Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer ist ein Nachschlagewerk zur weiblichen Menstruation in Texten und Illustrationen.

Im Interview berichten die beiden Grafikerinnen über Ihre Arbeit an dem Buch, den Inhalt und die Schwierigkeiten während des Schaffensprozesses.

Ebbe und Blut – Ein Nachschlagewerk zur weiblichen Menstruation von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Eva Wünsch und Luisa Stömer, Foto: Valentina Plank
Eva Wünsch und Luisa Stömer, 2016, Foto: Valentina Plank

Kunstnürnberg: Ihr habt Grafik Design und Illustration an der TH Nürnberg studiert und mit eurer 239-seitigen Bachelorarbeit Ebbe und Blut abgeschlossen. Ebbe und Blut, ein Nachschlagewerk zur Menstruation mit Texten und Illustrationen wurde als beste Abschlussarbeit der Uni im Sommersemester 2016 prämiert. Wie kamt ihr auf das Thema bzw. warum dieses Thema?

Luisa Stömer: Wir haben uns dafür entschieden an diesem Thema zu arbeiten, bevor uns bewusst war, wie wichtig es ist und welche Tragweite der weibliche Zyklus im weiblichen Leben hat.

An Mädchenabenden oder auch wenn wir nur zu weit sind, diskutieren wir ständig Fragen über die eigenen uterischen Auswüchse. Eigentlich rätseln wir mehr.
Über unsere Perioden- über Männer und Perioden in Zusammenhang, Schwangerschaft und so weiter. Eigentlich kamen wir immer zu dem Ergebnis, dass wir nicht genau wissen, warum etwas so ist, wie es ist.

Sich darüber zu informieren scheint einfach zu sein – aber fundierten Wissen zu spezifischen Fragen zu finden ist wirklich schwer. Über diesem Problem saßen wir zusammen und dachten uns, dazu müsste man etwas machen.

Zuerst haben wir recherchiert was es schon gibt und festgestellt, dass es in der Form, wie wir uns das vorgestellt hatten, auf dem Markt noch nichts gibt. Es sind Ratgeber für pubertierende Mädchen, aber auch ganz viele Ratgeber über die Menopause vorhanden, die am Ende des

Lebens eines florierenden Zyklus steht. Dazwischen gibt es leider kaum etwas. Und was wir fanden war unansehnlich und die Inhalte waren in schwierigen Texten formuliert.

Auch deshalb haben wir angefangen daran zu arbeiten. Und je mehr wir dazulernten, desto mehr wurde uns klar, warum dieses Buch wichtig ist. Wir konnten diese unglaublich großen Wissenslücken Stück für Stück füllen und stiegen tiefer in die Materie ein.

Eva Wünsch: Wir haben das auch für uns gemacht und für die Leute in unserem Umfeld. Wir wollten unser Wissen mit ihnen teilen.

Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer
Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Kunstnürnberg: Schließlich hat es sich angeboten das Projekt als Abschlussarbeit umzusetzen?

Luisa Stömer: Ja, gerade eben weil noch kein Buch über diese Thematik ansprechend gestaltet und ansprechend formuliert existiert.

Eva Wünsch: Wir wollten auch von Anfang an etwas zusammen machen. Und Ebbe und Blut war einfach so ein riesiges Projekt, dass Zusammenarbeit auch sinnvoll erschien.

Kunstnürnberg: Wie sah die Arbeitsteilung unter euch beiden aus?

Eva Wünsch: Am Anfang stand viel Recherchearbeit, bei der wir monatelang in der Bibliothek saßen und Bücher gelesen haben. Die Kapitel selbst haben wir uns zwar aufgeteilt, aber es war ein ständiges Hin- und Hergeben zwischen den Arbeiten. Die eine hat den Text verfasst, während die andere an den Illustrationen saß und dann haben wir wieder getauscht. Im Prinzip hat jeder alles mindestens einmal überarbeitet. Wie in einem Ping-Pong Spiel.

Luisa Stömer: Die Arbeitsweise lebte gerade von diesem Ping-Pong Spiel. Auch die Illustrationen sind zu großen Teilen zusammen entstanden.

Kunstnürnberg: Wie ist das Buch aufgebaut?

Luisa Stömer: Ebbe und Blut hat 16 Kapitel. Dieses erste Kapitel heißt „Inventar“. Wir erklären welche wichtigen Organe, Hormone und Funktionen im weiblichen Zyklus eine Rolle spielen. Anhand der im „Inventar“ vorgestellten Organe, etc. erklären wir im folgenden Kapitel einen kompletten Zyklus. Also wann, wie, was und mit welchen Auswirkungen. Wir gehen auf das Blut an sich ein und darauf, welche Besonderheiten es hat. Dann geht es damit weiter, was passiert, wenn eine Samenzelle dazu kommt und eine Befruchtung daraus resultiert. Wir behandeln aber auch psychische Auswirkungen der Vorgänge im Zyklus, die den ganzen Monat hinweg große Auswirkungen auf Körper und Geist haben.

Ebbe und Blut: Zyklus, von Eva Wünsch und Luisa Stömer
Ebbe und Blut: Zyklus, von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Eva Wünsch: Des Weiteren wird die erste und die letzte Blutung im Leben einer Frau erklärt. Außerdem haben wir noch klassische Krankheiten oder Störungen aufgenommen. In zwei Kapiteln geht es auch um Heilmittel und den Zyklus unterstützende Ernährung. Ein Kapitel dreht sich um Verhütungsmethoden, ein Weiteres hat die Abtreibung als Inhalt. Ebbe und Blut endet schließlich mit einem Kapitel über kurioses Zykluswissen.

Luisa Stömer: Zum Beispiel was eine Astronautin macht, wenn sie ihre Tage hat.

Eva Wünsch: Oder wie sich der Zyklus bei Freundinnen angleicht. Ganz am Ende des Buches steht noch ein Lexikon (in unserem Fall: Enzyklopädia Periodika), in dem alle wichtigen Begriffe erklärt werden.

Kunstnürnberg: Nach welchen Kriterien habt ihr den Text zusammengestellt?

Luisa Stömer: Wir haben insgesamt ca. zehn Monate an dem Buch gearbeitet und die ersten fünf davon haben wir mit dem Recherchieren in wissenschaftlicher Literatur und Fachliteratur für Medizinstudenten verbracht. In seinem Informationsgehalt basiert unser Text auf wissenschaftlichen Fakten. Wir erklären Stück für Stück, wie was wann und warum passiert und haben und haben unsere Texte von Ärzten, Medizinstudenten und einer Hebamme gegenlesen lassen.

Aber dann haben wir versucht die Auswirkungen und den Mehrwert dieses Wissens in relativ einfach zu verstehende Texte zu fassen. Sie sollten auf keine Fall bierernst sein. Die Texte sollen informieren, Wissen vermitteln, aber auch kurzweilig zu lesen sein.

Ebbe und Blut: Verhütung, von Eva Wünsch und Luisa Stömer
Ebbe und Blut: Verhütung, von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Kunstnürnberg: Der Text wird von Collageillustrationen begleitet. Wie entstanden die Illustrationen technisch und welche Inhalte haben sie?

Eva Wünsch: Wir haben uns viele alte Frauenmagazine besorgt. Zum Beispiel Nähhefte oder alte Playboy-Hefte, die wir zerschnitten, neu zusammengefügt und anschließend eingescannt haben.

Im Anschluss wurde teilweise auch noch digital nachbearbeitet. Es gibt auch einige Illustrationen, die nur am Computer entstanden sind, wie beispielsweise der Querschnitt des weiblichen Körpers, bei der mehrere Strukturen übereinander gelegt wurden.
Es gibt einerseits anatomische Illustrationen und dann noch freiere Illustrationen, die eher weniger körper- und objektbezogen sind.

Luisa Stömer: Wenn ein Kapitel beispielsweise erklärt, wie unglaublich viel unbeachtete Auswirkung der Uterus auf unsere Stimmung während des Monats hat, dann haben wir eine in ihrer Aussagekraft tiefergehende Illustration gemacht. Diese Illustrationen sind nicht anatomisch, sondern mehr künstlerisch und „abgefahren“.

Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer
Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Eva Wünsch: Meistens stehen sich die Illustrationen und der Text in ihrer Bedeutung komplett gegenüber. Zum Beispiel im Fall der Verhütungsmethoden, wo wir den Vaginalring beschreiben, steht gegenüber eine Illustration, die das Ring-Motiv wiederholt.

Luisa Stömer: Genau. Es geht um den Vaginalring, aber wir bilden ihn nicht direkt ab. Denn es geht auch darum, was er mit der Frau macht. Man liest sich hier die Auswirkungen und Nachteile für den Hormonhaushalt durch, die dann auch in der Illustration verarbeitet sind. Der Text bekommt so noch eine Bildebene. Die Illustrationen schaffen zudem eine emotionale Ebene, die wichtig für das Lesen ist und den Leser auf eine andere Art anspricht.

Kunstnürnberg: Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung von Ebbe und Blut?

Eva Wünsch: Die größte Herausforderung war die Masse an schon bestehenden Texten und Abhandlungen. Die Berge aus Sachtexte durchzulesen und zu verstehen war herausfordernd – und sie dann zu gliedern und zu entscheiden was in das Buch hinein muss und was nicht. Und in eine Sprache zu bringen, die sich gut liest. Also einfach ein rundes Ding aus der Sache zu machen.

Das schwierigste war wirklich den Text zusammenzufassen. Wenn ich mir das Buch jetzt so ansehe, kann ich gar nicht fassen, dass wir das geschafft haben.

Ach, und auch recht schwierig war die Überlegung wie wir illustrieren sollen. Normalerweise illustrieren wir immer mit der Hand. Das war jetzt das erste Mal, dass wir uns an das Thema Collage gewagt haben.

Es war kompliziert eine einheitliche Bildsprache zu finden. Die Illustrationen sollten alle im Buch zusammenpassen. Wir haben oft Illustrationen aussortiert, die einfach nicht dazu gepasst haben. So lange bis alles stimmig war.

Luisa Stömer: Wir hatten au jeden Fall viel Ausschuss. Inhaltlich und Gestalterisch.

Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer
Ebbe und Blut von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Kunstnürnberg: Worauf habt ihr bei Layout, Grafik und Druck besonders geachtet?

Luisa Stömer: Wir haben zunächst darauf geachtet, dass das Grafikdesign schlicht ist. Das Layout sollte sich zurücknehmen, weil der Inhalt wichtiger ist und alles übersichtlich sein sollte. In unseren Augen sollte es eine Gestaltung werden, die alle Disziplinen (also Illustration, Layout und Grafik und den Text) in eine gleichberechtigte aber nicht überladene Form fasst.

Eva Wünsch: Das Format sollte außerdem handlich sein. Es sollte ein Buch sein, das man gut in die Hand nehmen kann und das nicht sperrig daherkommt.

Luisa Stömer: Und man soll das Buch selbstbewusst auf den Tisch legen können. Also etwas, was man sich nicht nur wegen des wichtigen Inhalts immer wieder gerne ansehen möchte.

Eva Wünsch: Einfach ein schönes Buch, das man sich gerne anschaut. Aber auch ein tatsächliches Nachschlagewerk.

Ebbe und Blut: Verhütung, von Eva Wünsch und Luisa Stömer
Ebbe und Blut: Verhütung, von Eva Wünsch und Luisa Stömer

Kunstnürnberg: Ihr seid auf der Suche nach einem Verlag, der Ebbe und Blut verlegt. Hat sich schon etwas ergeben?

Luisa Stömer: Es hat sich schon etwas ergeben. Gräfe und Unzer bringt unser Buch im Frühjahr 2017 heraus. Ein Ratgeber-Verlag, der teilweise auch eine künstlerische Sparte bedient. Der Verlag hat uns überzeugt und wir fanden, das Buch ist dort gut aufgehoben. Die erste Auflage erscheint in ungefähr 10 000 Exemplaren, wenn alles Glatt geht schon im März 2017. Auf der Leipziger Buchmesse wird Ebbe und Blut dann auch vorgestellt.

Kunstnürnberg: Habt ihr eine Ausstellungstipp für die Kunstnürnberg Leser?

Luisa Stömer: Ich fahre wieder auf die Biennale nach Venedig (28.5.–27.11.2017). Das ist für mich immer die eindringlichste Ausstellung und immer großartig. Das sollte jeder gesehen haben.

Kunstnürnberg: Vielen Dank für das Interview.

Eva Wünsch und Luisa Stömer: Vielen Dank für die Gelegenheit über Ebbe und Blut sprechen zu können.

Mehr Infos zu Ebbe und Blut

Mehr Illustrationen von Eva Wünsch finden Sie im Featured Artist Artikel auf Kunstnürnberg.

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