Der Patrizier Willibald Imhoff (1519-1580) gehört zu den bedeutendsten Nürnberger Kunstsammlern aller Zeiten. In seinem Anwesen am Egidienplatz trug er neben antiken Marmorköpfen, Gemmen und Kameen, einer umfangreichen Münzsammlung und vielen weiteren Objekten auch die größte jemals bestehende Sammlung an Zeichnungen, Graphiken und Gemälden Albrecht Dürers zusammen. Imhoffs Sammlung ist heute, soweit sich die zugehörigen Objekte überhaupt noch identifizieren lassen, verstreut über bedeutende Museen innerhalb und außerhalb Europas.

Der Erlanger Kunsthistoriker Benno Baumbauer traf den Geist des Sammlers vor dessen lebensgroßer Porträtbüste von 1570 im Berliner Bode-Museum, um für Kunstnürnberg ein Interview über seine einstige Sammlung und die Nürnberger Kunstszene des 16. Jahrhunderts zu führen.

Die Sammlung des Willibald Imhoff (1519-1580) – ein Interview zur Nürnberger Kunstszene der Spätrenaissance

Johan Gregor van der Schardt: Büste des Nürnberger Patriziers Willibald Imhoff d. Ä. (einen Ring betrachtend), Nürnberg 1570, gebrannter Ton, originale Fassung. Skulpturensammlung (Inv. 538, erworben 1858, Sammlung Minutoli), Bode-Museum Berlin, Foto: Andreas Präfcke, Wikipedia
Johan Gregor van der Schardt: Büste des Nürnberger Patriziers Willibald Imhoff d. Ä., die Hand mit dem Ring frei rekonstruiert, Nürnberg 1570, gebrannter Ton, originale Fassung. Skulpturensammlung (Inv. 538, erworben 1858, Sammlung Minutoli), Bode-Museum Berlin, Foto: Andreas Präfcke, Wikipedia

Benno Baumbauer: Herr Imhoff, wenn ich diese Terrakottabüste hier von Johan Gregor van der Schardt betrachte, sehe ich einen älteren Mann mit beeindruckendem Rauschebart in tief versunkener Betrachtung eines Ringes in seiner Hand.

Willibald Imhoff: Man muss zwar einschränkend erwähnen, dass die Hand eine spätere Ergänzung ist, und ob mein Ebenbild schon immer so einen Ring betrachtet hat, weiß ich nicht mehr genau. Aber dieser nach innen gekehrte, kontemplative Geist der Figur trifft mein damaliges Selbstverständnis als Kunstsammler schon gut auf den Punkt: Wie viele andere Humanisten auch verstand ich mich als „Melancholikus“ – spätestens mit Dürers Kupferstich Melencolia I war ein solcher Habitus in der Nürnberger Oberschicht ziemlich en vogue geworden.

MetMuseum, Public Domain, Albrecht Dürer, Melancolia I, DP820348, CC0 1.0 Universal (CC0 1.0)
MetMuseum, Public Domain, Albrecht Dürer, Melancolia I, DP820348, CC0 1.0 Universal (CC0 1.0)

Benno Baumbauer: Oberschicht ist ein gutes Stichwort: Sie stammen aus einer der bedeutendsten Ratsfamilien der Reichsstadt Nürnberg – einige Nachfahren gleichen Namens leben bis heute in Ihrer Heimatstadt.

Willibald Imhoff: Meine Vorfahren kamen aus dem schwäbischen Lauingen nach Nürnberg. 1340 nahm mein Urahn Konrad I. das Nürnberger Bürgerrecht an. Die Stadt entwickelte sich ja in dieser Zeit zu einer europäischen Handels- und Finanzmetropole, und sehr bald zählte unser Familienunternehmen zu den ernstzunehmenden Akteuren des transkontinentalen Handels. Gemeinsam mit der erfolgreichen Heiratspolitik meiner Vorfahren führte dies zu einem schrittweisen Aufstieg in der städtischen Ständeordnung. Niklaus Imhoff war 1402/03 der erste Vertreter der Familie im Inneren Rat; zwei Generationen später waren wir dann schon dauerhaft in diesem Gremium vertreten…

Benno Baumbauer: …das ja exklusiv den vornehmsten Geschlechtern der Stadt vorbehalten war: Der Innere Rat lenkte die politischen Geschicke Nürnbergs über gut 500 Jahre. Ihre Vorfahren untermauerten die neue Stellung, wie im Mittelalter üblich, durch prestigeträchtige Kunstaufträge für die Nürnberger Kirchen und nahmen so den öffentlichen Raum für sich in Anspruch – was ist davon heute noch zu sehen?

Willibald Imhoff: Am berühmtesten ist sicher das gewaltige Sakramentshaus, das der Bildhauer Adam Kraft gemeinsam mit seiner Werkstatt 1493-96 für die Lorenzkirche schuf. Es ist derart filigran gearbeitet, dass man Kraft die Fähigkeit nachsagte, Stein schmelzen zu können. Aber das Imhoffsche Wappen findet sich noch auf einer ganzen Reihe weiterer bedeutender Kunstwerke in den Kirchen der Stadt…

Benno Baumbauer: Das Wappen Ihrer Familie ist sehr markant: Es zeigt ein Fabelwesen mit Löwenhaupt und Fischschwanz, das in der Heraldik, also der Wappenkunde, skurriler Weise als Seelöwe angesprochen wird.

Willibald Imhoff: Genau, und dieses Wappen findet sich u. a. auf dem gemalten Imhoffaltar in der Lorenzkirche von ca. 1420 mit einer Darstellung der Marienkrönung. Anders als den meisten Nürnberger Familien gelang es meinen Vorfahren sogar, eine eigene Begräbniskapelle zu unterhalten – die Rochuskapelle auf dem gleichnamigen Friedhof, der sich damals noch vor den Toren der Stadt befand. Die Kapelle befindet sich bis heute im Besitz der Familie. Mittelalterliche Imhoffaltäre haben sich aber auch in den europäischen Dependancen des Familienunternehmens erhalten, so in Breslau und Venedig.

Der Rochusfriedhof im Nürnberger Stadtteil Gostenhof, 2013, Attribution-ShareAlike 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)
Der Rochusfriedhof im Nürnberger Stadtteil Gostenhof, 2013, Attribution-ShareAlike 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)

Benno Baumbauer: Bildete das Imhoffsche Handelsunternehmen auch noch die finanzielle Grundlage für Ihre Kunstsammlung?

Willibald Imhoff: Das ist richtig: Viele andere Nürnberger Ratsfamilien hatten sich zu dieser Zeit bereits aus dem Fernhandel zurückgezogen oder ihre Unternehmen waren bankrott gegangen. Besonders seit dem 16. Jahrhundert galt es vielen Familien nicht mehr als standesgemäß, Handel zu treiben oder anderen „bürgerlichen“ Gewerben nachzugehen. Das Unternehmen meiner Familie war damals aber erfolgreicher denn je: Es war meinen Vorfahren nämlich u. a. gelungen, eine höchst lukrative Monopolstellung im Safranhandel zu erlangen – der Name „Pfeffersack“ für Angehörige der Patrizierfamilien kommt ja nicht von ungefähr. Der Gewürzhandel war eine äußerst spekulative, aber eben auch höchst gewinnbringende Sparte. Erst der Dreißigjährige Krieg führte zum Niedergang der Imhoffschen Handelsfirma – und das war ja bereits ein halbes Jahrhundert nach meinem Tod.

Benno Baumbauer: Sie selbst übernahmen die Leitung des Unternehmens 1570 gemeinsam mit ihren beiden Vettern Andreas II. und Jakob.

Willibald Imhoff: Das war nach dem Tod meines Onkels Andreas I. Mein Vater war früh gestorben, und mein Onkel, der damals der Firma vorstand, hatte die Vormundschaft für mich übernommen. Seit meinem 15. Lebensjahr war ich eigentlich dauernd für das Unternehmen unterwegs. Ich lebte und arbeitete damals teils über mehrere Jahre in Antwerpen und Lyon; auch nach Spanien hat es mich mehrfach verschlagen. In meinem Memorbuch habe ich diese Reisen genau dokumentiert.

Benno Baumbauer: Mit den Handelsreisen nähern wir uns nun auch den Fragen zu ihrer Kunstsammlung.

Willibald Imhoff: Natürlich boten die Reisen viele Möglichkeiten für großartige Ankäufe: Gerade antike Stücke waren in Nürnberg nur schwer zu bekommen, in Lyon dagegen konnte ich eine ganze Anzahl Köpfe römischer Skulpturen erwerben. In Venedig erweiterte ich vor allem auch meine Münzsammlung – Porträtmedaillen waren in meiner Lebenszeit ja der letzte Schrei.

Benno Baumbauer: Kauften Sie auch in Ihrer Heimatstadt?

Willibald Imhoff: In Nürnberg konnte man damals insbesondere Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphik erwerben. Die Reichstage, die in der Stadt abgehalten wurden, waren zugleich ein attraktiver Umschlagsplatz für Kunstobjekte. Zudem bot auch das Zeitgeschehen eine günstige Gelegenheit, gerade zum Erwerb sakraler Kunst: Der Innere Rat hatte sich ja bereits 1525 dazu entschlossen sich Luthers Reformation anzuschließen, was sehr früh war. Eine Folge war, dass die städtischen Klöster aufgelöst wurden, was in einigen Kirchen zum Ausverkauf der Ausstattung führte. Ich selbst war damals erst sechs Jahre alt, aber es gab schon in der vorausgegangenen Generation sehr aktive Kunstsammler in Nürnberg. So konnte ich das wertvollste Gemälde meiner Sammlung, die Glimsche Beweinung von Albrecht Dürer, aus dem Besitz des alten Hans Ebner erwerben – der es wiederum aus der Dominikanerkirche aufgekauft hatte, die sich damals etwa gegenüber dem späteren Fembohaus an der Burgstraße befand.

Albrecht Dürer: Beweinung Christi (Glimsche Beweinung), Alte Pinakothek München, Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)
Albrecht Dürer: Beweinung Christi (Glimsche Beweinung), Alte Pinakothek München,  Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)

Benno Baumbauer: Heute ist das Werk in der Alten Pinakothek in München zu sehen. Machten Sie auch Ankäufe direkt bei Künstlern?

Willibald Imhoff: Albrecht Dürer war ja schon gestorben, als ich ein kleiner Junge war, und Agnes, seine Frau, hatte seine Werke schnell verschleudert. Aber ich hatte guten Kontakt zu Dürers Bruder Andreas, von dessen Witwe ich einige Werke Albrechts erwerben konnte. Auch von dem Maler Georg Pencz habe ich direkt Werke angekauft.

Benno Baumbauer: In diesem Zusammenhang interessant sind die aktuellen Forschungsprojekte zu den Zeichnungen des 14.-16. Jahrhunderts in der Erlanger Universitätsbibliothek, wohin auch Teile Ihrer Sammlung gelangt sind.

Willibald Imhoff: Tatsächlich ist mir selbst erst in jüngerer Zeit klar geworden, welche Bedeutung mein Pergamentalbum mit Zeichnungen u. a. Dürers und der Junker von Prag hatte.

Benno Baumbauer: Die Junker von Prag?

Willibald Imhoff: Im 14. Jahrhundert, zur Zeit Kaiser Karls IV., hatte sich Prag zu einem der bedeutendsten Kunstzentren Europas entwickelt. Eine sehr alte Zeichnung, die über meine Sammlung in die Erlanger UB gelangte, stammt just aus dieser Zeit und wurde später mit der Aufschrift „Junker von Prag“ versehen – und tatsächlich ähnelt der Zeichenstil sehr stark den damals aktuellsten künstlerischen Strömungen am Prager Kaiserhof. Was die Erlanger Sammlung jedenfalls so einzigartig macht, ist die Beobachtung, dass es sich offenbar zu großen Teilen um einen Bestand über mehrere Generationen angesammelter und verwendeter Werkstattzeichnungen, Musterblätter usw. handelt. Und tatsächlich kann ich, nicht ohne Stolz, behaupten, wesentlich an seinem geschlossenen Erhalt beteiligt gewesen zu sein.

Benno Baumbauer: In Ihrem Kunstinventar von 1573 betonen Sie aber mehrfach, dass neben Ihren eigenen Ankäufen besonders glückliche familiäre Umstände zur Entstehung Ihrer Sammlung beitrugen.

Willibald Imhoff: Sie spielen auf das Erbe meiner lieben Tante Barbara Straub an. Sie war, wie meine Mutter, eine Tochter Willibald Pirckheimers…

Benno Baumbauer: …des 1530 verstorbenen Humanisten und Busenfreunds Albrecht Dürers…

Willibald Imhoff: …der eine ansehnliche Sammlung von hunderten Münzen und Medaillen, ca. 70 Goldschmiedewerken, Wandteppichen, Geweihleuchtern und eine große Zahl Gemälde zusammengetragen hatte.

Veit Stoß: Drachenleuchter (Leuchter aus Lindenholz und Rentiergeweih), 1522, H. 48 cm; L. 153 cm; B. 125 cm, Inv. Nr. HG68, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Veit Stoß: Drachenleuchter (Leuchter aus Lindenholz und Rentiergeweih), 1522, H. 48 cm; L. 153 cm; B. 125 cm, Inv. Nr. HG68, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Benno Baumbauer: Was darf man sich unter einem Geweihleuchter vorstellen?

Willibald Imhoff: Naja, eben ein Leuchter, der in seiner Materialität ein kapitales Geweih mit virtuosem Schnitzwerk verbindet. Ein berühmtes Exemplar von Veit Stoß können Sie beispielweise in der Renaissance-Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums bewundern. Solche Stücke waren im 16. Jahrhundert extrem beliebt, weil man alles sammelte, was Kunstfertigkeit und wundersame Naturobjekte in sich vereinte. Jedenfalls war mein Großvater auch als Kenner antiker Bildwerke berühmt, und vermutlich stammten einige der altrömischen Köpfe, die ich von meiner Tante geerbt habe, aus seinem Besitz. Nicht zu vergessen die berühmte Pirckheimer-Bibliothek, die ich selbst allerdings nicht mehr großartig erweitert habe. Da mein Großvater ohne männlichen Erben gestorben und sein Geschlecht dadurch erloschen war, ging eben die gesamte Sammlung an meine Mutter und meine Tante und schließlich zu großen Teilen an mich. Letztlich kann man sagen, dass mit dem Erbe meines Großvaters die wesentlichen Parameter meiner Sammlung gesetzt waren, nicht nur was den Grundstock an Objekten anbelangt.

Benno Baumbauer: Inwiefern noch?

Willibald Imhoff: Insofern, als damit auch die Objektgattungen festgelegt waren, auf die sich meine Sammeltätigkeit im Folgenden fokussierte.

Benno Baumbauer: Zum Erbe Ihrer Tante Barbara Straub gehörte auch das Haus am Egidienplatz, das Sie 1564 gemeinsam mit Ihrer Frau Anna und ihren Kindern bezogen und in dem Sie auch Ihre Sammlung unterbrachten.

Willibald Imhoff: In der Tat. Es handelte sich um eine zweistöckige Vierflügelanlage mit 13 Fensterachsen, die um einen Innenhof angeordnet war. Vor meiner Zeit war dort die berühmte Koberger-Druckerei untergebracht, in der u. a. 1493 die Schedelsche Weltchronik gedruckt worden war. Ich kann zweifelsohne für mich in Anspruch nehmen, dass das Haus am Egidienplatz zu meinen Lebzeiten zur gefragtesten Fürstenherberge der gesamten Stadt avancierte – wozu die Attraktivität meiner Sammlung sicherlich nicht unwesentlich beigetragen hat.

Benno Baumbauer: Kommen wir zum Kern: Was sammelten Sie außer Gemälden?

Willibald Imhoff: Am kostbarsten waren meine über dreißig antiken Marmorköpfe und natürlich meine Dianastatue. Neben Steinbildwerken sammelte ich auch Bronzen und weitere Gussplastik. Antike Stücke waren natürlich wesentlich gefragter als moderne – die Renaissancezeit war ja gerade am Toben. Einen stückmäßig sehr großen Posten machten meine antiken Gemmen und Kameen sowie meine Münzsammlung aus. Dann waren da die Gemälde, über 130 Werke.

Benno Baumbauer: In Ihrem Inventar von 1573 listen Sie 15 Gemälde Dürers und zwei weitere aus seiner Werkstatt – auch wenn heute einige Stücke verschollen sind und man bei anderen über die Eigenhändigkeit des Meisters anders denkt: Eine größere Anzahl Dürergemälde war nie wieder in einer einzigen Sammlung vereint. Aber Sie besaßen darüber hinaus eine ganze Reihe Werke weiterer sehr berühmter Maler.

Willibald Imhoff: Namentlich waren das Holbein, Cranach, Tizian, Giulio Romano, Bordone, Schongauer, Aldegrever, Pencz – oder zumindest, was ich damals dafür hielt. Dazu kamen unzählige Zeichnungen und Graphiken, wieder in erster Linie Dürers, dazu deutscher, niederländischer und italienischer Meister, die ich in rund dreißig Alben aufbewahrte. Und dann wäre da noch, was ich im Inventar als „Hausrat“ bezeichnete, was man heute wohl unter dem Begriff des Kunsthandwerks subsummieren würde: Neben den schon erwähnten Geweihleuchtern wären das Porzellanobjekte, Majoliken und Glaspokale. In gewisser Weise sind auch die Teppiche dazu zu zählen, mit denen die Wände der Wohnräume verkleidet waren. Dazu kamen einige astronomische Gerätschaften, die in den sog. Kunst- und Wunderkammern der damaligen Zeit ebenfalls nicht fehlen durften.

Benno Baumbauer: Wie darf man sich die Aufbewahrung bzw. Präsentation der Objekte im Haus am Egidienplatz vorstellen?

Willibald Imhoff: Natürlich hatte das eher wenig mit einem Museum im heutigen Sinne gemein: Das Herzstück war sicher die spätgotische Hauskapelle. Sie bot sich mit dem steinernen Gewölbe schon aus Brandschutzgründen zur Aufbewahrung der kostbarsten Objekte an und war selbstverständlich zugleich der ehrwürdigste Raum des Hauses. Hier waren, geordnet nach ihrem Wert, in erster Linie die Marmorköpfe und Skulpturen aufgestellt. Ebenfalls in diesem Raum befanden sich Schränke und Truhen, in denen in Schubladen die Münzen, Gemmen und Kameen aufbewahrt wurden. Die übrigen Objekte, d. h. vor allem auch die Gemälde und Geweihleuchter, waren aber über das gesamte Haus verteilt.

Benno Baumbauer: Kann man also sagen, dass wir es mit einem Hybrid aus Kunstsammlung und kostbar eingerichteter Familienresidenz bzw. Fürstenherberge zu tun hatten? Wo sehen Sie außerdem wesentliche Unterschiede zu einem heutigen Museum?

Willibald Imhoff: Ein ganz wesentlicher Aspekt ist natürlich der der Zugänglichkeit: Kunstsammlungen des 16. Jahrhunderts waren einem ganz exklusiven Publikum vorbehalten. Nicht nur Angehörige der unteren Schichten waren ausgeschlossen, in den fürstlichen Kunst- und Wunderkammern war beispielsweise auch Frauen und Kindern häufig der Zugang verwehrt. Jede Sammlung ist eben Spiegel ihrer Zeit – das ist heute nicht viel anders.

Benno Baumbauer: Gab es dann in Nürnberg überhaupt so etwas wie eine Kunstszene?

Willibald Imhoff: Selbstverständlich, das ging sogar weit über Nürnberg hinaus. Wie gesagt, waren in meinem Haus immer wieder Fürsten aus dem gesamten Reich zu Besuch. Ich stand aber auch in regem Austausch mit teils prominenten Künstlern. Dem jeweiligen Gast führte man dann je nach Interessenlage ganz ausgewählte Stücke vor. Es war damals üblich, sich in der Sammlung über die Kunstobjekte auszutauschen – andächtiges Schweigen wie in einem heutigen Museum hätte man als absurd empfunden. Teilweise führten wir sehr fruchtbare Diskussionen, beispielsweise über die Identifizierung der dargestellten Personen auf antiken Gemmen oder auch der Marmorköpfe, aber auch über die Zuschreibung von Werken an diesen oder jenen Künstler. Beispielsweise besaß ich ein Gemälde, das einige für einen Raffael hielten, bis wir auf der zugehörigen Hülle eine Signatur Giulio Romanos entdeckten.

Benno Baumbauer: Dann waren Sie ja eigentlich auch ein früher Kunsthistoriker mit wissenschaftlicher Methodik. Hätten Sie sich damals als leidenschaftlichen Sammler bezeichnet?

Willibald Imhoff: Auch wenn das vielleicht abgedroschen klingt, weil es die meisten Sammler von sich sagen würden: Ich hatte tatsächlich schon von früher Jugend an eine Neigung zu Münzen und Antiquitäten. Zudem war ich weniger der gesellige Typ. Und da ich keinen Garten hatte, habe ich meine Zeit eben mit dem Sammeln vertrieben, zumal sich ja durch das Erbe meines Großvaters eine nachgerade ideale Gelegenheit ergeben hatte. Darüber darf man aber nicht vergessen, dass eine Kunstsammlung schon damals immer auch eine Geldanlage war, was ich besonders auch meinen Kindern einzuschärfen versucht habe.

Benno Baumbauer: Welche Kriterien haben Sie beim Ankauf neuer Objekte angelegt?

Willibald Imhoff: Ganz allgemein war ich stets um eine Optimierung der Sammlung bemüht: Manchmal habe ich drei, vier, fünf oder gar zehn, fünfzehn oder zwanzig, vielleicht sogar sehr schöne, hochwertige, aber eben häufige Objekte hergegeben, zum Tausch gegen ein Stück von hohem Seltenheitswert. Ich habe deshalb auch meine Kinder davor gewarnt, sich ohne rechten Sachverstand zur Herausgabe einzelner Stücke bewegen zu lassen. Das war auch der Grund, warum ich mehrere Inventare der Sammlung angefertigt habe, die genaue Taxierungen der allermeisten Objekte enthielten – schließlich wusste ich selbst am besten, was ich beim Erwerb gezahlt hatte. Ebenso wenig schien es mir ratsam, Objekte herzuleihen, weil man sonst Gefahr lief, dass heimlich Abgüsse angefertigt werden könnten oder man minderwertige Stücke zurück erhielt. Der Kunstmarkt war schon damals ein Tummelplatz für Betrügernaturen.

Benno Baumbauer: Ihre kennerschaftliche Expertise war unter den Zeitgenossen weithin berühmt.

Willibald Imhoff: Sie spielen darauf an, dass ich vom bayerischen Herzog Albrecht V. in den 1570er Jahren den Auftrag bekam, seine berühmte Medaillensammlung zu ordnen und zu inventarisieren. Herzog Albrecht war zuvor bereits zweimal in meinem Nürnberger Haus zu Gast gewesen – das zeigt noch einmal, dass so eine Sammlung eben auch enormes Potential zur gesellschaftlichen Vernetzung bot. Das ist heute ja nicht anders.

Benno Baumbauer: Nun noch einmal konkret: Was würden Sie als anerkannter Kunstexperte des 16. Jahrhunderts einem Kunstsammler bei der Auswahl seiner Stücke raten? Bzw. welche Kriterien bestimmen für Sie die Wertigkeit eines Kunstwerks?

Willibald Imhoff: An erster Stelle ist selbstverständlich stets der Kaufpreis zu nennen – darunter sollte man natürlich auch nicht wieder verkaufen. Den Seltenheitswert haben wir ja schon genannt. Alte Stücke sind mehr wert als moderne, zumindest galt das für meine Lebenszeit. Dann wäre da das Kriterium der künstlerischen Qualität: Es gibt eben gute und sehr gute, aber auch schlechte Meister; genauso gab es Zeiten, in denen die Kunst sich allgemein auf niedrigem Niveau bewegte.

Benno Baumbauer: Ist das Ihr Ernst? Müssen wir nicht alle Epochen gleichberechtigt nebeneinander betrachten?

Willibald Imhoff: Das mag die heutige Sicht der Dinge sein, zu meinen Lebzeiten sah man das eben anders. Doch fahren wir fort: Unterschiede gibt es natürlich auch beim künstlerischen Aufwand bzw. beim Detailgrad der Ausarbeitung. So macht die Ausgestaltung eines Bartes bei einem antiken Marmorkopf schlicht mehr Arbeit, was einem solchen Stück zusätzlichen Wert verleiht. Auch der Erhaltungszustand ist ein wichtiges Taxierungskriterium – eine abgebrochene Nase, und der Wert eines Stückes kann schon entschieden verlieren. Und last, but not least wären da natürlich die berühmten Namen, sowohl, was den Künstler anbelangt, als auch die dargestellte Person. Zu unserer Zeit war natürlich Dürer der gefragteste Künstler, und zwar nicht nur hierzulande – und das natürlich vollkommen zu Recht. Aber ebenso kann es über den Wert einer Münze entscheiden, ob es sich bei dem Dargestellten um Pompeius handelt oder einen unbekannten Konsul.

Benno Baumbauer: Herr Imhoff, zum Abschluss: Wurmt es Sie, dass Ihre Sammlung bereits in den folgenden zwei Generationen nach Ihrem Tod ausverkauft und in alle Winde zerstreut wurde?

Willibald Imhoff: Zunächst einmal geht ja bereits aus meinem Kunstinventar von 1573 hervor, dass die Sammlung von Vornherein für die Erbteilung bestimmt war; es war also von Anfang an völlig klar, dass sie nach meinem Tod nicht geschlossen beisammen bleiben würde. Neben dem Hausrat waren nur sechs Gemälde explizit für den Verbleib im Haus am Egidienplatz bestimmt gewesen. Dennoch ist es natürlich ärgerlich, dass meine Erben sich nicht an meinen Rat gehalten haben, die Stücke nicht einzeln ausklauben zu lassen. Auf der anderen Seite muss man natürlich zugestehen, dass sie durch die Prominenz der Kaufinteressenten einem enormen Druck ausgesetzt waren.

Benno Baumbauer: Zu den Käufern gehörten u. a. Kaiser Rudolph II. und Kurfürst Maximilian I. von Bayern.

Willibald Imhoff: Bei dem damaligen Dürerhype hat sich natürlich schnell herumgesprochen, was in Nürnberg und speziell im Imhoffschen Haus zu holen war. Es kamen ja später Vorwürfe auf, meine Erben hätten vorsätzlich Handel mit gefälschten Dürerwerken getrieben – was ich natürlich mit aller Deutlichkeit zurückweise.

Benno Baumbauer: Hätte es denn überhaupt eine Möglichkeit gegeben, die Sammlung nachhaltig beisammen zu halten?

Willibald Imhoff: Ich denke, ein eindrückliches Beispiel hierfür ist das Praunsche Kabinett, also die etwas spätere Nürnberger Sammlung des Paulus Praun. Er trennte in seinem Nachlassinventar explizit zwischen Hausrat und Kunstobjekten und verleibte letztere einer sogenannten Vorschickung ein, einer spezifisch Nürnbergischen Stiftungsform, die genau zum Schutz vor der Zersplitterung von Familienbesitz bestimmt war. Verwalter und Nutznießer dieser Stiftung war stets der Familienälteste, der keine Stücke aus der Sammlung veräußern durfte. So war es möglich, dass das Praunsche Kabinett von 1616 bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit im frühen 19. Jahrhundert bestehen blieb – sicherlich ein zukunftsweisendes Modell. Dennoch darf ich stolz sein, dass meine früheren Bestände bis heute den Grundstock für eine Reihe sehr bedeutender Sammlungen in Deutschland und Österreich bilden.

Benno Baumbauer: Lieber Herr Imhoff, Kunstnürnberg bedankt sich ganz herzlich für das Interview.

Die Aussagen des Geistes des Willibald Imhoff basieren auf den Quellen, die sich aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu seiner Sammlung erhalten haben. Die Stücke aus Imhoffs früherem Besitz sind heute über bedeutende Museen in Europa und Amerika verteilt.

Mit Ausnahme der Dürerwerke und einiger Zeichnungen lässt sich nur ein geringer Anteil der in den damaligen Inventaren gelisteten Objekte noch heute identifizieren.

Größere Bestände der Sammlung befinden sich heute in der Albertina in Wien und der Universitätsbibliothek Erlangen (Zeichnungen), auf der Veste Coburg (Dürergraphik), im British Museum in London sowie dem Germanischen Nationalmuseum, der Stadtbibliothek und dem Stadtarchiv Nürnberg.

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