Anita Blagoi hat von 2005 bis 2011 Freie Malerei und Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Prof. Ralph Fleck studiert.

Das Interview mit Anita Blagoi erscheint anlässlich der Ausstellung Nummer2 im Galeriehaus Nord in Nürnberg.

o.T. I Öl auf Papier I 150 x 123 cm I 2014, © Anita Blagoi
o.T., Öl auf Papier, 150 x 123 cm, 2014, © Anita Blagoi

Anita Blagoi und ihr Mann Philipp Seis beantworten die Fragen.

 

Anita Blagoi from createSTORY on Vimeo.

Alexander Racz (Kunstnürnberg) stellt die Fragen.

Philipp Seis, Anita Blagois Mann beantwortete die Fragen an ihrer statt.

Anita Blagoi musste dann doch noch einmal eingreifen.

Philipp Seis ist Animator und arbeitet gerade an der Lego News Show. Er hat bei Peter Angermann Malerei an der AdBK Nürnberg studiert.

o.T. I 2016 Acryl und Öl auf Leinen I 110 x 90 cm I, © Anita Blagoi
o.T., 2016, Acryl und Öl auf Leinen, 110 x 90 cm, © Anita Blagoi

Kunstnürnberg: Deine Arbeiten sind bestimmt durch Farbe und Flächen. Wie wirken beide für dich im Arbeitsprozess zusammen?

Philipp Seis: Die Fläche ist natürlich die Bühne für die Farbe. Wie man sieht, lasse ich der Farbe viel Spielraum und lasse sie im wahrsten Sinne des Wortes einfach fliessen. Die Flächen sind zum einen Begrenzungen, die ich der Farbe manchmal fast schon gewaltsam auferlege.

Sie entstehen auch nicht mit der Farbe sondern oft danach. Meine Flächen addieren sich im Gesamtbild zu Körpern. Oft lasse ich sie im Auge des Betrachters zu Landschaften werden, manchmal sind es aber auch geometrische Grundkörper derer ich mich bediene. Im Grunde baue ich Körper und Räume.

Eine Fläche ist zweidimensional. Ich denke räumlich. Ich habe auch einen besseren Orientierungssinn als mein Mann.

Anita Blagoi: Ja ja, Philipp, du hast vollkommen Recht. Ich denke wirklich eher in Raum-Körper-Bezügen.

Ich bin auch keine „Flächenmalerin“, das würde mich langweilen.
Meine eigentliche Arbeit besteht in dem Auffinden einer Komposition, also doch irgendwie in einer Flächenaufteilung. Ich mache oftmals vorab Skizzen, verwerfe einige wieder, manche kommen nach Monaten wieder hervor.

Diese Kompostionen sind im Ergebnis eigentlich sehr einfach, aber das Finden und Suchen der Kompositionen ist irgendwie dann doch sehr komplex und fordert mich wirklich.

Die Farbentscheidungen sind dagegen ganz schnell gefällt. Eine Farbe fordert einfach eine andere Farbe. Da gibt es kein Ausweichen.

o.T. I 2016 Acryl und Öl auf Leinen I 110 x 90 cm I, © Anita Blagoi
o.T. I 2016, Acryl und Öl auf Leinen, 110 x 90 cm, © Anita Blagoi

Kunstnürnberg: Deine Malerei ist das Ergebnis eines intuitiven Prozesses. Wie sieht dieser Prozess aus, bis ein Bild von dir als fertig erachtet wird?

Philipp Seis: Ich kann durchaus Phasen bei mir erkennen. Abstrakte Malerei ist ja nie ganz losgelöst von der Realität.

Eine Zeit lang habe ich mich von Dingen inspirieren lassen. Grundsätzlich aber gebe ich mich der Farbe als einer Art ästhetischer Sensation hin, von der ich mich begeistern lasse. Während des Prozesses ergeben sich so viel neue Ansätze, dass sich oft eine Idee ergibt während ich einer anderen folge.

Dabei spielt vor allem das Material eine entscheidende Rolle. Grundsätzlich versuche ich aber den Produktionsprozess in einen Entdeckungsprozess zu verwandeln.

Anita Blagoi: Also ein Bild ist definitiv fertig, wenn ich überrascht werde. Das ist ein Wahnsinnsgefühl. Manchmal weiß man gar nicht, was man will oder was man sich gerade erarbeitet und dann passiert es auf einmal und man denkt: Wow, genau so wollte ich schon immer mal malen, aber ich wusste noch gar nichts davon.

Diese Momente gibt es natürlich nicht so oft, aber wenn es passiert, dann weiß man, dass man gerade einen Schritt gemacht hat.

Mir ist das bei der Vorbereitung für die Ausstellung im Galeriehaus Nord auch passiert. In den letzten Arbeiten verwende ich u.a. ganz schamlos die Technik der Parallelprojektion. Das hätte ich früher nie gemacht, aber in Kombination mit gestischen Pinselspuren, die einfach ohne großes Zutun als erste Schicht entstehen, und der gewählten Form (Anlehnung an brutalistisch wirkende Architektur) sind die Bilder nach meinem Ermessen auf den Punkt gebracht. Fertig.

Philipp hat vollkommen Recht, ich entdecke erst nach und nach die Bilder, die ich malen möchte. Ich habe oftmals kein fertiges Bild im Kopf. Das wäre auch gar nicht meine Arbeitsweise.

Dann müsste ich das Bild ja nur noch runtermalen. Von dem her finde ich das intuitiv. Ich kann ein paar Schritte planen, aber nicht alle.

o.T. I Öl auf Papier I 29,7 x 21 cm I 2014, © Anita Blagoi
o.T., Öl auf Papier, 29,7 x 21 cm, 2014, © Anita Blagoi

Kunstnürnberg: Wie hat sich deine Malerei in den letzten Jahren weiterentwickelt?

Philipp Seis: Nach der Akademie habe ich mich getraut Dinge auszuprobieren die sich unter dem kritischen Auge meines Professors vielleicht so nicht entwickelt hätten.

Da man in einer Klassengemeinschaft bewusst oder unbewusst in bestimmte Richtungen gelenkt wird.

Meine Malerei konnte sich also gewissermassen unkontrollierter entwickeln.
Gleichzeitig vermisse ich aber auch den engen künstlerischen Austausch der Akademie.

Anita Blagoi: Philipp, du hast die Frage nicht wirklich beantwortet. Aber du hast schon Recht, mein Professor Ralph Fleck ist ein richtiger „Maler-Maler“.

Eigentlich sollten bei ihm die Arbeiten am besten mit dem Pinsel, Öl auf Leinwand malerisch umgesetzt werden. Ich weiß jetzt, dass das nicht mein Weg ist.

Ich verwende den Pinsel zwar schon, aber ich drücke manchmal Farbe mit einem Papier wieder ab oder ich lasse Farbe kontrolliert lasierend hinunterfließen, außerdem ziehe ich manchmal die Farbe mit einem Rakel wieder ab oder verwende andere Methoden… Ziel ist dabei eigentlich immer interessante Flächenstrukturen zu gestalten.

Die Farbe Schwarz habe ich seit meinem Abschluss an der Akademie als wesentliche Farbe in meiner Palette aufgenommen. Und die Arbeiten wurden immer graphischer.

o.T. I Öl auf Leinen I 110 x 90 cm I 2016 , © Anita Blagoi
o.T., Öl auf Leinen, 110 x 90 cm, 2016 , © Anita Blagoi

Kunstnürnberg: Du stellst im Galeriehaus Nord aus. Welche Arbeiten wirst du zeigen und wie entstand die Werkgruppe?

Philipp Seis: Im Galeriehaus Nord stelle ich grossformatige abstrakte Malerei aus, die gleichzeitig strukturiert und sehr verspielt ist. Viele Arbeiten haben einen strengen formalen Zug und etwas natürlich gewachsenes.

Mir geht es aber vor allem darum, den Betrachter an meinem Entdeckungsprozess teilhaben zu lassen. Einige der Bilder sind wie Sie sagen tatsächlich eine Gruppe. Andere sind einfach eine Auswahl an ästhetischen Begegnungen aus meinem Atelier.

Gleichzeitig bin ich natürlich sehr gespannt wie es sein wird die Arbeiten an einem anderen Ort zu sehen. Im Grunde rundet die Rezeption einen Schaffensprozess ja erst ab.

Arbeiten brauchen tatsächlich Betrachter die sich ein Bild von ihnen machen, sich mit ihnen identifizieren, oder eben gerade nicht.

Anita Blagoi: Philipp, du weißt doch gerade gar nicht, was ich wirklich ausstelle. Du wolltest dich erst an der Vernissage überraschen lassen.

Neben einigen kleinformatigen Arbeiten, stelle ich Malereien auf Leinen aus. Ich habe mich jahrelang gegen die Leinwand gewehrt, weil mir die Oberbeschaffenheit nicht gefallen hat. Inzwischen hat sich das geändert.

Die Arbeiten erinnern auch etwas an Teppiche, da ich die Fransen-Enden des Leinen belassen habe. Ich komme ja ursprünglich aus Siebenbürgen in Rumänien. Dort wurden Teppiche als Bildersatz an die Wände gehängt. Dieser folkloristische Aspekt interessiert mich.

o.T. I Öl auf Papier I ca 80 x 60 cm I 2014, © Anita Blagoi
o.T., Öl auf Papier, ca 80 x 60 cm, 2014, © Anita Blagoi

Kunstnürnberg: Du bist Malerin. Kommt für dich auch ein Gattungswechsel, z.B. in die Fotografie, in Frage? Schnittstellen gäbe es sicherlich.

Philipp Seis: Ästhetisch lassen sich tatsächlich Anknüpfungspunkte finden. Sowohl bei Installationen, als auch bei Videos und Fotografie.

Im Falle der Fotografie z.b. finde ich Aspekte, die mich interessieren in Details, Licht, Schatten und Unschärfen. Insofern ähneln sie stark meiner Malerei.

Einfachheit und Klarheit sind auch in anderen Medien Aspekte nach denen ich suche und von denen ich mich leiten lasse.

Anita Blagoi: Ja, ich finde das ist eine berechtigte Frage. Ich finde andere Gattungen sehr interessant. Trotzdem bleibe ich bei der Malerei.

Ich glaube deswegen, weil man ALLES in der Malerei machen kann. Ich kann mich sozusagen bildhauerisch betätigen, aber doch in der Fläche bleiben. Und ich brauche dazu nur einen Malgrund, Farbe und Malwerkzeug. Einfacher geht’s ja kaum.

Die Malerei aber auch physisch mehr in den Raum zu bringen, beschäftigt mich sehr. Vor zwei Jahren habe ich die „Stelzen“ entwickelt. (Kleinformatige Ölbilder sind auf linearen Holzkonstruktionen befestigt.) Ein kleiner Versuch installativer zu arbeiten. Das werde ich definitiv weiterverfolgen.

Ich arbeite sehr viel auf Papier. Ich mag auch die Schnittstelle zum Druck. Aber ich finde es oft spannend in der Malerei etwas zu erzeugen, das wie gedruckt aussieht, obwohl es kein Druck ist.

Die Fotografie ist eher nicht mein Weg. Da würde ich mich viel zu abhängig fühlen. Ich mache ein Foto, ich importiere es (Veränderung Nr. 1), die Farben stimmen vielleicht nicht (auf jedem Bildschirm doch anders; Veränderung Nr. 2), der Druck wird wieder anders (Veränderung Nr. 3). Dazu fehlt mir die Geduld.

o.T. I Öl auf Leinen I 110 x 90 cm I 2016 , © Anita Blagoi
o.T., Öl auf Leinen 110 x 90 cm, 2016 , © Anita Blagoi

Kunstnürnberg: Hast du einen Ausstellungstipp für meine Leser?

Anita Blagoi: Ja, da habe ich einige. Ich werde mir definitiv die Arbeiten von Haleh Redjaian im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt anschauen.

Ich kenne noch keine Arbeiten von ihr, aber das mit den Teppichen finde ich sehr interessant und auch die grafischen Arbeiten.
Andreas Oehlert – Liaison in der Kunst Galerie Fürth steht auch noch an.

Ein absolutes Museumshighlight ist für mich das Kunsthaus Bregenz. Die Architektur von Peter Zumthor lässt die Werke der ausstellenden Künstler unglaublich gut zur Geltung kommen. Aktuell stellt Susan Philips aus.

Anita Blagoi im Web

o.T. I Öl auf Papier I 29,7 x 21 cm I 2016, © Anita Blagoi
o.T., Öl auf Papier, 29,7 x 21 cm, 2016, © Anita Blagoi

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