Der Stadtrat hat am 2. April 2014 im ersten Ratsbegehren der Stadt Nürnberg den Bürgerentscheid beschlossen. Der Bürgerentscheid wurde von den Altstadtfreunden Nürnberg e.V. initiiert und stellt die Nürnberger vor zwei Alternativen. Soll der Rathaussaal in den Vorkriegszustand versetzt werden?  Oder soll ein Konzept umgesetzt  werden, das eine umfangreiche Dokumentation der Geschichte des Rathauses und seiner Kunstwerke  vorsieht, und die verlorene Gestalt des Saals virtuell für die Besucher rekonstruiert.

Auf dem Wahlzettel können die Wähler folgende Frage mit JA oder NEIN beantworten:

Soll die Bemalung des historischen Rathaussaals nach dem durch Bilder dokumentierten Vorkriegszustand aus dem Jahr 1904/1905 rekonstruiert werden?

  • Mit JA stimmen Sie für den Vorschlag der Altstadtfreunde Nürnberg e.V.
  • Mit NEIN stimmen Sie für den Vorschlag der Stadtverwaltung Nürnberg

Der folgende Artikel ist Teil 2 der dreiteiligen Berichterstattung zum Bürgerentscheid über den historischen Rathaussaal in Nürnberg von Kunstnürnberg.

Lesen Sie auch Teil 1, in dem die Geschichte des Rathauses und die Malereien Albrecht Dürers beschrieben werden.

Lesen sie hier Teil 3 – Pro und Contra des Bürgerentscheids zum Rathaussaal in Nürnberg

Rathaussaal Nürnberg ©Michaela Moritz

Die Vorschläge zum Bürgerentscheid über den künftigen Umgang mit dem historischen Rathaussaal in Nürnberg 2014

Der Vorschlag der Altstadtfreunde Nürnberg e.V.  „Hier fehlt doch was!“

Die Altstadtfreunde Nürnberg e.V. setzen sich für eine Rekonstruktion des historischen Rathaussaales nach dem Zustand vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ein. Mithilfe von schwarzweiß Fotografien und Farbdias sollen die verlorenen Wandbilder des Saales neu gemalt werden. Die Arbeiten am Saal wurden 1989 eingestellt und bis heute nicht wieder aufgenommen.

Die Altstadtfreunde Nürnberg e.V. zählen sechs Kernargumente auf, die für eine Neuausmalung sprechen:

  • Die Ausmalung war Albrecht Dürers quantitativ größtes Bildprogramm und wurde jahrhundertelang bewundert.
  • Im historischen Rathaussaal wurde bereits die renaissancezeitliche Tonnendecke aus Holz und  das Gerichtsgitter aus der Vischer-Werkstatt rekonstruiert. Nur die dürersche Ausmalung fehlt zum Gesamteindruck.
  • Die heutige Form wird der herausragenden Bedeutung des Saales in der städtischen Geschichte sowie der Reichs- und europäischen Geschichte nicht gerecht.
  • Als historischer Ort wird das Rathaus heutzutage nur auf die Lochgefängnisse reduziert, da der historische Rathaussaal für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.
  • Das 500-jährige Jubiläum der Ausmalung Dürers im Jahr 2021 soll den Anlass für eine Neumalung geben, die internationale Beachtung fände.
  • Auch in Augsburg wurde der stark zerstörte Goldene Saal rekonstruiert und zieht nun mindestens hunderttausend Besucher an, die Eintritt bezahlen.

Quelle: Altstadtfreunde Nürnberg e.V.  „Flyer Historischer Rathaussaal – Hier fehlt doch was!

Die Altstadtfreunde sprechen sich für eine Rekonstruktion der Wandmalereien des Rathaussaales aus und verweisen auf andere zerstörte Wandmalereien in Bayern, die rekonstruiert worden sind, wie den Goldenen Saal in Augsburg und die Prunkräume in der Residenzen von München und Würzburg.

Die Altstadtfreunde Nürnberg e.V. betonen, dass eine Neuausmalung des Rathaussaales nur in hoher künstlerischer Qualität erfolgen kann. Es existieren nur wenige Maler, die solch ein Projekt durchführen könnten.

Die Ausmalung soll vor allem durch Spenden finanziert werden. Die Altstadtfreunde merken an, dass für das Projekt „Pellerhof“ bereits drei Millionen Euro gespendet wurden.

In einem Flugblatt werden die Altstadtfreunde Nürnberg e.V. bezüglich der Kosten für die Rathaussaal-Ausmalung konkreter. Ich zitiere das Flugblatt im Original:

Die Stadt hat für die Ausmalung des Rathaussaales Kosten von 6,5 bis 9 Millionen genannt. Viele Bürger lehnen angesichts dieser Summe das Vorhaben der Altstadtfreunde ab. Es ist schade, dass die Stadt die Entscheidung der Bürger mit diesen weit überhöhten Zahlen zu beeinflussen versucht.

Mit 9.000.000 € kann man bei einem Stundenlohn von 60 € eine Person 150.000 Stunden beschäftigen. Das sind 73,5 Jahre ohne Urlaub! Zehn Personen könnten demnach 7 Jahre arbeiten und es bleiben noch 430.000 € für Gerüst und Sonstiges übrig.

Jüngere Forschungsarbeiten von Mathias Mende haben ergeben, dass 1613 zehn Personen lediglich 14 Wochen benötigten. (Das Gerüst wurde am 7. April aufgebaut und am 21. August 1613 abgebaut).

Der Maler und Restaurator Franz Haggenmiller hatte in seinem Angebot für die Wiederherstellung des Saales in den Jahren 1904/1905 mit 6 Personen eine Arbeitsdauer von 300 Tagen gerechnet. Das ergäbe nach heutigen Stundenlöhnen Gesamtkosten von unter einer Million.

Ein weitere Beispiel: Das berühmte Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen hat der Maler Werner Tübke 1983 auf 1.722 m²  Leinwand in altmeisterlicher Weise gemalt. Dessen Kosten, umgerechnet auf die Wandfläche des Rathaussaales, ergeben einen Preis von 1.287.000 Euro.

Ist das wirklich zu viel? Stehen dem nicht sogar erhebliche zu erwartende Einnahmen gegenüber?

zitiert nach einem Flugblatt der Altstadtfreunde Nürnberg e.V., das vor der Lorenzkirche verteilt wurde.

Rathaussaal Nürnberg © Michaela Moritz

Der Vorschlag der Stadtverwaltung  Nürnbergs zum historischen Rathaussaal „Bewahren, was ist, erzählen, was war“

Die Stadtverwaltung schlägt einen ganzheitlichen Ansatz vor, der die gesamte Geschichte des Rathauses dokumentarisch aufbereiten soll.

  • Im Entree, der sog. Ehrenhalle des Alten Rathauses, also noch vor dem historischen Rathaussaal, soll die Geschichte der einzelnen Rathausgebäude und ihre Funktion anschaulich präsentiert werden.  Leuchtende Bild/Texttafeln und moderne Medien wie  transportablen Infoscreens könnten hierbei zum Einsatz kommen.
  • Im historischen Rathaussaal will die Stadtverwaltung ein interaktives Informationssystem mit Bildern, Texten und Grafiken installieren. So könnten u. a. bewegliche Informationsstelen und mobile Geräte die Besucher durch die gesamte Geschichte des Saales führen. Das Kulturreferat der Stadt Nürnberg beschreibt drei Varianten des „interaktiven Informationssystems“:

Wer heute den Saal betritt, findet direkt in einem Holzpaneel an der Südwand eine Tafel mit schwarz-weißen Fotos, die äußerst knapp über die Zerstörung des Saales berichtet. An genau dieser Stelle könnte eine zeitgemäße digitale Informationstafel angebracht werden, die weitaus umfassendere Informationen anbieten würde.

Moderne Technik lässt auch die Visualisierung der verschiedenen Bemalungen bis hin zu nicht realisierten Entwürfen, z.B. von Michael Matthias Prechtl, zu. Besucher könnten Minimonitore, ähnlich gängiger Tabletts, in die Hand nehmen und damit z.B. an der Nordwand entlang schwenken. Im Display würde dann die Bemalung aus der gewünschten Zeitebene erscheinen, immer genau der Ausschnitt, auf den der Monitor gerichtet wird. Selbstverständlich wären solche Geräte wie digitale Informationstafeln auch zur Vermittlung von weitergehenden Informationen in Bild und Text geeignet.

Informationsstelen und Touchscreens gibt es nicht nur als feste Einbauten. Sie können auch beweglich gestaltet werden, um die verschiedenartige anderweitige Nutzung des Saales nicht zu stören.

 

  • Temporäre Präsentationen in Form von Projektionen, Multivisionen und Veranstaltungen wie bereits im Dürerjahr 2012, sollen im Rathaus stattfinden.
  • Der Rathaussaal könnte zur Galerie werden, in der Kunstwerke, die sich heute nicht mehr im Rathaus befinden, kurzzeitig ausgestellt werden.
  • Die Stadtverwaltung möchte die vereinzelt in den Fensterlaibungen des südwestlichen Endes des Saales erhaltenen Wandmalereien wissenschaftlich untersuchen lassen und im Anschluss restaurieren.
Rathaussaal Nürnberg ©Michaela Moritz

Die Mehrheit des Stadtrats ist der Ansicht, dass die Malereien Albrecht Dürers durch die verschiedenen Über- und Neumalungen und schließlich durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verloren sind. Eine Rekonstruktion des Zustands von 1904/1905 mithilfe von Fotografien und Farbdias würde dem ursprünglichen Zustand und der 700jährigen Geschichte des Rathaussaales nicht gerecht werden.

Aus diesem Grund möchte die Stadtverwaltung den Rathaussaal zu einem „Geschichte- und Bildungsort“ machen. Ein mehrsprachiges Informationssystem soll den Saal für Nürnberger und Touristen neu erschließen. Mit modernen Medien soll die Geschichte des Nürnberger Rathauses wissenschaftlich fundiert und verständlich für jede Zielgruppe aufbereitet werden.

Das Rathaus soll Teil einer Bildungsmeile werden, deren weitere Stationen die Kaiserburg und das Stadtmuseum Fembohaus sind.

Zur sog. „Historischen Bildungsachse“ hat das Kulturreferat Nürnberg ein Konzept vorgelegt, das Sie hier lesen können.

Quellen:

Kostenschätzung durch die Stadt Nürnberg für die Projekte zum historischen Rathaussaal

Die Stadt Nürnberg schätzt die Kosten für eine Neuausmalung im Sinne der Altstadtfreunde Nürnberg auf 6,5 bis 9 Millionen Euro. Das Konzept der Stadtverwaltung einer „Historischen Bildungsachse“ soll etwa 1,5 Millionen Euro kosten.

Weitere Informationen zur Kostenschätzung finden sie hier.

Rathaussaal Nürnberg © Michaela Moritz

Auf einer Podiumsdiskussion im historischen Rathaussaal fochten die Vertreter der Positionen eisern um die richtigen Argumente.

Lesen Sie hier den Live-Ticker der Podiumsdiskussion im historischen Rathaussaal in Nürnberg mit Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner, OB Ulrich Maly, Karl Heinz Enderle (Altstadtfreunde) und Peter Fleischmann (Staatsarchiv Nürnberg).

Videobeitrag des Bayerischen Rundfunks auf Youtube.

Lesen Sie hier Teil 3 – Pro und Contra des Bürgerentscheids zum Rathaussaal in Nürnberg

©Alexander Racz 2014, Kunstnürnberg

 

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