Lisa Jäger im Exklusiv-Interview mit KUNSTNÜRNBERG über ihre Kunst, ihre Pläne und das Studium in Nürnberg.

Lisa Jäger im Gespräch mit KUNSTNÜRNBERG über  Werkstoff Latex

Lisa Jäger in ihrem Atelier, 2012, © Paulina Mandl
Lisa Jäger in ihrem Atelier, 2012, © Paulina Mandl

Kunstnürnberg: Lisa, du arbeitest vornehmlich mit Latex. Ein eher unkonventioneller Werkstoff. Wieso hast du dieses Material ausgewählt?

Lisa Jäger: Bei dem Versuch meine Ideen umzusetzen bin ich auf die Suche nach einem adäquaten Material gegangen und dabei auf den Latex gestoßen, der für mich viele Möglichkeiten bereithält, die noch lange nicht ausgeschöpft sind.

Kunstnürnberg: Welche besonderen Eigenschaft vereint der Latex?

Lisa Jäger: Latex hat für mich eine ungewöhnliche Ästhetik, die ich so etwa von Ölfarbenmalerei oder Ton her nicht kenne. Viele Leute, die meine Werke betrachtet haben, fanden das Material abstoßend, was ich sehr interessant fand. Das Material ist zudem sehr gut einsetzbar und vielseitig verwendbar. Man kann es auf unzählige Dinge auftragen und auch wieder abziehen. Mir ist kein anderer Werkstoff bekannt, der sich so gut von anderen Materialien ablösen lässt wie Latex. Zudem kann man es auch ohne Probleme einfärben.

Lisa Jäger: Waschbetonplatte, ©Cristopher Civitello 2012
Lisa Jäger: Waschbetonplatte, Foto:  Cristopher Civitello 2012

Kunstnürnberg: Welche Stationen durchläuft der Latex im Entstehungsprozess deiner Arbeiten?

Lisa Jäger: Oft habe ich eine bestimmte Idee oder sehe etwas, dass mir besonders gut gefällt und versuche, das dann mit dem Latex zu übersetzten. Am Anfang steht ein haptischer Eindruck, den ich dann mit dem Latex festzuhalten versuche, weil der Werkstoff geradezu dafür prädestiniert ist. Auf einer Studienreise im türkischen Turunc erregte eine einfache Waschbetonplatte meine Aufmerksamkeit. Diese für die meisten Menschen hässlichen und rein funktionalen Platten, reizten mich besonders. Das gepresste, eng aneinander liegen der einzelnen Formen, faszinierte mich in hohem Maße, weshalb ich mich entschloss, mir die Platte durch einen Abguss zu Eigen zu machen. Ich trug also den Latex auf, ging mit der Farbe rein, ließ ihn trocknen und zog ihn wieder ab.

Kunstnürnberg: Dürfen die Betrachter deine Werke auch anfassen? Nur so können sie das Haptische deiner Arbeiten erleben.

Lisa Jäger: Eiswürfel 2012, ©Cristopher Civitillo
Lisa Jäger: Eiswürfel 2012, Foto:  Cristopher Civitillo 2012

Lisa Jäger: Zu Anfangs wollte ich tatsächlich haptische Erlebnisse für die Betrachter schaffen und forderte die Besucher auf, die Arbeiten sanft zu berühren. Dann merkte ich aber, dass viele Betrachter recht respektlos mit den Werken umgingen. So beobachtete ich öfters während unseren Ausstellungen in Sankt Paul, dass an den Arbeiten grob herum gezupft wurde. Eigentlich sollte durch leichtes Tasten der haptische Reiz eine Sinnhaftigkeit und Genuss bei den Ausstellungsbesuchern hervorrufen. Das Anfassen der Arbeiten ist nun aus diesem Grund untersagt. Interessant ist die Idee, dass Besucher die Sachen trotz des Verbots anfassen und dann auch vorsichtiger vorgehen. Bei mir würde da ein Adrenalin Kick einsetzten und ich würde den Prozess des Anfassens auch mehr wertschätzen.

Kunstnürnberg: Spielst du mit der Wahrnehmung der Betrachter, die sich beispielsweise die Waschbetonplatte oder deine Abformungen von eingeschweißten Meeresfrüchten anschauen und nicht wissen was sie da vor sich haben?

Lisa Jäger: Natürlich! Die Werke erschließen sich oft nicht auf den ersten Blick einfach so. Neben der Bedeutung, die die Objekte mit sich tragen, soll aber auch einfach nur der ästhetische Reiz vermittelt werden. Selbst wenn die Arbeiten objektiv hässlich erscheinen, verbirgt sich dahinter für mich die Schönheit der Form. Ich möchte den Betrachtern meinen Sinn für Ästhetik durch meine Arbeiten auch mitteilen.

Lisa Jäger - Abdruck von Garnelen, ©Christopher Civitillo 2012
Lisa Jäger – Abdruck von Garnelen, Foto: Christopher Civitillo 2012

Kunstnürnberg: In deinen Arbeiten erkennt man oft eine bestimmte Art von Witz. Melancholische Trübsal lässt sie hingegen vermissen. Spiegelt dieser Witz in deinen Arbeiten deinen Charakter wieder?

Lisa Jäger: Ich finde es überaus wichtig über sich selber lachen zu können. Schwierig macht man sich das Leben, wenn man sich selbst zu ernst nimmt. Für mich ist Kunst immer noch etwas, dass mir in erster Linie Freude bereitet und mein Leben bereichert. Ob meine Kunst das Leben anderer Menschen bereichert, würde ich verneinen. Da ich mich nicht zu ernst nehme, kann ich auch meine Kunst nicht zu ernst nehmen. Natürlich reflektiere ich lange über meine Arbeiten, betrachte sie aus allen möglichen Perspektiven und versuche das bestmögliche Endprodukt zu schaffen. Einerseits zeige ich mit meinen Arbeiten sehr persönliche Aspekte meines Lebens, andererseits stehe ich in bestimmter Weise auch über den Dingen und kann einfach Lachen. Ja, ich denke, dass dieser „Witz“ von dem du sprichst, ein Stück meines Charakters ist, der in die Arbeiten unterbewusst einfließt.

Kunstnürnberg: In der Turunç-Ausstellung 2012 in Sankt Paul präsentiertest du eine Arbeit, bestehend aus fünf Latexabformungen von einer Waschbetonplatte, die du alle mit verschiedenen Farben monochrom eingefärbt hast. Warum hast du dich erneut dem Plattenmotiv zugewandt?

Lisa Jäger: Fliesen, 2011, ©Cristopher Civitillo 2012
Lisa Jäger: Fliesen, 2011, „Nürnberger Studentinnen stellen aus„,  Foto: Cristopher Civitillo 2012

Lisa Jäger: In der Tat wiederholen sich bei mir Motive öfters. In zeitlichen Abständen drängen sich mir die Dinge erneut auf, und ich versuche sie in der Umsetzung zu intensivieren. Nachdem ich zwei Jahre später (2011) erneut in Turunç war, setzte ich mich auch wieder mit den Sachen auseinander, die mich bereits einmal beschäftigt hatten.

Vielleicht bewegt man sich hier zu streng in den gleichen Rastern. Die Waschbetonplatte blieb bei mir hängen und machte Eindruck auf mich. Ursprünglich hatte ich vor, eine sehr große Abformung zu schaffen, was aber aus materialtechnischen und anderen Gründen nicht möglich war. Ich schuf also mehrere kleine rechteckige Latexabgüsse.

Kunstnürnberg: Die fünf monochromen Abgüsse vereinen zwei Kunstgattungen. Die Betrachter erkennen erst bei näherem Hinsehen, dass sie keine Leinwand, und somit ein Gemälde beäugen, sondern sich eigentlich einem Relief gegenüber stehen sehen. Wieso lässt du hier die Grenzen zwischen Malerei und Plastik verschwimmen.

Lisa Jäger: Meine Intention war eine Art Malerei zu schaffen. Vorbildhaft dafür war der Künstler Jakob Gasteiger, dessen Werke ich im Museum für Moderne Kunst in Wien bewundern konnte. Er trägt die Farbe sehr dick auf und schafft so äußerst haptische monochrome Bilder, die mich inspiriert haben, eine ähnliche Umsetzung auch in Latex zu wagen. Ich wollte eine Haptik erreichen, die ein malerisches und gleichzeitig graphisches Element transportiert.

Kunstnürnberg: Neben Latex experimentierst du auch mit Silikon. Wie entstand deine hervorragend umgesetzte Arbeit „Quallen“?

Lisa Jäger: Quallen, 2012, ©Lisa Jäger 2012
Lisa Jäger: Quallen, 2012, © Lisa Jäger 2012

Lisa Jäger: Silikon funktioniert ähnlich wie Latex, jedoch im mancher Hinsicht besser. Die Quallen entstanden tatsächlich im Kontext des Experimentierens mit dem Werkstoff Silikon. Ich begann das Silikon dünn auszustreichen, wobei dünne Schnüre entstanden, die mich an die Tentakel von Quallen erinnerten.

Hierbei spielten auch die durchsichtige Materialität und das wabernd Labile mit hinein. Durch die tiefe Hängung auf Augenhöhe des Betrachters in der Ausstellung sollte ein Kontakt und Berührungen zwischen den Besuchern und den Objekten hergestellt werden. Ein Kontakt, der auf dem offenen Meer schmerzvolle Folgen nach sich ziehen würde, im sicheren Ausstellungsraum jedoch harmlos bleibt.

Kunstnürnberg: In einer Video-Performance sieht man dich bei der täglichen Morgentoilette. Überraschendeweise folgt auf das Zähneputzen nicht etwa rasieren der Beine, sondern du beginnst dir Haut von deinen Beinen und Armen abzuziehen. Wie kamst du auf die Idee der Häutung?

Lisa Jäger: Paprikosch; © Cristopher Civitillo
Lisa Jäger: Paprikosch; Foto: Cristopher Civitillo 2012

Lisa Jäger: Bei einem Vergleich der Materialien Latex und Silikon, entdeckte ich, auch aufgrund der Farbigkeit des Latex, dessen Assoziation zu Haut. Die Verbindung Haut-Hülle hatte ich schon an den „Enten“ oder der Paprika bearbeitet.

In einem weiteren Schritt begann ich meinen Fuß abzuformen. Schließlich wollte ich den Prozess des Abziehens, der ja während der Entstehung der Abformungen undokumentiert bleibt, ebenfalls festhalten. Ich habe versucht die Häutung in einen alltäglichen Kontext einzubinden und so einen Überraschungseffekt bei den Betrachtern zu erzielen.

Lisa Jäger: Enten 2011, ©Cristopher Civitillo 2012
Lisa Jäger: Enten 2011, Foto: Cristopher Civitillo 2012

Kunstnürnberg: Welchen Stellenwert nimmt die Präsentation deiner künstlerischen Arbeiten für dich ein?

Lisa Jäger: Die Präsentation ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit. Da meine Arbeiten oft aus vielen kleinteiligen Einzelelementen bestehen gilt das Kunstwerk für mich erst als abgeschlossen, wenn es an der Wand hängt und präsentiert wird.

Viele meiner Mitstudenten und -Studentinnen haben mir gesagt, dass sie meine Arbeiten erst verstanden hatten, nachdem sie gemeinsam an der Wand arrangiert wurden, also von mir für das Betrachterauge aufbereitet wurden. Davor, im Atelier, scheinen die einzelnen Teile eher schwer verständlich zu sein.

Beispielsweise die auf einer Studienfahrt im italienischen Civitella entstandenen Arbeiten, die bei der Ausstellung „Studentinnen stellen aus“ gezeigt wurden, kamen meinem Empfinden nach erst zu voller Geltung, nachdem ich sie als Wandarbeit wie eine Collage arrangiert hatte.

Das Kunstwerk ist das Arrangement an der gesamten Wand und nicht die einzelnen Silikonabgüsse für sich betrachtet. Erst gemeinsam an der Wand wird die volle Wirkung erzielt. Einige Einzelteile werden z. B. so an der Wand angebracht, dass sie leicht von Luftzug bewegt werden. Das Element der Bewegung ist mir hierbei sehr wichtig, da es auch gerade vom flexiblen Material Latex zugelassen wird.

Lisa Jäger: Latex-Werkgruppe auf "Nürnberger Studentinnen stellen aus", 2012, ©Cristopher Civitillo
Lisa Jäger: Latex-Werkgruppe auf „Nürnberger Studentinnen stellen aus„, 2012, Foto: Cristopher Civitillo

Kunstnürnberg: Wie schwer fällt dir dabei der Prozess des Aufhängens?

Die Hängung nimmt viel Zeit in Anspruch. So kann es schon passieren, dass ich zwei Tage vor der Wand stehe und alles immer wieder neu arrangieren muss, bis es schließlich passt und ich zufrieden bin.

Kunstnürnberg: Wie beurteilst du die Nürnberger Kunstszene und wie würdest du dich, als Kunststudentin an der EWF, darin verorten?

Lisa Jäger mit Silikonstück, ©Miriam Böttcher
Lisa Jäger mit Silikonstück, © Miriam Böttcher

Lisa Jäger: Mir scheint, dass die EWF Studenten es schwerer haben in universitätsfernen Ausstellungsräumen, wie Galerien, auszustellen. Die Akademiestudenten werden hier meiner Meinung nach vorgezogen.

Außerdem herrscht eine zu große Kluft zwischen den großen Kunstinstitutionen wie Neuem Museum, Kunsthalle und Kunstverein und den kleinen Gostenhofner Hinterhofgalerien und –Kunsträumen.

Mir scheint, als ob hier ein Mittelding fehlt, ein Ort an dem Kunst- und Designstudenten regelmäßig ausstellen können und der nicht von einer Universität geleitet wird, wie die Akademie Galerie.

Lisa Jäger: Du gehst nicht spurlos an mir vorbei
Lisa Jäger: Du gehst nicht spurlos an mir vorbei

Kunstnürnberg bedankt sich herzlich für das aufschlussreiche Interview und wünscht Dir noch viele Erfolge in deinem künstlerischen Werdegang.

Lisa Jäger: Vielen Dank! Gerne wieder!

Das Interview führte Alexander Racz am 03.09.2012 in Nürnberg.

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