Zum Art Weekend zeigt das Krakauer Haus Animationsfilme von Studierenden und Absolventinnen und Absolventen der Akademien in Krakau und Nürnberg, und die Ausstellung stellt eine Frage, die weit über das Medium hinausreicht.
Seit 30 Jahren ist das Krakauer Haus ein Ort des deutsch-polnischen Kulturaustauschs, und im Jubiläumsjahr feiert es im Herbst weiter. Zum Art Weekend vom 9. bis 11. Oktober 2026 steht dort ein Medium im Mittelpunkt, das häufig am Rand der Kunstwelt verhandelt wird, nämlich der Animationsfilm.
Unter dem Titel IN MOTION hat Kasia Prusik-Lutz Arbeiten von Studierenden und Absolventinnen und Absolventen der Akademie der Bildenden Künste Krakau und der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg zusammengeführt. Vierzehn Positionen sind zu sehen, die Mehrzahl der Namen steht für Polen, dazu kommen Beiträge aus Deutschland und Korea. Zeichnung, Collage, Objekt, digitale Animation und experimentelle Verfahren treffen auf persönliche Geschichten, Beobachtungen und freie visuelle Erzählungen.
Ein Seismograf mit Fragezeichen
Der Begleittext beschreibt die Filme als fast so etwas wie einen Seismografen ihrer Zeit. Viele Arbeiten seien von Unruhe, Unsicherheit und Überforderung geprägt, andere spielerisch, absurd, poetisch oder überraschend leicht. Das ist ein großes Versprechen, denn ein Seismograf registriert nicht nur einzelne Ausschläge, er lässt aus ihnen auch eine Lage ablesen. Ob vierzehn Filme aus zwei Hochschulen die Lage einer ganzen Generation erfassen können, bleibt offen. Spannender als jede Verallgemeinerung ist die Frage, wie unterschiedlich junge Künstlerinnen und Künstler dieselbe Gegenwart erzählen.
Drei Standbilder, drei Temperaturen
Drei Standbilder aus dem Programm zeigen, wie weit diese Temperaturen auseinanderliegen können. Zugleich markieren sie die Grenze jeder Kritik, die nur Standbilder kennt, denn ein einzelnes Bild verrät nicht, was die Bewegung daraus macht.
In „Glitch“ von Katarina Gertli sitzen zwei junge Frauen nebeneinander, wohl in einem Bus oder in einer Bahn. Die eine hat den Kopf zum Smartphone gesenkt, rosa Kopfhörer im blonden Haar, die andere blickt an der Kamera vorbei ins Leere. Der Hintergrund leuchtet olivgrün, die Haut flackert in Orange, die Sitze stehen in kräftigem Blau, und der Pinselstrich bleibt breit und sichtbar, als wäre die Farbe noch nicht trocken. Man könnte von Nähe ohne Kontakt sprechen, und der Titel passt dazu, weil ein Glitch die kleine Störung im digitalen Bild ist. Reizvoll ist, dass die Oberfläche selbst nichts Glattes hat, denn die Handschrift widersetzt sich der Perfektion, von der das Wort Glitch spricht.

Eine andere Temperatur zeigt „Andrzej“ von Katarzyna Wierzba. In dichtem Schneetreiben steht ein Haus mit geschwungenen Giebeln hinter einem Gitterzaun, daneben ein Mast mit hängender Leitung, alles in Grau und Weiß. Vor der Tür zeichnet sich eine dunkle Gestalt ab, und an der Fassade sitzt ein kleines rotes Schild als einzige Farbe im Bild. Die Kälte ist beinahe zu spüren, und die Zurückhaltung der Palette lenkt den Blick auf diesen einen Akzent. Der Titel ist ein Vorname, und was zwischen der Gestalt und dem Haus geschieht, muss der Film erzählen.

Ein drittes Standbild setzt auf Schwarz und Weiß. In einem Feld aus feinen Strichen zieht sich eine dunkle Furche durch die helle Fläche, darüber steht ein Sternenhimmel, und in der Furche liegt etwas, das wie ein umgestürztes Fahrrad aussieht. Die Landschaft wirkt weit und zugleich zerbrechlich, und man ahnt, wie viel Zeichenarbeit in einem einzigen Bild steckt.

Was die Ausstellung leisten kann
Die Stärke von IN MOTION liegt im Dialog, denn zwei Hochschulen und zwei Städte begegnen sich in einem Medium, das Bild und Zeit verbindet. Ein gezeichnetes Motiv beginnt sich zu verändern, ein Objekt wird lebendig, ein Raum verwandelt sich, und plötzlich entsteht eine neue Perspektive. Dass die Ausstellung dabei nicht auf eine einzelne Technik setzt, sondern Zeichnung, Collage und digitale Verfahren nebeneinanderstellt, ist klug. So wird sichtbar, dass Animation weniger eine Methode als eine Haltung ist.
Eine Anmerkung zum Format: Kurze Filme brauchen Zeit, und ein Besuch beim Art Weekend ist oft ein Gang von Galerie zu Galerie. Wer IN MOTION gerecht werden möchte, plant mehr als einen Blick im Vorbeigehen ein oder kommt an den regulären Öffnungstagen, donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr, noch bis zum 13. November.
Am Samstag, 10. Oktober, um 18 Uhr wird die Ausstellung mit der Performance „Layer of Echoes“ von Jaehee So und Lynn Ohrndorf eröffnet. Der Titel lässt Schichten und Nachhall erwarten, ein schöner Gedanke für eine Schau, die nach den Themen einer jungen Generation fragt und danach, mit welchen Bildern sie dafür eine eigene Sprache findet. Ein Besuch lädt dazu ein, genauer hinzusehen und vielleicht auch darüber nachzudenken, in welcher Welt wir uns gerade bewegen.
Auf einen Blick
IN MOTION, Animationsfilme von Studierenden und Absolventinnen und Absolventen der Akademien der Bildenden Künste Krakau und Nürnberg
Art Weekend: Freitag, 9. Oktober, 19 bis 21 Uhr, Samstag, 10. Oktober, 11 bis 18 Uhr, Sonntag, 11. Oktober, 11 bis 16 Uhr
Vernissage und Performance „Layer of Echoes“ von Jaehee So und Lynn Ohrndorf: Samstag, 10. Oktober, 18 Uhr
Ausstellung bis 13. November 2026, donnerstags und freitags 14 bis 18 Uhr
Ort: Art Space Krakauer Haus, Hintere Insel Schütt 34, 90403 Nürnberg
Kuratiert von Kasia Prusik-Lutz, mit besonderem Dank an Bernd Klausecker von der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und Robert Sowa von der Akademie der Bildenden Künste Krakau
Kontakt: kontakt@krakauer-haus.de
Beteiligte Künstlerinnen und Künstler
Animationen: Amanda Bahle (DE), Oliwia Baran (PL), Alicja Bodziony (PL), Florentyna Cieślak (PL), Marlena Czop (PL), Katarina Gertli (PL), Kim Gündel (DE), Dobrawa Nosko (PL), Magdalena Özen (PL/TR), Oliwia Rosa (PL), Jaehee So (KR), Julia Stawiarczyk (PL), Katarzyna Wierzba (PL), Marceli Zając (PL)
Performance: Jaehee So (KR) und Lynn Ohrndorf (DE)


