 1943/45 © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

Der Nürnberger Rat wählte das Thema in Erinnerung an den kurz zuvor, im Januar 1519, verstorbenen Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, in dessen Politik Nürnberg eine wichtige Rolle spielte.

Das der Nürnberger Rat den alten Kaiser im Triumphwagen wie einen römischen Kaiser der Antike zeigte, könnte als „bewusster Affront gegen Karl. V.“ gedeutet werden. Der Enkel Kaiser Maximilans I.  verlagerte seine Interessen und verweigerte der Stadt Nürnberg tradierte Vorrechte.

Karl hielt seinen ersten Reichstag als Kaiser 1521 in Worms ab und nicht, wie es seit Jahrhunderte üblich war, in Nürnberg. Nürnberg hatte mit dem Tod Maximilians I. einen wichtigen Verbündeten verloren. Mit dem Triumphzug Dürers beschwor der Nürnberger Rat die Vergangenheit.

Des Weiteren führte die Dürerwerkstatt, also Dürers Schüler und Gehilfen den Pfeiferstuhl und die Verleumdung des Apelles aus, die die Gerichtsthematik des u.a. als Gerichtsgebäude genutzten Rathausaales künstlerisch umsetzten.

Bei der Verleumdung des Apelles handelt es sich um ein Bildthema, das der antike griechisches Maler Apelles (geb. 375-370 v. Chr.), der ein Zeitgenosse Alexander d. Gr. war, erfunden hatte, wie der griechische Satiriker Lukian (*um 120; † nach 180) berichtet:

Ausschnitt aus der Verleumdung des Apelles / Nordwand. Farbdia von 1943/45 © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München
Ausschnitt aus der Verleumdung des Apelles / Nordwand. Farbdia von 1943/45
© Zentralinstitut für Kunstgeschichte München
Ausschnitt aus der Verleumdung des Apelles / Nordwand. Farbdia von 1943/45 © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München
Ausschnitt aus der Verleumdung des Apelles / Nordwand. Farbdia von 1943/45
© Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

Auf der rechten Bildseite sitzt ein Mann mit langen Ohren, bei denen wenig fehlt, daß man sie für Midas-Ohren halten könnte. Seine Hand ist nach der Verleumdung ausgestreckt, die aus dem Hintergrund auf ihn zukommt.

Neben ihm stehen zwei weibliche Gestalten, die ich als die Unwissenheit und das Mißtrauen ansehe. Von der linken Seite nähert sich ihm die Verleumdung in Gestalt eines außerordentlich reizenden, aber erhitzten und erregten Mädchens, deren Züge und Bewegungen Wut und Zorn ausdrücken:

In der Linken hält sie eine brennende Fackel; mit der Rechten schleift sie einen jungen Mann an den Haaren herbei, der die Hände zum Himmel emporstreckt und die Götter zu Zeugen anruft. Vor ihr her geht ein bleicher, hässlicher Mann mit stechendem Blick, der aussieht, als hätte ihn eine lange Krankheit ausgemergelt: Jeder wird in ihm den Neid erkennen.

Dahinter kommen zwei weibliche Gestalten, die auf die Verleumdung einreden und sie herausputzen und zu schmücken scheinen: Diese sind – wie mir der Museumsführer erklärte – die Arglist und die Täuschung.

Ganz hinten folgt eine trauernde Gestalt in schwarzem, zerrissenem Gewand: die Reue, die sich weinend nach rückwärts wendet und voller Scham die herannahende Wahrheit anschaut.“ Lukian: Calumnia 2, zitiert nach Werner Krenkel: Apelles bei Petron und Lucilius, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock 17,7-8 (1968), S. 689-695. 

Bereits 26 Jahre vor Dürer, um 1495, nahm sich der berühmte italienische Maler Sandro Botticelli (1445-1510) dem Bildthema an.

Die Rundbilder zwischen den Fenstern der Südwand zeigten Tugenden und Gerechtigkeitsdarstellungen. Auf der Westwand war das Jüngstes Gericht dargestellt. Die Außenseite des Rathaussaals wurden mit szenischen Darstellung bereichert. Nach Fertigstellung galt der Saal als einer der größten ausgemalten Säle nördlich der Alpen.

Was hat sich von Dürers Ausgestaltung des Rathaussaales erhalten?

Nürnberg Rathaussaal, Nordwand. Zustand der Bemalung 1613/21 © Gemälde- und Skulpturensammlung der Museen der Stadt Nürnberg
Nürnberg Rathaussaal, Nordwand. Zustand der Bemalung 1613/21
© Gemälde- und Skulpturensammlung der Museen der Stadt Nürnberg

Obwohl der Triumphzug Kaiser Maximilians I. an der Nordwand vollständig verloren ist, kann er anschaulich rekonstruiert werden, wie es von den Altstadtfreunden Nürnberg e.V. gefordert wird.

  • Im Vorfeld der Arbeit an den Wandmalereien fertigte Dürers bereits die sog. Gnadenpforte, ein druckgraphisches Werk für Kaiser Maximilian I., die als Gegenstück zum Triumphzug in Nürnberg gilt.
  • Albrecht Dürer veröffentlichte den Großen Triumphwagen 1522 als achtteiligen Holzschnitt nach seinen Entwürfen von 1518. Ein Blatt maß 228 cm mal 45 cm. Die Serie erschien bis ans Ende des 16. Jahrhunderts in sieben Auflagen. Der Holzschnitt liefert Kenntnisse über Form, Ikonographie und Details für die Rekonstruktion der monumentalen Wandmalereien. Es liegen auch farbige Aquarelle und Federzeichnungen aus Dürers Hand vor. Eine Übertragungder kleinteiligen Druckgraphik und Zeichnungen in die monumentale Wandmalerei ist aufgrundder gattungsspezifischen Merkmale der Druckgraphik im Gegensatz zur Wandmalerei jedoch nur bedingt möglich.
  • Es haben sich wenige Reste der Neumalung von 1613 erhalten.
  • Ferdinand Schmidt fotografierte den Rathaussaal im Jahr 1907. Die schwarzweiß Fotografien sind eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion des Saales. Sie zeigen jedoch nicht den Eindruck der Dürerzeit, sondern die Restaurierungen der Jahre 1613 und 1904/05.
  • 1943-44 wurde der Rathaussaal in Farbe fotografiert. Die unvollständigen Farbdias werden heute im Zentralinstitut für Kunstgeschichte aufbewahrt.
Dürers Triumphzug – eine multimediale Zeitreise im Rathaussaal ©Christian Hertlein
Dürers Triumphzug – eine multimediale Zeitreise im Rathaussaal ©Christian Hertlein

Eine Videoinstallation rekonstruierte mithilfe dieser Quellen den Triumphzug Kaiser Maximilians I. anlässlich des Dürer-Jahres 2012.

Literaturempfehlung zum Rathaussaal in Nürnberg

Ernst Mummenhoff: Das Rathaus in Nürnberg. Mit Abbildungen nach alten Originalen, Maßaufnahmen etc. sowie nach A. von Essweins Entwürfen von Heinrich Wallraff, hrsg. vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg. Nürnberg 1891.

Matthias Mende: Das alte Nürnberger Rathaus. Baugeschichte und Ausstattung des großen Saales und der Ratsstube. Bd 1: Nürnberg: Stadtgeschichtliche Museen 1979 (= Ausstellungskataloge der Stadtgeschichtlichen Museen Nürnberg 15), Nürnberg 1979.

Lesen Sie auch Teil 2 und 3 der Berichterstattung

In Teil 2 der Berichterstattung „zum künftigen Umgang mit dem historischen Rathaussaal“ werden die Vorschläge der Altstadtfreunde Nürnberg e.V. und des Nürnberger Stadtrats vorgestellt.

In Teil 3 der Berichterstattung „zum künftigen Umgang mit dem historischen Rathaussaal“ werden die Pros und Contras der zwei Vorschläge gegenüber gestellt.

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